Stadtfamilie lebt ihren Traum von der Alp

Annemarie und David Raemy aus Bern waren letztes Jahr den ganzen Sommer oberhalb von Lauenen auf der Alp. Mit einer Fotoausstellung wollen die beiden Geografen den Alpsommer in die Stadt bringen.

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Unterschiedlicher könnten die beiden Welten nicht sein: Bis vor einem Jahr lebten und arbeiteten Annemarie und David Raemy in Bern. Sie war Projektleiterin im Bereich Kommunikation einer Non-Profit-Organisation, er wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Bundesamt für Landwirtschaft. Dann aber tauschte das Ehepaar Strassenlärm und Hektik gegen Glockengebimmel und Besonnenheit, Anzug und Lackschuhe gegen Älplerhemd und Stiefel.

Zusammen mit ihrer dreijährigen Tochter Anouk zogen Raemys aus ihrer Stadtwohnung in ein kleines Einfamilienhäuschen in Reudlen bei Reichenbach, nur um einige Tage später den noch grösseren Kulturschock zu erleben: Während dreier Monate bewirtschaftete das Trio die Alp Halten ob Lauenen. «Wir haben uns mit dieser Auszeit einen Kindheitstraum erfüllt», sagt Annemarie Raemy heute. Mittlerweile sind die beiden zwar wieder in ihr Häuschen in Reichenbach und Ehemann David auch in den früheren Job zurückgekehrt.

Das Alpleben gehöre nun aber genauso zu ihren Seelen wie das Leben in der Stadt. «Wir brauchen beides», sagt David Raemy. Diesem Spagat und insbesondere dem vergangenen Sommer auf der Alp widmen die beiden Geografen ab heute in der Galerie Talwegeins in Bern eine Fotoausstellung. «Wir kamen aus der Stadt auf die Alp. Jetzt bringen wir die Alp in die Stadt.»

An die Grenzen gestossen

Ausschlaggebend für den Entschluss, einen Sommer auf einer Alp zu verbringen, war das Fotoprojekt aber nicht. Vielmehr hätten beide bereits in frühen Jahren den Wunsch verspürt, auf einer Alp zu arbeiten. Keiner der beiden stammt jedoch aus einer Bauernfamilie: David Raemy ist im Freiburgerland aufgewachsen, Annemarie in Oberried am Brienzersee.

Nach über zehn Jahren in der Stadt Bern hat die junge Familie den Schritt schliesslich gewagt: Im Sommer 2012 verbrachten Raemys drei Wochen probehalber auf einer Alp bei Saanenmöser, es folgte der Alpsennenkurs am Inforama in Hondrich und schliesslich im letzten Jahr die Möglichkeit, die Alp Halten zu bewirtschaften. Allzu romantische Vorstellungen hätten Raemys vom Alpleben aber auch als Städter nicht gehabt. «Es war eher Unwissen. Ich stellte mir beispielsweise die Arbeit auf einer Alp eher wie ein Hirtenleben vor. Dass sich vieles ums Käseherstellen dreht, war mir so nicht bewusst», sagt David Raemy.

Vielfach seien sie auch an ihre Grenzen gestossen. Ehefrau Annemarie: «Zum Beispiel wenn wir mittags um 12 Uhr bereits einen vollen Arbeitstag hinter uns hatten, und ein weiterer stand noch bevor.» Trotzdem: «Auch wenn man auf vieles verzichtet, erhält man anderes zurück. Das Leben inmitten von Natur und Tieren ist wunderschön und die Arbeit streng, aber erfüllend.»

Vermitteln zwischen Welten

Da aufgrund der Arbeitsbelastung von Anfang an klar gewesen sei, dass die Familie selber ihr Leben auf der Alp nicht dokumentieren könne, hatten Raemys für zwei Tage den befreundeten Fotografen Dave Gerber auf die Alp eingeladen. Die Idee einer Ausstellung sei aber erst zu Hause in Reichenbach entstanden. Annemarie Raemy: «Die Bilder vermitteln Schönheit und Ästhetik der Alp, ohne etwas zu romantisieren.

