Wie eine grosse Liebe, die scheitert

Das Wirtschaftswachstum ist uns heilig. Ketzerisch schreibt der Publizist Urs P.Gasche gegen diese Religion an, jetzt gerade mit BZ-Autor Hanspeter Guggenbühl in einem neuen Buch. Das Problem, sagt Gasche, spitze sich zu.

Herr Gasche, wie fühlt man sich in der Rolle des penetranten Wachstumskritikers, der allein gegen den Wind predigt? Urs P.Gasche: Allein sind wir nicht, aber in der Minderheit. Allerdings war es auch eine Minderheit von Ökonomen, die vor einer Immobilienkrise in den USA und einer weltweiten Finanzkrise gewarnt hatte. Leider bekam diese Minderheit recht. Was diverse Regierungen nicht daran hinderte, mit Schulden in Milliardenhöhe das Wirtschaftswachstum wieder anzukurbeln, um die Finanzkrise zu überwinden. Leute wie Sie bleiben Warner in der Wüste. Die Schweiz entwickelt sich tatsächlich zu einer Wüste, einer Betonwüste, wenn wir nochmals so viel unseres schönen Landes verbauen wie in den letzten 50 Jahren. Doch die Medien berichten erfreut, dass die Bauwirtschaft in den letzten Jahren weiter zugelegt hat. Aber es bewegt sich etwas: Immer mehr Leute realisieren, dass unsere Zukunft nicht von einer weiteren Wachstumsspirale abhängen kann. Deshalb war unser erstes Buch schnell vergriffen. Dann liegt es auf der Hand, ein neues Buch mit derselben Botschaft zu schreiben. Wir gehen ein paar Schritte weiter. Die Gefahr eines Wachstums-Crashs hat sich verschärft. Denn das Wachstum beruht heute nicht nur auf der Plünderung der Energie- und Rohstoffvorräte, sondern auch auf einer immer waghalsigeren Schuldenwirtschaft. Wir beschreiben neu auch konkrete Wege für die Befreiung vom Wachstumszwang. Wachstumsverweigerung kann ziemlich egoistisch sein. Einwohner von Berner Vorortsgemeinden wehren sich gegen Einzonungen, weil sie sich ihren privilegierten Ausblick ins Grüne nicht verbauen lassen wollen. Dabei müsste man Platz schaffen, denn die Schweizer Bevölkerung wächst – vor allem wegen der Einwanderung, die uns allen wirtschaftliche Vorteile bringt. Natürlich profitiert die Schweiz, wenn wir ausgebildete Maurer oder Ärzte aus dem Ausland holen, weil wir deren Kindheit und Ausbildung nicht zahlen mussten. Aber seit 1990 wächst die Wirtschaft primär wegen des Zuwachses der Bevölkerung. Damit verteilt sich der Kuchen einfach auf mehr Köpfe. Für den Einzelnen wird die Lebensqualität nicht besser. Was uns euphorisch als Wachstum verkauft wird, bringt uns vor allem Nachteile. Ja. Es wird enger. Noch mehr Natur wird zum Siedlungsbrei. Strassen und Züge sind verstopft. Lärm, Stress, Konflikte nehmen zu. Die Raumplanung opfern wir dem Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum. Dazu kommt: Wir brauchen viermal mehr Ackerfläche, Energie und Rohstoffe, als in unserem Land zur Verfügung stehen. Wir leben in unserem Wohlstand auf Kosten anderer – wenn die Bevölkerung wächst, umso mehr. Heisst das: Die Bevölkerung darf nicht mehr wachsen? Wir plädieren für eine Stabilisierung der Bevölkerung, weltweit, aber auch in der Schweiz. Können Sie sich vorstellen, dass bei uns einmal doppelt oder viermal so viele Menschen wohnen? Nein. Das Wachstum der Bevölkerung stösst an objektive Grenzen. Da bremsen wir lieber schon heute. Dann müsste man jetzt die Einwanderung stoppen. Die Bevölkerung zu stabilisieren, ist natürlich schwierig umzusetzen. Wir finden, man müsste zumindest alle Steuern und Subventionen streichen, die zum alleinigen Ziel haben, die Zahl der Kinder zu erhöhen. Und aufhören mit der Schreckpropaganda, wir bräuchten mehr Kinder, um die Renten zu finanzieren. Wie bitte? Es ist unbestritten, dass der Anteil der Pensionierten stark zunimmt. Es gibt keinen schlechteren Weg, die Renten zu sichern, als mehr Geburten zu fordern. Wollen Sie mich provozieren? Es sind Fakten. Erstens kostet ein Jugendlicher die Gesellschaft mehr als ein Senior. Zweitens wandelt sich die Alterspyramide rasch. Die Jungen, welche jetzt die Renten sichern sollen, werden einmal alt und brauchen dereinst noch mehr Junge, die wiederum ihre Renten