Das Wasser läuft vorwiegend in das Oberland ab, aber...

Plaine Morte

In den nächsten Jahrzehnten wird das Schmelzwasser des Plaine-Morte-Gletschers mehr und mehr ins Simmental abfliessen. Knapp wird das Wasser ab 2080 aber auf beiden Seiten der Kantonsgrenze.

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Es ist vor allem das Berner Oberland, welches in den nächsten Jahrzehnten das bis dann knapp werdende Schmelzwasser der Region Plaine Morte bekommen wird. Zu diesem Schluss kommen die Hydrologen und Glaziologen, die in den letzten zwei Jahren das Abflussverhalten des Schmelzwassers auf dem Gletscher auf der Wasserscheide zwischen dem Simmental und dem Wallis anhand von Markierungsversuchen genauestens analysiert haben. Der Freiburger Uniglaziologe Matthias Huss: «Generell fliesst das Wasser aus dem Osten und Norden des Gletschers Richtung Lenk, während der westliche Teil einesteils durch den Gletscher ebenfalls ins Oberland abfliesst, andernteils durch das Karstsystem ins Wallis.» Die Versuche bei grosser Schneeschmelze zeigten, dass das Wasser auch teilweise in den Karstuntergrund eindringt. «Ein Grossteil des anfallenden Schmelzwassers wird deshalb auch in Zukunft bei einem kleineren Plaine-Morte-Gletscher durch den Karst gegen Norden abfliessen», interpretiert Huss die abgeschlossene Tracerstudie. «Wenn allerdings der ganze Gletscher weg ist, gibt es auf beiden Seiten im Hochsommer keinen Wassernachschub mehr.»

Gletscher wird verschwinden

In drei Tracerversuchen zu verschiedenen Jahreszeiten mischten die Forscher unter der Leitung des Hydrologen und Koordinators David Finger hoch konzentrierte organische Farbe ins Schmelzwasser und untersuchten anhand von zwei Dutzend Messstellen, wo wann wie viel gefärbtes Wasser abfliesst. So wurde der erste Versuch am 22.August 2011 durchgeführt, einem Hitzetag mit extremer Eisschmelze (wir haben berichtet).

Die zweite Messung erfolgte am 6.August des letzten Jahres – an dem Tag, wo der restliche Schnee weggeschmolzen war. Und schliesslich gab es eine dritte Kampagne zu Beginn der Schneefälle im letzten Herbst. Auf diese Weise fanden die Wissenschaftler heraus: Bei grossem Wasserabfluss durch starke Gletscherschmelze wird das Karstsystem übersättigt, und so bekommt vor allem das Simmental eine beachtliche Menge des Wassers ab. «Wenn aber das Gletschereis dereinst fehlen wird, dürfte der Trübbach oberhalb der Siebenbrunnen-Quelle wohl fast versiegen, wie das in den kalten Monaten heute schon der Fall ist», sagt David Finger. Und: «Bei weniger Schmelzwasser läuft der Trübbach bereits heute stark reduziert ab, weil der Abfluss der Simme primär von Wasser aus den Tiefen des Karstsystems gespeist wird.»

Die Berechnungen der Experten ergeben, dass der heute 820 Millionen Kubikmeter grosse Plaine-Morte-Gletscher in den nächsten dreissig Jahren ein Drittel seines Volumens verlieren wird. Bis 2060 wird das Volumen noch 140 Millionen Kubik betragen und 2080 so gut wie weggeschmolzen sein.

Wie ein Emmentaler Käse

An der Markierungskampagne waren das Institut für Speläologie und Karstforschung sowie die Universitäten Bern, Lausanne und Freiburg beteiligt. Glaziologe Matthias Huss als Vertreter der letzteren Institution zieht folgendes Fazit: «Unsere Hypothesen sind mit dieser Untersuchung nun bestätigt worden. So ist vor allem der westliche Teil des Plaine-Morte-Gletschers stark mit dem Wallis verbunden. Eine Vorhersage über Jahrzehnte ist extrem schwierig.» Huss: «Das Karstsystem ist auf der Walliser Seite sehr effizient. So tritt in der Region des Tseusiersees bereits nach wenigen Stunden Wasser aus dem Berg aus, das zuvor auf der Gletscheroberfläche abgelaufen ist. Man kann das bildlich mit einem Emmentaler Käse vergleichen.» Ein Unsicherheitsfaktor sei aber die Abdichtung des Karstsystems durch Sedimente.

Die beteiligten 14 Autoren der publizierten Studie wissen jetzt immerhin, dass während der Sommermonate zu viel Wasser anfällt, als dass es vollständig in den Karst eindringen könnte, und das überflüssige Schmelzwasser des Gletschers somit nach Norden abfliesst. Bei geringer Schmelze versickert das meiste Wasser im Karst und kommt an den zahlreichen Quellen an die Oberfläche. «Feinsedimente können den Karst jedoch abdichten, was eine genau Prognose schwierig macht. Der Karst ist jedoch sehr effizient, denn das Wasser braucht nur wenige Stunden, um durch diesen abzufliessen», sagt Koordinator David Finger.

Walliser Wasserschloss

Was hat denn nun die ganze Markierungskampagne gebracht? Rolf Weingartner, Gesamtprojektleiter der Universität Bern: «Wir wissen jetzt, dass die Region Tseusier für die Destinationen Crans-Montana und Siders ein regelrechtes Wasserschloss darstellt und damit der Stausee zur Mehrfachnutzung des Wassers geeignet ist. Es ist jetzt eine Frage des Managements, wie dieses Wasser in Zukunft genutzt werden soll.»

Die Markierungskampagne stellt einen wichtigen Beitrag zu den wissenschaftlichen Arbeiten im Rahmen des Projekts «Mon-tanaqua» des Schweizerischen Nationalfonds dar.

Weitere Informationen zum Projekt finden Sie hier.

Berner Oberländer

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