«Die Gletscher zerfallen selbst bei einem moderaten Klimaszenario»

Bern/Interlaken

Klimatologen, Glaziologen und andere Wissenschafter trafen sich in der Berner Universität zum 5.Klimasymposium. Im Vordergrund stand die Tatsache, dass sich der Mensch dem Klimawandel wird anpassen müssen.

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Bruno Petroni

Sie nennen das «robuste Berechnungen», die Wissenschafter: Die Zahlen, welche Kuno Strassmann vom Oeschger Center der Universität Bern den 140 Fachleuten am Klimasymposium in Bern vorstellte. Demnach gehen die Gletscher in der Schweiz gegenüber heute bis zum Jahr 2035 um 40 Prozent zurück. Bis 2060 sind es rund 75 Prozent, und in 70 Jahren werden die letzten Eisflächen vollständig weggeschmolzen sein. «Wir werden bereits in naher Zukunft wesentlich kleinere Schneemengen haben, und die überall verbreitete Fichte wird sich im Verlaufe der Jahrzehnte allmählich aus dem Mittelland in die höheren Gebiete zurückziehen», so Strassmann.

Die Hotspots im Oberland

Mit dem Wasserbauingenieur Nils Hählen vom kantonalen Tiefbauamt in Thun hatte das Symposium vom Freitag auch einen Oberländer Referenten, der sich in Sachen Naturgefahren und Gletscherrückgang bestens auskennt. Hählen ging denn auch gleich auf die sogenannten Hotspots im Berner Oberland ein: «Der Untere Grindelwaldgletscher, der uns bereits seit acht Jahren arg auf Trab hält, steht nach wie vor unter Beobachtung. Trotz des Entlastungsstollens gehen wir davon aus, dass hier das letzte Kapitel noch nicht geschrieben ist.» Hählen hielt es für gut möglich, dass sich hinter den Eisruinen des noch vor 3 Jahren sehr aktiven Gletschersees bald noch weitere neue Seen bilden könnten. «Auch im Bereich des Zäsenbergs, wo das Eismeer den unteren Gletscher nährt, könnte es sein, dass eines Tages neue Senken und somit Seen entstehen.» Der Obere Grindelwaldgletscher verhält sich zurzeit ruhig, wenn man davon absieht, dass sich da vor wenigen Tagen ein 1,2 Kilometer langer Toteisriegel vom Muttergletscher abgelöst hat. Dasselbe Ereignis trat ebenfalls vor wenigen Tagen beim Triftgletscher ein.

Als weiterer heisser Fleck gilt der Spreitgraben bei Guttannen. Dort lockerte sich der Untergrund unterhalb des Ritzlihorns durch den Rückgang des Permafrostes derart, dass sich während 3 Jahren zahlreiche immense Murgänge ereigneten. Seit 2 Jahren ist es aber ruhig. «Weitere grosse Rutsche werden dort bestimmt wieder kommen. Wir wissen nur nicht, wann», sagte Nils Hählen.

Generell erklärte der Spiezer Wasserbauingenieur, niemand wisse genau, was die Zukunft bringen werde. «Die Herausforderungen sind sehr gross und die gute Zusammenarbeit zwischen Bund, Kantonen, Gemeinden und Wissenschaft von grosser Wichtigkeit.»

Eisreserven für 50 Jahre

Der langjährige Professor der Glaziologie der Universität Zürich, Wilfried Haeberli, stellte den Symposiumsteilnehmern ein «moderates, wenn nicht naives Szenario mit einem globalen Temperaturanstieg von zwei Grad» vor. Selbst in diesem günstigsten Fall werden laut Haeberli Eisriesen wie der Aletschgletscher bis zum Ende des laufenden Jahrhunderts zerfallen, Seen werden sich bilden. Der Glaziologe rechnete vor: «Die vergletscherte Fläche im Alpenraum beträgt momentan 1750 Quadratkilometer. Seit der Jahrtausendwende verlieren wir jedes Jahr 40 Quadratkilometer. Also haben wir noch Eisreserven für die nächsten fünf Jahrzehnte.» Haeberli kam auch beim Berechnen der Kubaturen auf dasselbe Resultat: «Von den 80 Quadratkilometern Eisvolumen schmelzen jährlich 2 Kubikkilometer weg. Weltweit verlieren die Gletscher heute rund dreimal schneller an Dicke als noch vor 30 Jahren. In den letzten 150 Jahren ist deutlich mehr als die Hälfte des Eisvolumens verschwunden.» Allein im Hitzesommer 2003 dürften innerhalb von wenigen Monaten bis zu 10 Prozent des damaligen Eisvolumens verschwunden sein.

Haeberli wiederholte in seinem Referat, dass sich diese Berechnungen auf eine globale Erwärmung von gerade mal zwei Grad stützen. «Bei einem sogenannten A2-Szenario, also wenn es mit dem Umweltverhalten der Menschen und dem Bevölkerungszuwachs so weitergeht wie bisher, dürften die Folgen noch weit dramatischer werden.»

Schliesslich machte Wilfried Haeberli auf einige Unklarheiten aufmerksam, welche in Zukunft geregelt werden sollten: «So ist beispielsweise das Gletschervorfeld des Gauligletschers als Naturschutzgebiet deklariert. Ist denn ein Gletschervorfeld immer noch ein solches, auch wenn der Gletscher längst nicht mehr da ist?» Auch sollten die Gefahrenkarten inskünftig mit Blick auf kommende Szenarien erstellt werden: «Die meisten bisherigen Gefahrenkarten basieren auf bisherigen Ereignissen und nicht auf Verhältnissen, wie wir sie in Zukunft haben werden.» Abschliessend sagte Haeberli: «Am Hochgebirge sehen wir am deutlichsten, wie schnell die Klimaveränderung vor sich geht. Es ist quasi der erste Dominostein in unserem komplexen, globalen Ökosystem.»

Berner Oberländer

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