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Tauchgang im Thunersee: «Der See ist enorm vielfältig»

ThunNicht nur am Wasser tut sich im Sommer am Thunersee einiges; auch unter der Wasseroberfläche ist viel los. TT-Redaktor Marco Zysset hat sich in die Tiefen gewagt.

Fische und verrostete Fässer: Was man beim Tauchen im Thunersee alles findet.
Video: Michael Timm/Martin Bürki

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Ich schüttle kurz den Kopf und frage: «Eisweste? Habe ich richtig gehört? Eis-Weste?!» Tauchinstruktor Michael Timm – «Schreib einfach Timm. Michael nennt mich kein Mensch!» – erwartet meine Antwort auf die Frage, ob ich mir eine Eisweste überziehen wolle. «Wenn die Aare 15 Grad hat, gehe ich im Schwäbis schwimmen», sage ich. «Gut, dann können wir die Weste getrost vergessen.»

Damit ist ein für alle Mal klar: Tauchen im Thunersee ist nicht vergleichbar mit den Tauchgängen, die ich bisher absolviert habe. Mittelmeer, Bali, Malediven, Australien – warmes Wasser und meistens wunderbar klare Sicht, Temperaturen unter 22 Grad wurden bis dato einhellig als kalt deklariert. An jenem Morgen sind Timm und ich uns in zwei Punkten einig: An Land beim Hotel Bellevue in Hilterfingen ist es tierisch heiss; das Wasser wird womöglich keine 20 Grad warm sein. Der Tauchcomputer wird später am tiefsten Punkt des Tauchgangs 16 Grad anzeigen.

Hätte mir jemand gesagt, dass ich diese 16 Grad überhaupt nicht als kalt empfinden würde, hätte ich gelacht. Aber tatsächlich: der 7 Millimeter dicke Neoprenanzug – der dickste, den ich zuvor getragen hatte, war 6 Millimeter dick – wirkt in Kombination mit Handschuhen und Kopfhaube wahre Wunder. Ein-, zweimal ertappe ich mich unter Wasser dabei, wie ich mich leicht schüttle, damit kühles Seewasser in den Anzug fliessen kann.

Trotzdem: Ein Spaziergang ist ein Tauchgang im Thunersee auch für einen Salzwassertaucher mit gewisser Erfahrung, wie ich es bin, nicht. Timm hatte mir vorausgesagt, dass ich Schwierigkeiten haben würde mit der Tarierung – dem Einlassen der richtigen Menge Luft in die Weste –, die dafür nötig ist, quasi schwerelos im Wasser schweben zu können. Prompt knalle ich nach einem entspannten Einstieg auf einer Tiefe von rund fünf Metern unter der Wasseroberfläche unsanft in den Schlick und wirble eine trübe Staubwolke auf

Knapp vierzig Minuten wird der Tauchgang am Ende dauern und «nur» etwa acht Meter tief gehen. Trotzdem wird Timm beim Ausstieg feststellen: «Du hast das wirklich gut gemacht!» Möglich, dass es nicht der letzte Tauchgang im Thunersee war – auch wenn die Faszination eine ganz andere ist als an den Orten, die ich als Urlaubstaucher besuchen durfte. Wo maritime Destinationen mit glasklarem, lauwarmem Wasser bis in beachtliche Tiefen und bunten Riffen trumpfen, steht beim Sporttauchen im Thunersee die Ruhe im Vordergrund.

Keine Ablenkung, weil der Guide an jeder Ecke ein neues Tier oder eine neue Pflanze zeigt, die man unbedingt sehen muss. Dafür ein stilles innerliches Lächeln, wenn im trüben Nebel eine Kloschüssel auftaucht, in der Seegras wächst – und eine leise Ehrfurcht beim Anblick eines stattlichen Hechts unter dem Steg vor dem Restaurant.

(Thuner Tagblatt)

Erstellt: 23.07.2015, 13:28 Uhr

Tauchdestination Thunersee

«Thunersee ist enorm vielfältig»

Tauchinstruktor Michael Timm (53) lebt seit sechs Jahren in Oberhofen und ist Mitinhaber der Divecenter AG, welche seit Mai 2015 die Tauchzentren in Köniz und Hilterfingen betreibt. In Hilterfingen hat die Firma den Tauchtreff Thunersee vom Vorbesitzer übernommen. «Nach achtzehn Jahren als Tauchguide am Roten Meer wollte ich mich 2009 neu orientieren», sagt Timm, der aus Nienburg (D) stammt. «Die Möglichkeit, in Hilterfingen zwei Monate einen Vertretungsjob machen zu können, passte perfekt.»

Neue Taucherliebe
Dass er mit dem Thunersee eine neue Taucherliebe finden würde, war nicht geplant. «Das Tauchen hier ist sehr entspannend – ein perfekter Gegensatz zur Hektik, in der Tauchguides am Roten Meer oft leben und arbeiten», sagt Timm. Aus zwei Monaten wurden sechs Jahre, ein Ende ist nicht abzusehen. «Für einen Süsswassersee ist der Thunersee enorm vielfältig», schwärmt er, «im Winter und Frühling sind die Sichtweiten fantastisch!»

Gleichzeitig betont er, dass der Thunersee noch grosses Potenzial hätte – in Sachen Infrastruktur ebenso wie in Sachen Vermarktung. «Mit Destinationen wie dem Attersee im österreichischen Salzkammergut können wir nicht mithalten – auch preislich nicht.» Doch Timm lässt sich nicht entlocken, ob er traurig darüber ist, dass Tauchen am Thunersee kein Massensport ist. Immerhin: Jeden Mittwoch lädt das Divecenter brevetierte Taucher zum Mittwochstauchen – gratis und mit vergünstiger Miete der Ausrüstung.

Unterschiedliche Klientel
Während das Divecenter Sport- und Urlaubstaucher anspreche, seien es die Nachbarn von Crazy Divers, die schweizweit als Cracks im technischen Tauchen gelten, sagt Timm. «Sie machen mit ihren Kunden die Tauchgänge in Tiefen von 100 und mehr Meter.» Für Timm und seine Klientel ist bei 40 Metern Schluss. «Einzig Tauchen mit Nitrox statt Luft bieten wir an. Damit kann man die Tauchzeit verlängern.»
Auf die Frage, ob Tauchen im Thunersee gefährlicher sei als anderswo, sagt Timm: «Nicht wenn man die Sicherheitsvorkehrungen befolgt, die jeder brevetierte Taucher lernt.» Dazu gehört etwa, sich mit den Besonderheiten des Tauchplatzes vertraut zu machen oder neue Tauchplätze nur in Begleitung erfahrener Kollegen zu besuchen.
www.divecenter.ch

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