Asylzentrum: «Doppelt fremd auf dem Land»

Aeschi

Es gibt keine Garantien, dass im künftigen Durchgangsheim für Asylbewerber in Aeschi alles reibungslos abläuft. Die Behörden tun aber ihr Möglichstes, wie an der Informationsveranstaltung zu erfahren war.

Informierten im Gemeindesaal (v.l.): Markus Grossen, Stiftung Blaukreuzheim, Jolanda Luginbühl, Gemeindepräsidentin Aeschi, Christian Rubin, Regierungsstatthalter, Iris Rivas, Leiterin Migrationsdienst (verdeckt), Daniel Rudin, Unterbringungskoordination und Peter Wenger, operativer Leiter ORS Service AG. Bildaufnahmen vom voll besetzten Saal waren nicht gestattet.

Informierten im Gemeindesaal (v.l.): Markus Grossen, Stiftung Blaukreuzheim, Jolanda Luginbühl, Gemeindepräsidentin Aeschi, Christian Rubin, Regierungsstatthalter, Iris Rivas, Leiterin Migrationsdienst (verdeckt), Daniel Rudin, Unterbringungskoordination und Peter Wenger, operativer Leiter ORS Service AG. Bildaufnahmen vom voll besetzten Saal waren nicht gestattet.

(Bild: Markus Hubacher)

Der Gemeindesaal füllte sich gegen 20 Uhr. Man grüsste sich. Von den Gräben, welche die Nutzung des Blaukreuz-Ferienzentrums in Aeschiried als Durchgangszentrum aufgerissen haben soll, war äusserlich nichts zu spüren. Regierungsstatthalter Christian Rubin definierte die Spielregeln: Keine Fotos von Veranstaltungsteilnehmenden ohne Funktion, keine Namen von Votanten.

«Wir wollen offen und transparent informieren», sagte Iris Rivas, Leiterin des kantonalen Migrationsamts. «Auf der Welt sind 50 Millionen Menschen auf der Flucht. Der Kanton Bern erhält aktuell monatlich rund 80 Personen zugewiesen.» Diese kommen aus den Erstaufnahmezentren des Bundes und werden den Kantonen zu Abklärungen zugewiesen. In einer ersten Phase leben sie in kollektiven Unterkünften, den Durchgangszentren.

Warum Aeschiried?

Ein solches Durchgangszentrum soll das Blaukreuz-Ferienzentrum in Aeschiried werden. Der Einzug der ersten Asylbewerber ist auf den 17.November vorgesehen. Stiftungsrat Markus Grossen begründete, warum die Stiftung das Ferienzentrum dem Kanton angeboten hat. In den letzten Jahren resultierte Jahr für Jahr ein Verlust, 2013 lag er über 200'000 Franken.

Einen Konkurs wollte die Stiftung vermeiden, und sie sah die Möglichkeit, Zeit zu gewinnen für die Erarbeitung eines innovativen Konzepts für die Zukunft. Der Mietvertrag mit dem Kanton läuft bis zum 31.März 2016, danach besteht eine Kündigungsfrist von drei Monaten.

Ein Vermögen, wie vonseiten der Bevölkerung angenommen wurde, häuft die Stiftung nicht an. Iris Rivas gab sogar Zahlen bekannt: Die Monatsmiete beträgt 18'000 Franken oder, anders gerechnet, 5.80 Franken pro Tag pro Asylbewerber.

Die Stiftung bekam Kritik für ihr Vorgehen. Es stand auch die Frage im Raum, ob nicht eine rechtswidrige Verletzung der Bauordnung (Zweckartikel der Überbauungsordnung Zentrum Blaukreuz) vorliege. Der Rechtsweg ist nicht eingeleitet; die Frage steht übergeordnetem kantonalem Recht gegenüber.

Für Familien

Daniel Rudin, Unterbringungskoordinator beim kantonalen Migrationsamt, wies auf die Bedeutung von Aeschiried als oberirdischem Durchgangszentrum hin. Der Kanton möchte Familien nicht in unterirdischen Zivilschutzanlagen unterbringen. Trotzdem: Dass nur Familie oder ältere Menschen nach Aeschiried kommen, kann er nicht garantieren.

Deutlich spürbar war die Ablehnung von jungen Männern, auch im Hinblick auf die einheimischen Mädchen. Einzig für eine Mutter war klar: Sie würde nötigenfalls auch alles tun, damit ihre Söhne nicht in einem ungewollten Ideologiekrieg in den sicheren Tod geschickt würden.

Klare Regeln

«Sie sind fremd und vielleicht auch doppelt fremd auf dem Land», sagte Gemeindepräsidentin Jolanda Luginbühl. Die Gemeinde hat zum Schutz der Bevölkerung Auflagen gemacht: Sie will klar bestimmte Ansprechpersonen haben. Die Busse, in denen Schulkinder transportiert werden, nehmen keine Asylbewerber mit. Diese dürfen nicht in grösseren Gruppen im Dorf unterwegs sein; ab 20 Uhr sollen sie sich im Zentrum aufhalten.

Die Schulanlage darf nicht betreten werden. Ein Mitspracherecht der Gemeinde an einem runden Tisch ist garantiert. Es gibt eine wöchentlich tagende Begleitgruppe aus der Bevölkerung, die von Roland Däpp geleitet wird. Rivas hofft sehr auf aktive Mithilfe beim Aufbau von Beschäftigungsprogrammen. «Wenn sie etwas zu tun haben, sind sie zufriedener» sagte Rivas. Eine Aussage, die im Saal hörbar nicht nur auf Zustimmung stiess. Eine weitere Geldfrage wurde deutlich beantwortet: Die Asylbewerber haben pro Tag 9.50 Franken für Ernährung, Kleidung, Rauchen und ÖV zur Verfügung; bezahlt werden nur Transporte zu den Behörden.

Wenig Stellen

Erstaunt zeigte sich jemand aus der Versammlung darüber, dass das Durchgangszentrum mit nur 600 bis 800 Stellenprozent betrieben werden kann. Für Peter Wenger von der ORS Service AG, die für Aeschiried zuständig sein wird, ist dies erfahrungsgemäss realistisch.

Es gibt ein Tagesteam und eine «stehende» Nachtwache. Angeboten werden Deutschunterricht und eine interne Schule für die Kinder. Grundsätzlich, sagte Daniel Rudin, sind die Asylbewerber frei und sorgen selbst fürs Kochen, Putzen, Waschen und für die Umgebung. «Wir stellen im Rahmen der humanitären Tradition der Schweiz Bett, Dach und Nahrung zur Verfügung. Wir erwarten, dass die Spielregeln eingehalten werden», sagte Christian Rubin in seinem Schlusswort.

Berner Oberländer

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