finanzieren. Das kann man nicht endlos fortsetzen. Aber auch ohne Bevölkerungswachstum gibt es Wege, die Renten zu finanzieren. Zum Beispiel? Indem man eine Erbschaftssteuer einführt und den Reichtum der Leute im Rentenalter gerechter verteilt. Wenn die Bevölkerung dereinst nicht mehr wächst – was passiert eigentlich genau? Die Wirtschaft wird sich umstellen und daran gewöhnen müssen, dass die Umsätze nicht einfach steigen, weil mehr Leute da sind. Die Konsumenten sollen bestimmen, was und wie viel produziert wird. Es wäre gut, dieser Tatsache schon heute in die Augen zu schauen. Das Gleiche gilt, wenn wir nur noch benzinsparende und kleinere Autos kaufen würden. Dann müssten sich die Unternehmen ebenfalls anpassen, und es wäre unvermeidlich, dass Hersteller grosser Benzinfresser pleite gehen. Eine perfekt geschmierte Wachstumsmaschine ist der Gesundheitsmarkt. Wir geben immer mehr Geld aus für die Krankenkasse, den Chirurgen gelingen immer heiklere Operationen... ...aber gesünder werden wir trotzdem nicht. Die Gesundheitsindustrie wächst doppelt so schnell wie das Bruttoinlandprodukt, und sie ist erst noch krisenresistent. Es ist unglaublich, aber niemand prüft, ob die 60 Milliarden Franken, die in diese Branche fliessen, tatsächlich zu einer Verbesserung des Wohlbefindens führen. Aber wir werden doch immer älter? Das ist kein Grund für die Zunahme der Gesundheitskosten. Das bestätigt sogar der Wachstumsökonom Silvio Borner. In Ihrem Buch kritisieren Sie, dass Spitäler und Ärzte am Umsatz des Gesundheitssystems beteiligt sind. Und so die Kosten steigern? Waadtländer Ärzte etwa verschreiben pro Kopf der Bevölkerung ein Drittel mehr kassenpflichtige Leistungen als Ostschweizer Ärzte. Aber Waadtländer fühlen sich deswegen nicht gesünder und leben auch nicht länger als die Ostschweizer. Generell werden wir Schweizer häufiger diagnostiziert und operiert als etwa die Finnen, Dänen, Holländer oder Schweden. Gesünder sind wir deswegen nicht. Wir lassen uns die Umsatzzahlen der Pharmakonzerne im Vierteljahresrhythmus um die Ohren schlagen, hören aber nichts Genaues darüber, ob sich die hohen Ausgaben für die Gesundheit positiv auf die Lebensqualität auswirken. Die Pharmafirmen bieten Lehrstellen, Arbeitsplätze. Bremst man die Gesundheitsindustrie, ruft man eine Krise hervor. Sollen wir mehr Medikamente schlucken, uns häufiger diagnostizieren und unters Messer legen lassen, nur damit es in Spitälern, Arztpraxen oder Apotheken mehr Arbeitsplätze gibt? Schon heute erklärt man immer häufiger als krank, was früher gesund war: Grenzwerte von Cholesterinspiegel oder Blutdruck werden gesenkt oder Symptome gutartiger Leiden wie Reizdarm mit aufwendigem Marketing zu Volksleiden hochstilisiert. Sie werden bald ein weiteres wachstumskritisches Buch schreiben müssen, Herr Gasche. Gut möglich. Ich hoffe nicht, dass wir dann das Wort «Wachstums-Crash» im Titel führen müssen. Aber der kritische Punkt kommt näher, an dem die Nachfrage nach Energie und Rohstoffen die förderbare Menge übertrifft, was die Preise ruckartig in die Höhe schnellen lässt. Zum Reagieren kann es dann zu spät sein. Dreieinhalb Milliarden Menschen in China, Indien und Afrika wollen leben wie wir. Deshalb sollten wir in den reichen Ländern zuerst beginnen, das Wachstum zu stoppen. Sollten! Wir tun das Gegenteil. Ja. Wir verhalten uns zu weiterem Wachstum wie in einer gescheiterten Liebesbeziehung. Ein Partner klammert sich noch verzweifelt an den anderen, schlägt mitunter um sich, kultiviert illusorische Hoffnungen. Aber – es ist aus. Interview: Jürg Steinerjuerg.steiner@bernerzeitung.ch Das Buch: Urs P.Gasche, Hanspeter Guggenbühl: Schluss mit dem Wachstumswahn. Plädoyer für eine Umkehr. 134 Seiten, Rüegger-Verlag. Fr.19.90. Erscheint am 1.November. Faktenreicher, gut verständlicher, scharf gedachter Überblick über die Widersprüche des Wachstumsglaubens. Co-Autor Hanspeter Guggenbühl schreibt in dieser Zeitung regelmässig zu Umwelt-, Verkehrs- und Energiethemen. >

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