Zudem gaben uns die Fotos die Chance, das Erlebte nach Bern zurückzubringen.» Nicht zuletzt hoffen die beiden, so die urbane Welt und das «traditionsbewusste, althergebrachte System» in den Bergen einander näherzubringen. «Natürlich waren wir in Lauenen auch ‹die Städter›. Trotzdem fand der direkte Austausch mit anderen Bauern und Älplern immer auf Augenhöhe statt, und sie brachten uns Respekt entgegen. Umgekehrt fehlt einem ja manchmal das Verständnis für die Situation der Bauern», sagt Ehemann David Raemy.

Heuer nur drei Wochen

Ob es jedoch mit den Bildern gelingen werde, eine Brücke zwischen Stadt und Land zu schlagen, wissen auch Raemys nicht. Für sie ist aber klar, dass sie diesen Spagat künftig immer wieder wagen wollen. «Unsere Arbeit wird vermutlich immer in Städten stattfinden, und das ist auch gut so. Die Alpwirtschaft auf der anderen Seite ist für uns aber keineswegs abgeschlossen.»

In eine Stadtwohnung möchten die beiden nicht mehr zurück. Und: Der Gedanke, einen Sommer nicht auf die Alp zu gehen, sei sehr schwer. Da es aber nicht immer gleich drei Monate sein können, übernehmen Raemys heuer «nur» eine dreiwöchige Ferienvertretung auf einer Alp am Niesen. Bis es jedoch so weit ist, müssen sich Annemarie und David Raemy mit dem Blick in Richtung der Alpen oberhalb von Reichenbach begnügen.

Ausstellung «Alpsommer»: Galerie Talwegeins, Bern. Vernissage Freitag, 17.4.2015, 18 bis 22 Uhr. Öffnungszeiten: 18. April, 14 bis 17 Uhr; 19. April, 14 bis 17 Uhr; 23. April, 17 bis 19 Uhr; 26. April, 14 bis 17 Uhr; 30. April, 17 bis 19 Uhr; Finissage 1. Mai, 18 bis 22 Uhr.

Mehr Infos: www.alpsommer.tumblr.com (Berner Oberländer)

Erstellt: 17.04.2015, 11:35 Uhr

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Quereinsteiger auf der Alp

Obschon viele Städter einmal einen Sommer auf einer Alp verbringen möchten, sei der Anteil Quereinsteiger im Berner Oberland nicht sehr gross. Laut Hanspeter Graf, Lehrer am Inforama Hondrich, suchen nur etwa 20 Prozent der
550 Oberländer Alpen regelmässig neues Personal. Der Rest seien Familienbetriebe. «Insbesondere im Kandertal und im Saanenland gibt es nur wenige Alpen, die Leute anstellen. Im östlichen Oberland hingegen hat es mehr Korporationsalpen, auf welchen auch mehr Personal gesucht wird», sagt Graf. Und auch der Ausländeranteil bei den Älplern sei im Oberland mit circa 10 Prozent tiefer als etwa im Bündnerland.

Was sich in den vergangenen Jahren jedoch geändert habe, sei das Angebot an Arbeitskräften. «Wenn man sich früher als Alphelfer angeboten hat, erhielt man fünf Telefonate von Interessenten. Heute melden sich auf eine ausgeschriebene Alpstelle fünf Personen», so Graf. Für die Alpsennenkurse am Inforama Hondrich würden sich jedes Jahr auch rund hundert Personen bewerben. Ausgebildet wird aber nur, wer auch eine Alpstelle vorweisen kann. mab

Die Alp halten

Die Alp Halten oberhalb von Lauenen ist eine Privatalp und gehört der Erbengemeinschaft Ernst Reichenbach-Perreten. Sie erstreckt sich auf einer Höhe zwischen 1650 und 2000 Metern über Meer auf einer Fläche von 66 Hektaren. Zur Alp führt nur eine Materialseilbahn, eine Strasse gibt es keine. Die Bestossung erfolgt von Mitte Juni bis Anfang September. Die Familie Raemy war verantwortlich für siebzehn Kühe, dreizehn Rinder und neun Kälber von vier Bauern. Sie produzierte rund hundert Laibe Käse. Für ihre Arbeit erhielten Raemys einen Pauschallohn. mab

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