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Stars als Diener an der Musik

Es war ein denkwürdiger Abend. Denn der Violinist Leonidas Kavakos, der

Nein, leicht bekömmliche Kost war es nicht, welche den zahlreichen Sponsoren und dem übrigen Publikum im voll besetzten Festivalzelt in Gstaad vorgesetzt wurde. Die beiden praktisch zur selben Zeit entstandenen spätromantischen Kompositionen künden nämlich von Schwermut und Sehnsucht, von Tragik und Visionen, vom ewigen Kampf zwischen Resignation und Lebensgier. Doch wer sich ihnen öffnen wollte beziehungsweise konnte, der wurde an diesem Abend reich beschenkt. Wie neu gehört So überraschte der griechische Geiger Leonidas Kavakos mit einer hochsensiblen, aus grosser Ruhe heraus entwickelten Deutung des Sibelius-Violinkonzerts. Manches – etwa die hauchzarte Einleitung oder das mit viel Innigkeit gestaltete Adagio di molto – glaubte man wie neu zu hören. Kavakos musizierte technisch völlig souverän, doch er prunkte nicht damit, auch nicht im virtuosen Schlusssatz. Mit viel Sinn für Klangfarben formte er die Töne, immer als Diener an der Musik. Dadurch offenbarte sie Kraft, Fülle und Tiefe – Qualitäten, die auch die Zugabe, die Allemande aus Eugène Ysayes Sonate in e-Moll, op.27, Nr.4, auszeichneten. Vom Feinsten war ebenfalls die Begleitung: Valery Gergiev und das London Symphony Orchestra fanden mühelos die Balance zwischen Rücksichtnahme und Eigenständigkeit, zwischen Detailtreue und weit gespannten Bögen. Überlegt und überlegen Weltniveau erreichte das Orchester auch in Mahlers fünfter Sinfonie: Was soll man mehr loben, die mustergültigen solistischen Interventionen oder die phänomenal abgestuften Tutti-Einsätze? Kultivierter, expressiver und glanzvoller kann man Mahler wohl nicht dienen. Die Hundertschaft aus England löste, angeführt vom grossartigen Konzertmeister, zu Recht Begeisterung aus. Und sie erfüllte jeden Wunsch ihres Chefdirigenten. Auch dieser überraschte: Wer von ihm – namentlich im zweiten Satz – verzweifelte Raserei à la Bernstein erwartet hatte, musste umdenken. Gergievs Annäherung an Mahler war immer kontrolliert und schien einer Gratwanderung zwischen gegensätzlichen Polen gleichzukommen: zwischen Emotionalität und architektonischer Klarheit, Leidenschaft und Durchgeistigung, Trauer und Schönheit. Das war oft ungewohnt und herausfordernd, aber immer spannend. Mit knappster, doch ungemein suggestiver Zeichengebung (ohne Dirigierstab) führte er durch die Partitur, stets überlegt und überlegen, auch er als Diener an der Musik. Den Höhepunkt bildete das berühmte Adagietto, welches Gergiev mit nunmehr weit ausholender Gestik wundersam durchmodellierte und zu seinem ganz eigenen, bewegenden Bekenntnis steigerte. Erich Binggeli •www.menuhinfestivalgstaad.ch >

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