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Theater siegt über Exzellenz

Armut macht Theaterleute so erfinderisch, dass selbst Präfekten dagegen machtlos sind. Das bewies das erste KGT-Stück der Saison.

Geschichten, die das Leben schreibt: Sie verwirren, verunsichern und verängstigen die Menschen, denen sie widerfahren und die, denen sie erzählt werden. Die Kunstgesellschaft Thun (KGT) stellte das Publikum in der Aula Schönau Steffisburg zum Saisonauftakt 2010/ 2011 am Freitagabend vor ein Rätsel: Was ist Theater im Theater, was Eigeninterpretation und was wirklich? Eins sei in der konfusen Angelegenheit vorweggenommen: Das Theater an der Ruhr aus Mülheim brachte es fertig, dass am Ende des Stücks «Die Kunst der Komödie» nicht einmal den Schauspielern selbst klar war, was wirklich geschehen ist. Kein Interesse am Theater Der neue Präfekt de Caro (Petra von der Beek) tritt in einem italienischen Dorf sein Amt an. Doch noch bevor er sich an seiner neuen Wirkungsstätte eingerichtet hat, wird bei ihm der kauzige Theaterdirektor Oreste Campese (Roberto Ciulli, Theaterregisseur und Mitgründer des Theaters an der Ruhr) vorstellig. Er klagt, dass sein Theaterhaus abgebrannt ist und bittet den Präfekten, die Vorstellungen seines Ensembles zu besuchen, um wieder mehr Besucher ins Theater zu locken. Doch sein Wunsch findet kein Gehör. Das echte Leben, so bemängelt der Präfekt, komme auf den Bühnen nicht mehr vor. Das Theater sei zum Ort banaler Geschichten geworden. Trotzig zottelt Campese ab. Seine Exzellenz wankt Innert kürzester Zeit tauchen in der Präfektur der Dorfarzt (Steffen Reuber), der Pfarrer (Peter Kapusta) und der Apotheker (Rupert J. Seidl) mit ihren Wünschen auf. An der Ausdauer Seiner Exzellenz nagt das gewaltig. Der selbstbewusste Amtsträger wankt. Steckt hinter allem der eigenwillige Campese, der seine Schauspieler in verdächtig echten Kostümen in die Präfektur schickt, um auf diesem Weg die Unterstützung des Präfekten fürs Theater zu erwirken? Oder will der Dorfarzt wirklich mehr Anerkennung in der Gesellschaft und der Pfarrer endlich Klarheit über Gerüchte um die sexuellen Sünden einer Grundschullehrerin? Zweifler und Eigenbrötler Petra von der Beek verstand es, in der Haut des Präfekten de Caro das auszudrücken, was gemeinhin so schwer in Worte zu fassen ist: Den inneren Zweifel, der einen Menschen übermannt, wenn er plötzlich nicht mehr weiss, wem und was er trauen kann. Die Rolle des Theaterdirektors Campese, der von Roberto Ciulli gespielt wurde, schien diesem wie auf den Leib geschnitten: Fast kindlich klangen Trotz und Schalk, die in seinen Worten mitschwangen. Der italienische Akzent, den Ciulli mit auf die Bühne trug, machte Campese noch eigenbrötlerischer und noch verschrobener. Dem Theater an der Ruhr gelang am Freitagabend ein Tribut an jenes Phänomen, das den Autor des Stücks, Eduardo de Filippo, Zeit seines Lebens beschäftigte: Wenn Armut jene Not schafft, die Menschen verdammt erfinderisch macht. Als sich am Ende des Stücks der Apotheker nämlich das Leben nimmt, weil seine Nöte nicht erhört werden, verliert Präfekt de Caro endgültig die Fassung und ruft den Commissario, um Campese verhaften zu lassen. Doch der Theaterguru hiesse nicht Campese, wenn er für sein Ensemble nicht auch noch eine Polizei-Uniform im Kleiderschrank parat hätte Dino Dal Farra>

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