Auf dieser Alp floriert das Geschäft

Immer mehr Bauernbetriebe verschwinden – auch in Berggebieten. Im hintersten Diemtigtal im Berner Oberland wehrt sich eine Gruppe Biobauern mit einer Alpkäserei jedoch erfolgreich gegen den Strukturwandel.

Konzentriert: Käser Ueli Zaugg stellt im Diemtigtal pro Saison bis zu 25 Tonnen Käse her. Er arbeitet in der grössten Bioalpkäserei der Schweiz.

Konzentriert: Käser Ueli Zaugg stellt im Diemtigtal pro Saison bis zu 25 Tonnen Käse her. Er arbeitet in der grössten Bioalpkäserei der Schweiz.

(Bild: Remo Naegeli/zvg)

Dominik Balmer@sonntagszeitung

Ueli Zaugg blickt zum Himmel und sagt: «Heute haben wir ‹wachsigs› Wetter.»

Es ist schwülheiss auf 1400 Metern über Meer im hintersten Diemtigtal im Berner Oberland. Wolken künden Regen an. Mit der Hitze und der Feuchtigkeit an diesem Spätsommertag wächst das Gras schneller, die Kühe haben mehr zu fressen und geben mehr Milch – das bedeutet mehr Arbeit für Ueli Zaugg. Er ist Käser in der Alpkäserei Kiley, die 2005 erstmals produziert hat – mitten in der Zeit des grossen Käsereiensterbens.

Bis zu 25 Tonnen Käse

Die Alpkäserei ist ein Projekt von sieben Diemtiger Bauern, die sich zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen und die sogenannten Kiley-Alpen im Jahr 2004 dem Kanton Bern für 2,3 Millionen Franken abgekauft haben (siehe Kasten). Mit ihrem Projekt widersetzten sich die Bauern dem Strukturwandel: In der Schweiz musste von 1999 bis 2005 jede zweite Käserei schliessen. In der gleichen Zeit verschwanden allein im Berner Oberland Hunderte von Bauernbetrieben. Ohne den Kauf der Kiley-Alpen wäre zumindest im Diemtigtal der eine oder andere Bauernbetrieb zusätzlich verschwunden. «Mit den Alpen sicherten wir unsere Existenz», sagt Ernst Knutti, Geschäftsleiter der Genossenschaft.

Der Start mitten in der Krise verlief indes harzig. «Heute staune ich über unseren Mut», sagt Knutti. Doch das Wagnis hat sich gelohnt: Die Kiley-Genossenschaft betreibt heute die grösste Bioalpkäserei der Schweiz. Pro Saison stellt Käser Zaugg bis zu 25 Tonnen Käse her.

Coop als Absatzkanal

Dass die Kiley-Alpkäserei so erfolgreich wurde, ist für Martin Jutzeler «ein Glücksfall». Der Regionalleiter Beratung am Inforama Berner Oberland streicht insbesondere den Biostatus hervor – ohne diesen wäre die Alpkäserei nicht möglich gewesen, sagt er. Nur innovative Projekte hätten heute in Berggebieten noch eine Chance.

Dank der Bioproduktion erzielen die Bauern auch einen besseren Milchpreis. «Wir haben eine gute Wertschöpfung», sagt Geschäftsleiter Knutti. Die Bauern erhalten für ein Kilo Käse vom Zwischenhändler 11 Franken. Im Laden kostet das Kilo schliesslich bis zu 27 Franken. Absatzprobleme kennt die Käserei nicht – «damit sind wir vermutlich eine der wenigen Schweizer Käsereien», sagt Knutti.

Für den Absatzkanal sorgt auch der Basler Grossverteiler Coop. Der Detailhändler vertreibt jährlich rund 8 Tonnen des Kiley-Alpkäses unter seinem Label Pro Montagna (siehe Kasten). Zudem hatte Coop den Bauern im Diemtigtal schon in der Startphase beim Bau der Käserei unter die Arme gegriffen – die Coop-Patenschaft für Berggebiete kam für eine Finanzierungslücke von rund 100'000 Franken auf. Ohne diesen Zustupf, sagt Berater Jutzeler, wäre das Projekt nicht zustande gekommen.

Trotz Biovorteil und Absatzkanal beim Grossverteiler: Die Diemtiger essen nach wie vor hartes Brot. Käser Zaugg zum Beispiel schuftet während der Käsesaison teilweise bis zu 15 Stunden am Tag. Allein. Nicht selten steht er bereits um 4 Uhr morgens auf und kommt nicht vor 21 Uhr ins Bett. Und das für einen Monatslohn von rund 6000 Franken. Er wohnt zudem in der ehemaligen Militärtruppenunterkunft im Diemtigtal – im gleichen Gebäude, wo auch die Käserei gebaut wurde. Oft ist Zaugg, der weder Frau noch Kinder hat, ziemlich alleine. Ans Aufhören denkt der 58-jährige Käser trotzdem nicht. «Ich käse jetzt seit 41 Jahren», sagt er, «und solange es mir gefällt, mache ich auch weiter.»

Geschäftsleiter Knutti ist denn auch des Lobes voll über seinen Käser. «Der Mann ist wie ein Sechser im Lotto.» Wenn er einmal aufhören sollte, brauche es als Ersatz wohl gleich zwei neue Käser.

«Ich bin ein Einsiedler»

Immerhin: Bald kann sich Käser Zaugg etwas zurücklehnen. Am letzten Samstag hat er für diese Saison zum letzten Mal gekäst. Und ab Oktober arbeitet er wieder in der Molkerei in Schönried. Seine Wohnung im Diemtigtal behält er indessen auch ausserhalb der Käsesaison. Zaugg sagt: «Ich bin halt ein Einsiedler.»

Berner Zeitung

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