FC Thun vor dem Lichterlöschen

Der FC Thun kämpft trotz sportlicher Erfolge permanent mit wirtschaftlichen Problemen, zuletzt war sogar der Konkurs während der Saison ein Horrorszenario. Präsident Markus Lüthi im grossen Interview.

Der Kämpfer: Präsident Markus Lüthi und seine Mitstreiter setzen sich mit Engagement und Herzblut für das Weiterbestehen des finanziell akut gefährdeten FC Thun ein.

Der Kämpfer: Präsident Markus Lüthi und seine Mitstreiter setzen sich mit Engagement und Herzblut für das Weiterbestehen des finanziell akut gefährdeten FC Thun ein.

(Bild: Andreas Blatter)

Stephan Dietrich

Das «Thuner Tagblatt» hat die These aufgeworfen, Bernie Ecclestone solle doch als Mäzen des FC Thun auftreten. Hat er schon zugesagt?Markus Lüthi (lacht):Wir haben den Steilpass aufgenommen und ihm unsere Unterlagen zugestellt. Bis heute hat er sich leider nicht gemeldet.

Wäre es generell überhaupt vorstellbar, dass der FC Thun sein Schicksal ganz oder teilweise in die Hände von externen Partnern legen würde? Wir suchten Partner, möglichst mehr als einen, die gesagt hätten, das ist eine gute Sache und wir helfen euch zu überbrücken, und sich dann wieder zurückgezogen hätten. Wenn wir am Punkt des Groundings gewesen wären oder es jemandem ganz in die Hand hätten legen müssen, dann wären wir vielleicht in die Versuchung gekommen, den FC Thun zu verkaufen, was aber letztlich die Aktionäre bestimmen würden. Das war aber nie das Ziel, und es steht auch niemand auf der Matte, obwohl immer wieder Inder, Russen oder Südamerikaner mit viel Tempo auf uns zukommen. Aber in der Regel lösen sich die Versprechen rasch in Rauch auf.

Gab es auch Momente, in denen Sie dachten, das könnte eine Lösung sein? In den letzten drei Monaten haben wir uns zweimal täuschen lassen. Wir dachten jeweils, da ist etwas Solides. Sobald wir die harten Themen ansprechen, sind die Interessenten aber wieder weg.

Hinter dem Fussballklub in Leipzig steht beispielsweise ein Getränkehersteller, der gemäss Eigenwerbung Flügel verleihen soll. Wäre beim FC Thun auch ein solches ausgeprägtes Engagement einer Firma schwierig? Das könnte ich mir vorstellen. Es könnte ja sein, dass eine Firma oder ein NGO ein Interesse hat, mit uns kommunikativ etwas zu machen, und dann wäre es ja eine Form von Partnerschaft. Ich bin überzeugt, dass wir einer nationalen oder auch einer internationalen Firma einiges zu bieten haben an Köpfen, Werten, und wir wären auch anpassungsfähig punkto Verfügbarkeit. Wir sind immer noch auf der Suche nach einem solchen Partner.

Der FC Thun ist ja eigentlich eine attraktive Braut für eine solche Partnerschaft. Wieso verläuft diese Brautschau nicht erfolgreich? Man muss trennen zwischen Investorenseite und Vermarktungsseite. Auf der Investorenseite habe ich 38 Telefonate geführt und war bereits nach dem 25. resigniert. Man hat immer wieder Hoffnung, macht und erklärt, und am Schluss gibt es ein Nein. Die Ausbeute war fast bei null. Ein Mann hat gesagt, ich überweise euch hunderttausend Franken. Das war das einzige, aber auch freudige Highlight. Bei der Vermarktung habe ich die Hoffnung nicht aufgegeben. Ich bin überzeugt, es ist eine Frage der Zeit, der Hartnäckigkeit, bis wir in diesem Bereich Erfolg haben. Wir müssen vielleicht 99-mal ein Nein akzeptieren, und beim hundertsten Mal klappts dann. Darauf arbeiten wir hin.

Ende letzten Jahres sagten Sie, der FCT brauche noch eine Million Franken, um die Saison beenden zu können. Ist dieses Zwischenziel erreicht? Wir hatten zweimal Glück. Wir haben ein paar Hunderttausend Franken aus einem Transfer eingenommen, aus einer Konstellation, die wir nicht näher erläutern wollen. Und dann sind wir von der Uefa belohnt worden, weil wir das Financial Fairplay eingehalten haben. Dafür gab es fast eine halbe Million Franken. Damit ist die akuteste Gefahr per 31.Dezember 2014 abgewendet, aber das Problem im Grundsatz ist nicht gelöst, weil dies immer wieder ausserordentliche Positionen sind.

