Schweizer Präzision für Bahnen in aller Welt

Thun

Die Enotrac AG in Thun zählt zu den wichtigsten Ingenieurunternehmen für Eisenbahnen in der Schweiz. Nun ist das Unternehmen für den Prix SVC Espace Mittelland nominiert.

Enotrac-Chef Heinz Vögeli (rechts) bespricht mit zwei seiner Mitarbeiter in Thun Pläne für ein eisenbahntechnisches Ingenieurprojekt.

Enotrac-Chef Heinz Vögeli (rechts) bespricht mit zwei seiner Mitarbeiter in Thun Pläne für ein eisenbahntechnisches Ingenieurprojekt.

(Bild: Beat Mathys)

Mirjam Comtesse

Was Schweizer Ingenieurskunst ausmacht, kann man gleich am Bahnhof Thun entdecken. Dort hat die Enotrac AG ihren Sitz. Auf den ersten Blick sieht die Arbeit, welche die insgesamt 50 Mitarbeiter in den Grossraumbüros verrichten, wenig spektakulär aus. Es ist ruhig. Viele Männer und nur zwei Frauen bücken sich über Konstruktionspapiere oder schauen auf ihre Computerbildschirme.

Doch die Planungen, die sie machen, werden nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Südamerika, Israel und vielen anderen Ländern weltweit für ihre Genauigkeit und Qualität geschätzt. Tätig ist das Unternehmen in den vier Bereichen Fahrzeugtechnik, Sicherheit, Fahrstrom und Organisation.

Hochkomplexe Simulationen

Vorstellen kann man sich den Inhalt dieser Arbeit anhand eines Beispiels: «Wir entwickeln unter anderem Simulationsprogramme für ganze Eisenbahnsysteme», erklärt CEO Heinz Vögeli auf einem Rundgang. «Darin sind wir führend.» Mittels Simulation testen die Ingenieure, ob die Versorgung mit Fahrstrom auf einem bestimmten Netz gewährleistet ist. «Dazu müssen wir alle Züge, die unterwegs sind, berücksichtigen», sagt Vögeli.

Einberechnet werden auch die Eigenschaften der Züge, wie schnell sie fahren, wie gross die Anhängelast ist und ob es bergauf geht. All das hat einen Einfluss darauf, wie viel Strom benötigt wird. Falls das Simulationsprogramm einen Engpass feststellt, passen die Ingenieure ihre Pläne an.

Tochterfirma in England

Enotrac arbeitet für Unternehmen wie die SBB, BLS, Bernmobil, RBS, aber auch für Eisenbahnhersteller wie Stadler Rail und Bombardier, für Behörden wie das Bundesamt für Verkehr, und es arbeitet mit anderen Ingenieurbüros zusammen. «Rund drei Viertel unseres Umsatzes von acht Millionen Franken im Jahr erwirtschaften wir in der Schweiz», sagt Vögeli.

Der starke Franken treffe Enotrac deshalb noch nicht am Lebensnerv, er könnte aber zu einer Herausforderung werden, falls die Schweizer Kunden vermehrt im Ausland einkauften. «Eine Verlagerung der Arbeitsplätze ins Ausland ist zurzeit jedoch kein Thema.» Dem Unternehmen kommt auch zugute, dass es eine Tochterfirma mit zwölf Mitarbeitern in England hat. «Das Pfund ist im Euroraum natürlich attraktiver als der Franken», meint Vögeli.

Mitarbeit am Gotthard

Der ETH-Elektroingenieur hat Enotrac vor 28 Jahren zusammen mit seinem Studienkollegen Dieter Würgler gegründet. «Obwohl uns alle sagten, das werde nie klappen», sagt Vögeli lachend. «Damals gab es in der Bahnwelt nur die Eisenbahnunternehmen und die Bahnindustrie, unabhängige Ingenieurbüros kannte man nicht.» Schon bald habe sich der Zweimannbetrieb aber mit seiner Zuverlässigkeit einen Namen in der Branche geschaffen. Jedes Jahr wuchs er – und mit 50 Mitarbeiter ist Enotrac nun offiziell ein mittelgrosses Unternehmen.

Man profitiere auch von den Mitte der 90er-Jahre eingeführten neuen Regelungen im öffentlichen Beschaffungswesen, erklärt der 59-jährige Vögeli. «Zuvor haben die grossen Eisenbahnunternehmen direkt mit der Industrie verhandelt. Heute können wir als neutrales Unternehmen bei den öffentlichen Beschaffungen mitwirken, indem wir die Ausschreibungen verfassen und die verschiedenen eingehenden Offerten bewerten.»

Im Moment ist das Unternehmen unter anderem mit dem Projektingenieurmandat für die Fahrstromversorgung im Gotthard-Basistunnel betraut. Bereits im Lötschberg-Basistunnel kümmerten sich Enotrac-Ingenieure um diese Aufgabe. Gleichzeitig waren sie für die Sicherheitsnachweise für das Gesamtbauwerk verantwortlich. Am Gotthard nimmt die Arbeit stark zu: Die Eröffnung ist 2016 geplant.

Berner Zeitung

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