300'000 Tonnen Gestein sollen jährlich am Rugen abgebaut werden

Bödeli

Der regionale Richtplan sieht am Rugen einen Steinbruch von 200 000 Quadratmetern vor, wo jährlich 300000 Tonnen Hartschotter abgebaut werden sollen. Der Rugen erfüllt die Bedingungen ideal, es gibt aber Widerstand.

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Samuel Günter@samuel_guenter

Es ist eine grosse Sache am Rugen geplant: Während rund 60 Jahren sollen auf 200'000 Quadratmetern jährlich 300'000 Tonnen Hartschotter abgebaut werden. Dies ist im Richtplan Abbau, Deponie, Transport (ADT) Oberland-Ost im Projektblatt «Roca» festgehalten. Der Richtplan ist zurzeit beim Kanton zur Vorprüfung. Der Abbauperimeter befindet sich über dem Rugentunnel in unmittelbarer Nachbarschaft zur Heimwehfluh, dem Seilpark, dem Waldhotel Unspunnen und der Rugenbräu AG und grenzt an die geschichtsträchtige Unspunnenwiese. Entsprechend klare Worte fielen bei der Mitwirkung zum Richtplan. Einzig die Gemeinde Matten auf deren Boden der Steinbruch geplant ist, äussert sich zurückhaltend. Andere Gemeinden, Nachbarn und Verbände lehnen das Projekt ab.

Am Abbau an Hartschotter besteht ein grosses nationales Interesse, erklärt Rudolf Rist Präsident des Verbandes Schweizer Hartsteinbrüche (VSH), auf Anfrage dieser Zeitung. Der VSH müsse jährlich Lieferungen von 2 Millionen Tonnen Hartstein sicherstellen. Der grösste Teil wird als Schotter für das Schweizer Schienennetz benötigt. Aber auch für den Bau von Schnellstrassen brauche es Hartgestein. «Zurzeit können wir diesen Bedarf noch decken, es droht aber ein Engpass.»

Das Problem: Die meisten bestehenden Abbaustandorte liegen in Gebieten, die zum Bundesinventar der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) gehören. Ein Bundesgerichtsurteil verbietet den Ausbau dieser Standorte, solange nicht alle Möglichkeiten ausserhalb des BLN ausgeschöpft sind.

34 Standorte geprüft

Entsprechend gab der Bund die Prüfung neuer Steinbrüche ausserhalb des BLN in Auftrag. Eine breitbesetzte Arbeitsgruppe unter der Federführung des VSH, der verschiedene Bundesämter, kantonale Stellen aber auch Umweltorganisationen angehörte, veröffentlichte 2012 eine entsprechende Studie: Als geeignester Standort wurde der Rugen erkoren.

«Ausgangslage waren 34 Standorte mit einem geeigneten Vorkommen an Gestein», erklärt Rist das Vorgehen. «Diese wurden durch vier Filter geprüft.» Untersucht wurden geologische, ökologische, ökonomische Kriterien und die politische Akzeptanz. Ökonomische Kriterien sei beispielsweise die Erschliessung oder über wie viele Höhemeter sich ein Bruch ziehen würde. «Ab einer gewissen Höhendifferenz macht der Abbau unternehmerisch keinen Sinn mehr.» Bei der Ökologie habe man etwa auf schützenswerte Moorlandschaften oder Jagdschutzgebiete geachtet. Für die politische Akzeptanz habe man mit den Raumplanungsbehörden der Kantone Rücksprache genommen.

Ideale Erschliessung

Für den Rugen spreche einerseits die geologischen Gegebenheiten. «Das vorhandene Gestein ist sehr gut geeignet», erklärt Rist. Andererseits stimmten auch die unternehmerischen Faktoren. «Gerade die Erschliessung ist hervorragend.» Rist spricht die Nähe zum Güterbahnhof Interlaken West an. Man prüfe die Möglichkeit, das Gestein mit einem Rollband zur Verladestation zu transportieren. «Eventuell wird es gar möglich sein, den ganzen Verlad unterirdisch abzuwickeln», sagt der VSH-Präsident. «Wir sind in Gesprächen mit der Armasuisse. Es gilt zu klären, ob die unterirdischen Anlagen beim Ortseingang von Interlaken geeignet sind und übernommen werden könnten.»

Auch die Anbindung an die Autobahn sei möglich. Rist glaubt, dass es möglich sei, die Zu- und Abfahrt durch unbewohntes Gebiet zu regeln. Trotzdem soll der grösste Teil des abgebauten Materials per Bahn abtransportiert werden. «Was national ausgeliefert wird, geht auf die Bahn. Nur den regionalen Bedarf wird per Lastwagen bedient.»

Arbeit in Etappen

Rist versucht Ängste von einer klaffenden Wunde in der Landschaft zu relativieren. «200000 Quadratmeter klingt nach sehr viel. Es soll aber in Etappen gearbeitet werden. Bevor die zweite Etappe in Angriff genommen wird, wird das Abbaugebiet der ersten wieder aufgeschüttet und renaturiert.» Der jährliche Abbau sei quantitativ mit jenem des Steinbruchs Balmholz zu vergleichen. Weiter betont Rist die wirtschaftlichen Auswirkungen: Der Abbau sei nicht sehr personalintensiv, aber er rechnet mit bis zu 30 neuen Arbeitsstellen. «Dazu kommen Abbauentschändigungen an Kanton und Gemeinde, die sich über die Jahre auf zig-Millionen kumulieren dürften.»

Rist betont die Bedeutung des Abbaus. «Wenn wir den Bedarf nicht selbst decken können, müssen wir Gestein importieren», sagt er. «Tonnenweise Steine aus dem Ausland heranzukarren, macht aber ökologisch und ökonomisch wenig Sinn.» Zumal Gestein der wohl letzte Rohstoff sei, über den die Schweiz selbst verfüge. Rist lobt die Zusammenarbeit mit der Regionalkonfernez. «Ohne sie wäre die Umsetzung nicht oder nur schwer möglich.» Sie kenne die verschiedenen Interessensgruppen und könne sie zusammenfassen.

Im Moment liegt der Ball beim Kanton, bestätigt Stefan Schweizer, Geschäftsführer der Regionalkonfernez Oberland-Ost. «Das Amt für Gemeinden und Raumordnung (AGR) ist an der Vorprüfung», erklärt Schweizer. «Wir möchten, dass das Resultat als Zwischenergebnis klassiert wird und nicht als Vororientierung.» Das wäre eine Stufe vor der Festsetzung und behördenverbindlich. Schweizer erwartet bis Ende September Bescheid vom AGR. «Dann könnten wir im November in der Regionalkonferenz entscheiden und den Richtplan zur Schlussprüfung zurück ans AGR schicken.»

Überbauungsordnung nötig

So könnte der Richtplan bis Ende Jahr im Trockenen sein, was aber nicht automatisch bedeutet, dass mit dem Felsabbau am Rugen begonnen werden kann. Dann würde das eigentliche Bewilligungsverfahren losgehen. «Der normale Weg für ein Projekt dieser Grösse ist eine Überbauungsordnung und anschliessend eine Baubewilligung», erklärt Schweizer. Spätestens die Überbauungsordnung müsste von der Gemeindeversammlung Matten genehmigt werden.

Berner Oberländer

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