Wird der FC Thun nun die Saison beenden können? Ich denke, die aktuelle Saison werden wir mit Hängen und Würgen beenden können. Das Problem ist mehr, dass wir gegenüber der Liga den Abschluss per Ende 2014 zeigen müssen, welcher ausgeglichen ist, aber auch den Forecast und das nächste Jahr. Die Frage ist, ob die Lizenzkommission das glaubt, was wir jedes Jahr schreiben und mit Fakten bestätigen. Eine Bankgarantie für das strukturelle Defizit können wir aber nicht bieten, und wir haben auch keinen Mäzen, der ein finanzielles Loch mittels einer Garantie stopft.

Wie gross ist das strukturelle Defizit des FC Thun? Seit wir in der Arena sind, beträgt dieses irgendwo zwischen 1,5 und 2 Millionen Franken.

Wie kann man das Problem lösen? Ich glaube, wenn wir kontinuierlich den Zuschauerbestand erhöhen können, ist das die beste Einnahmequelle. Zweitens glaube ich wie erwähnt an einen nationalen Partner. Wenn wir die Lizenz erhalten, haben wir für die Suche Zeit bis Oktober oder November. Die Liquidität ist vom Saisonkartenverkauf her gewährleistet. Drittens werden wir das Catering ab 1.Juli direkt mit der Migros machen, bisher lief dieses über die Arena, künftig sollte uns dies mehr Einnahmen generieren. Und viertens muss die Miete deutlich reduziert werden.

Zum ewig leidigen Thema: Wie viel Miete wäre aus Ihrer Sicht angebracht anstatt der heutigen 1,3 Millionen? Wenn ich die Zahlen zusammenrechne, die mir zur Verfügung stehen, komme ich auf rund 600'000 Franken. Hinzu kommen die Nebenkosten, die wir heute schon bezahlen. An dieser Miete müsste sich ja dann auch die Arena Thun AG beteiligen, welche das Stadion ja auch nutzt.

Wie nahe steht denn der FC Thun dem Grounding? Wir stehen vor dem Lichterlöschen. Ich habe dies schon an der letzten GV gesagt, und ich mache keinen Witz. Es ist enorm frustrierend, wenn man warnend in die Wüste ruft und fast keiner reagiert. Umso mehr Freude macht mir nun die «Herzblutaktion».

Welche Szenarien müssten eintreten, damit es längerfristig weitergeht? Das Unmittelbarste ist, dass die offenen Mietbeträge von 650'000 Franken, die wir der Genossenschaft noch schulden, aber nicht akzeptieren, per 31.Dezember ausgebucht werden. Da drin enthalten ist auch ein sechsstelliger Betrag aus der Zuschauerbeschränkung. Gleichzeitig muss der Mietvertrag als Sofortmassnahme formell auf 500'000 Franken heruntergesetzt werden, und dann muss man sich zwei, drei Monate Zeit lassen, um den Mietvertrag sauber zu kalkulieren und neu festzusetzen, mit einem Betrag irgendwo zwischen 500'000 und 700'000 Franken. Von diesen Faktoren hängt praktisch alles weitere ab. Dann erhalten wir die Lizenz, dann können wir mit dem Businessclub die bereits erhöhten Beiträge realisieren. Dann können wir auch mit der Suche eines Partners weitermachen und auch mit dem Catering. Damit es klappt, benötigen wir aber das Okay der Genossenschaft und der Investoren, welche die Genossenschaft mehrheitlich kontrollieren.

Das dürfte schwierig werden. Das stimmt, die Genossenschaft und damit die Investoren dahinter müssten ja den offenen Mietzins auch ausbuchen, und bei ihnen ist dieser wahrscheinlich als Guthaben verbucht.

Warum übernimmt nicht die Stadt Thun das Stadion? Damit wären doch alle Probleme auf einen Schlag gelöst. Weil dies nicht nötig ist.

Warum nicht? Es würde bereits reichen, wenn die Genossenschaft erweitert würde. Es müssten lediglich neue Anteilscheine herausgegeben werden.

Und warum geschieht dies nicht? Da müssen sie die Parteien fragen, welche damals dieses Konstrukt erstellt haben respektive noch heute im Boot sind. Nach meinem Wissensstand sollte gemäss Statuten der Genossenschaft die Mehrheit der Anteilscheine in «Thuner Händen» sein.

Berner Zeitung

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