Lokale Firmen kritisieren SNB-Entscheid

Die stark vom Export abhängigen Firmen der Region kritisieren die Aufhebung der Euro-Franken-Untergrenze. Nach dem Entscheid der Nationalbank treffen aber nicht alle Firmen Sofortmassnahmen.

Zwei Angestellte der Rychiger AG in Steffisburg arbeiten an einer Abfüllmaschine für Nespresso-Kapseln. Der Schweizer Kunde Nespresso stellt für Rychiger eher die Ausnahme dar. 95 Prozent der produzierten Verpackungsmaschinen gehen in den Export.

Zwei Angestellte der Rychiger AG in Steffisburg arbeiten an einer Abfüllmaschine für Nespresso-Kapseln. Der Schweizer Kunde Nespresso stellt für Rychiger eher die Ausnahme dar. 95 Prozent der produzierten Verpackungsmaschinen gehen in den Export.

(Bild: zvg)

Dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) vorgestern die Euro-Franken-Untergrenze von 1.20 aufhob hat zu ganz unterschiedlichen Reaktionen geführt. Während sich Konsumenten und Spekulanten freuten, zeigte sich die Industrie ob des Entscheids mehrheitlich schockiert.

Besonders hart trifft die Euro-Talfahrt exportorientierte Firmen. Ihre Produkte sind für Kunden im Ausland auf einen Schlag deutlich teurer geworden. Diese Zeitung hat bei einigen grösseren Unternehmen in der Region Thun und im Oberland erste Reaktionen eingeholt.

Jiri Paukert, Mediensprecher des Rüstungsbetriebs Ruag in Thun, sagt auf Anfrage, dass die Aufhebung des Mindestkurses «sehr überraschend» kam. Die Ruag verfüge zwar über ein Konzept gegen Fremdwährungsrisiken, das derzeit einen gewissen Schutz biete.

Dennoch hält Paukert fest: «Bleibt der Schweizer Franken gegenüber dem Euro und dem US-Dollar über längere Zeit auf dem heutigen Niveau, wird die Wettbewerbsfähigkeit für Geschäfte aus der Schweiz heraus beeinträchtigt.»

Produkte, die für den Export bestimmt sind, tragen laut Paukert bei der Ruag momentan «mehrere Hundert Millionen Schweizer Franken» zum Umsatz bei. Dank der Anwendung des Fremdwährungskonzepts seien keine Sofortmassnahmen notwendig; die Situation werde aber geprüft.

Rychiger: Keine Panik

Auch für Axel Förster, Geschäftsführer der Rychiger AG in Steffisburg, kam der Entscheid der Nationalbank am Donnerstag «total überraschend». Das Festhalten an der Euro-Franken-Untergrenze sei in den letzten Monaten von der SNB «wie ein Mantra» gepredigt worden, daher sei das Ende nicht zu erwarten gewesen.

Rychiger gehört zu den führenden Produzenten von Verpackungsmaschinen, etwa für Kaffeekapseln, und ist laut Förster zu 95 Prozent vom Export abhängig. «Wie hart es uns letztlich treffen wird, hängt davon ab, ob der Wechselkurs so tief bleibt wie jetzt oder ob er sich mittelfristig wieder bei 1.10 oder 1.15 Franken einpendeln wird», hält der Geschäftsführer fest.

Die Buchverluste, die aktuell geschrieben würden, seien «enorm». Trotz allem will Förster nicht mit Panik reagieren: «Wir müssen uns in Ruhe überlegen, wie es weitergeht.»

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Schweiz hätten sich nicht erst seit vorgestern verschlechtert. Er stellt seit einiger Zeit eine «Regulierungswut», gepaart mit wirtschaftsfeindlichen Initiativen, fest. Als Beispiele nennt Förster die Abzocker- oder die Masseneinwanderungsinitiative.

Wandfluh: Abwarten

Die Frutiger Wandfluh-Gruppe, die Hydraulikteile und -apparate in die ganze Welt liefert, lässt sich ein bis zwei Wochen Zeit, um konkrete Massnahmen zu treffen. Hansruedi Wandfluh, CEO der Wandfluh Holding AG, kritisiert als Unternehmer die Nationalbank für deren «Unberechenbarkeit».

Die mit dem Entscheid sinkende Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz könne dazu führen, dass in der Wirtschaft eine Auslagerung von Produktionsbereichen ins Ausland in den Fokus rücken werde. Einige einfachere Teile werden auch von der Wandfluh-Gruppe künftig bereits in China hergestellt, dort wird im Juli ein Neubau dem Betrieb übergeben.

«Andererseits muss unser geplanter Neubau in der Helken in Frutigen vor diesem Hintergrund zumindest hinterfragt werden», erklärte Wandfluh gestern. Dort ist eine Vergrösserung der Produktionsfläche um 50 Prozent geplant. Überrascht wurde er ganz klar vom Tempo der Auftragsstornierungen. Gleich zwei seien bereits am Donnerstag eingetroffen.

Colasit: Reduzierte Preise

Rund 60 Prozent der Produkte der Firma Colasit in Spiez gehen in den Euro-Export. Umsatzmässig liegt dies im hohen einstelligen Millionenbereich. Geschäftsführer Urs Moser bezeichnet die vorhandene Auslastung bis im März «als Spielraum, der ein bisschen Zeit gibt».

Kurzfristige Massnahmen für die zwei bis drei nächsten Wochen wurden gestern intern festgelegt. Zentraler Punkt: «Für wichtige, ausgewählte Auslandsaufträge, zu denen nächste Woche die Entscheide anstehen, werden wir den wechselkursbedingten reduzierten Preis in Kauf nehmen.» Weitere Aufträge würden nach diesen Vorgaben offeriert, bei grösseren Offerten werde einzeln in der Geschäftsleitung entschieden.

Wann und wo sich der Kurs einpendeln wird, ist unklar. Also müsse die weitere Entwicklung ständig verfolgt werden. «Es ist unmöglich, innert kurzer Zeit 20 Prozent günstiger zu produzieren oder Löhne anzupassen, um die zu erwartenden Ausfälle auszugleichen.»

Es werde eine Gratwanderung, ob man Aufträge annehme oder beispielsweise Überzeiten abbaue oder sogar Kurzarbeit einführen müsse. Colasit ist nach eigenen Angaben weltweit führend im Bau von Anlagen und Produkten aus korrosionsbeständigen Kunststoffen, speziell in der Lüftungstechnik und im Behälter- und Rohrleitungsbau für flüssige Medien.

Thuner Tagblatt

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