Antisemitismus-Vorwurf löst grosse Empörung aus

Sigriswil

«Antisemitismus ist in der Gemeinde weit verbreitet»: Diese Aussage in der Samstagsausgabe des Thuner Tagblatts sorgt in Sigriswil für eine Welle der Empörung. Der Gemeinderatspräsident wehrt sich für seine Leute.

«Die Aussage von Frau Kusano stimmt nicht»: Martin Sommer, Gemeinderatspräsident von Sigriswil.

«Die Aussage von Frau Kusano stimmt nicht»: Martin Sommer, Gemeinderatspräsident von Sigriswil.

(Bild: Patric Spahni)

Mili Kusano aus Gunten, praktizierende Jüdin, nahm in der Samstagsausgabe dieser Zeitung kein Blatt vor den Mund. Sie erklärte, in Sigriswil seien breite Kreise der Bevölkerung antisemitisch. Auslöser für ihre Aussage war ein antisemitischer Text im privaten «Sigriswiler Anzeiger», geschrieben von Otto Grossglauser aus Aeschlen, der bei der Gemeinde zu 50 Prozent als Schwellenmeister angestellt ist.

Beim Sigriswiler Gemeinderatspräsidenten Martin Sommer (PBS) riefen am Wochenende viele empörte Bürgerinnen und Bürger an und distanzierten sich von dem Vorwurf. «Die Aussage von Frau Kusano stimmt nicht», sagte Sommer gestern auf Anfrage. «Es gibt zwar auch bei uns schwarze Schafe, doch von einer weiten Verbreitung antisemitischen Gedankengutes kann keine Rede sein.»

Vorwurf kränkend

Der Vorwurf sei für viele Leute kränkend und werfe zudem ein schlechtes Licht auf die Gemeinde. Es habe in Sigriswil vorher noch nie antisemitische Vorfälle gegeben, und auch keine Anzeigen wegen Verstosses gegen das Antirassismus-Gesetz. Otto Grossglauser habe sich beim Gemeinderat schriftlich entschuldigt; sein Schreiben werde deshalb keine beruflichen Konsequenzen für ihn haben.»

Klare Worte findet auch der amtierende Nationalrat Adrian Amstutz (SVP): «Als Mitglied der Parlamentarischen Gruppe Schweiz-Israel verurteile ich den Antisemitismus scharf. Ebenso dezidiert verurteile ich die haltlosen Verunglimpfungen von Frau Kusano, die der Sigriswiler Bevölkerung einen weit verbreiteten Antisemitismus unterstellt.» Er wohne nun seit über 50 Jahren in der Gemeinde.

Antisemitismus sei bis zum aktuellen Vorfall und ausser richtigerweise im Geschichtsunterricht gar nie ein Thema gewesen. «An welchen Stammtischen die mir völlig unbekannte Frau Kusano verkehrt, wo nach ihren Ausführungen angeblich antisemitische Äusserungen gemacht werden, ist mir schleierhaft.»

«Das ist eine Frechheit»

«Der Antisemitismus-Vorwurf ist eine Frechheit», sagte der Sigriswiler alt Nationalrat Fritz Abraham Oehrli (SVP) aus Reust. «All jene als Antisemiten zu verunglimpfen, die sich nicht explizit vom Artikel im ‹Sigriswiler Anzeiger› distanzieren, ist ungehörig.» Er verstehe, dass Mili Kusano sich aufgeregt habe. Doch das sei kein Grund für einen solchen Pauschalvorwurf.

Ein weiterer ehemaliger Politiker, der für seine Mitbürger die Hand ins Feuer legt, ist Andrea Bomio (FDP). «Die Leute brauchen zwar hin und wieder Redewendungen, die nicht salonfähig sind. Aber wirklichen Antisemitismus konnte ich während meiner Amtszeit nie feststellen», sagt Bomio, der in der Gemeinde verschiedene Ämter bekleidete, unter anderen jene des Gemeindepräsidenten und des Gemeinderatspräsidenten. «Ich bin vom Gefühl her zudem absolut überzeugt, dass Otto Grossglauser den Text zwar selber eingereicht, aber sicher nicht selber geschrieben hat.»

«Viele lasen es gar nicht»

Die Angelegenheit scheint jedoch nicht für alle Bürger gleich wichtig zu sein. «Für die meisten unserer Kunden ist sie kein Thema», sagt Christian Hostettler, der in Sigriswil eine Bäckerei-Konditorei betreibt. «Einige Leute haben sich zwar gefragt, wie ein solcher Artikel in den ‹Sigriswiler Anzeiger› gelangen konnte.» Doch die grosse Mehrheit habe den Text gar nicht gelesen.

Einen anderen Blickwinkel auf die ganze Angelegenheit hat Renate Gloor, die Leiterin Gunten-Sigriswil-Tourismus: «Für den Ruf von Sigriswil als Ferienort ist der ganze Wirbel sehr schlecht.» Da die Geschichte um Grossglausers Text inzwischen auch in nationalen Medien und im Internet aufgenommen wurde, befürchtet Gloor einen Imageschaden bei den Gästen aus der Schweiz. «Zum Glück ist zurzeit nicht Hochsaison. Wenn die Gäste aus dem Ausland die Angelegenheit mitbekommen würden, würde der Schaden wohl noch grösser ausfallen.»

Wollte Gegend nicht in Verruf bringen

Und Mili Kusano, die Urheberin des kritisierten Statements? «Meine Aussage, Antisemitismus sei hier weit verbreitet, hat viele Sigriswiler Bürger beleidigt, natürlich gerade jene, welche ich mit dieser Aussage explizit nicht gemeint habe», sagt die praktizierende Jüdin. «Das tut mir aufrichtig leid. Ich will mich bei ihnen in aller Form und öffentlich entschuldigen.» Sie habe in Sigriswil viele freundschaftliche Beziehungen; mit ihrer Bemerkung habe sie nicht eine ganze Gegend in Verruf bringen wollen.

«Dass auch ein intaktes Bollwerk gegen das Aufkommen solcher Extreme da ist, hat ja auch die rasche und eindeutige Reaktion der Gemeinde gezeigt.» Es sei ihr mit ihrer Aussage vielmehr darum gegangen, jene aufzurütteln, welche einer Hasstirade wie jener von Otto Grossglauser gleichgültig gegenüberstehen oder damit offen oder latent sympathisieren und Grossglausers Recht auf freie Meinungsäusserung verteidigen.

«Diese Leute möchte ich darum bitten, ihre Haltung zu hinterfragen und sich mit dem Thema Antisemitismus und Rassismus auseinanderzusetzen.» Am Wochenende sei sie von vielen ihr bisher nicht bekannten Sigriswilern angerufen worden, die ihre Solidarität bekundet haben. «Das grosse Echo hat mich sehr gefreut und ich danke dafür. Es zeigt auch die Unterstützung, welche ich in der Gemeinde geniesse.»

Berner Oberländer

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