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Sonntags, wenn der Kopierer zickte

BurgdorfHermann Neuenschwander stand zum bekannten Regisseur Franz Schnyder in einer speziellen Beziehung: Er musste ihm gut ein Jahr lang jeden Sonntagmorgen das Fotokopiergerät erklären.

In den 50er- und 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war er ein Star der Schweizer Filmszene, gegen sein Lebensende geriet er jedoch ins künstlerische Abseits: Franz Schnyder, der 1993 verstorbene Filmregisseur aus Burgdorf. Je länger sein Todesjahr zurückliegt, desto mehr wird der Gotthelf-Filmer und cineastische Botschafter des Emmentals nun zur Legende, die man in seiner Heimatstadt sogar mit einem Museum würdigen will. Zahlreiche Leute in Burgdorf haben den Regisseur noch persönlich gekannt und wissen viel Schnurriges und Anekdotisches über ihn zu erzählen. Nicht zuletzt sind es solche Episoden, die zur Bildung des «Mythos Schnyder» beitragen. Ein Vollblutkünstler Einer, der Franz Schnyder in seinen späten und zunehmend einsamen Lebensjahren näher kennen lernte, ist der heute 84-jährige Burgdorfer Hermann Neuenschwander. Er sitzt am Stubentisch bei sich zu Hause an der Kirchbergstrasse und kramt in seinen Erinnerungen. Was er zu erzählen weiss, deckt sich präzise mit dem, was man von anderer Seite so oft hört: Franz Schnyder war ein eigenwilliger Mann, ein Vollblutkünstler eben, der nicht so tickte oder ticken mochte wie seine Zeitgenossen. Der erste Kontakt zu Schnyder ergab sich für Neuenschwander geschäftlich. Er arbeitete damals bei Büro Jäggi und verkaufte dem Regisseur eine «kleine und preisgünstige Fotokopiermaschine», wie er berichtet. Am nächsten Sonntagmorgen klingelte bei ihm das Telefon. Am Apparat war Franz Schnyder. Er komme mit dem Kopierer nicht zurecht, sagte er nervös. Ob es dem Fachmann wohl möglich sei, zu ihm zu kommen und ihm ein Drehbuch zu vervielfältigen? «Er war ein Kunde, also sagte ich, dass ich gerne käme, aber froh wäre, wenn es künftig nicht gerade jeden Sonntag sein müsse», erzählt Neuenschwander. Damit hatte er wahrlich eine prophetische Befürchtung geäussert, denn in der Folge wurde er während gut eines Jahres jeden Sonntagmorgen freiwillig-unfreiwilliger Gast in Schnyders Villa auf dem Gsteig. Jedes Mal hatte der Meister wieder vergessen, wie der Fotokopierer sachgemäss zu handhaben sei. Fast scheint es, als habe er die Bedienung des Geräts absichtlich nie erlernt, denn die Gesellschaft von Hermann Neuenschwander wurde ihm angenehm, und dieser wiederum war durchaus nicht abgeneigt, dem Regisseur Kopierhilfe zu leisten und ihm auch noch sein privates Ohr zu leihen. «Ich lernte ihn schätzen; er war eine markante, geradlinige Persönlichkeit, aber er hatte es auch schwer und fühlte sich von vielen Leuten missverstanden.» Unter anderem habe Schnyder immer wieder betont, dass er betrogen worden sei und ihm aus seinem Filmschaffen eigentlich noch mehrere Millionen zustünden. Verstimmt und versöhnt Zwischen Schnyder und Neuenschwander entstand mit der Zeit eine feste, wenn auch unkonventionelle Sonntagmorgenfreundschaft. Umso harscher reagierte Schnyder, als Neuenschwander ihn eines Tages auf dem Friedhof geflissentlich übersah, weil er gerade keine Zeit hatte, sich mit dem Filmkünstler zu unterhalten. Am nächsten Tag stand der Missachtete bei Neuenschwander im Geschäft und beklagte sich bitterlich, was das nun wieder für Manieren seien, ihn nicht einmal mehr grüssen zu wollen. Er habe diesen Fall nun der Polizei übergeben. Von der Ordnungsmacht wurde Neuenschwander freilich nie kontaktiert; stattdessen kam am nächsten Sonntagmorgen Schnyders Versöhnungsgeste in Form eines Telefonanrufs: «Das Kopiergerät funktioniert nicht.» Neuenschwander wusste, was er zu tun hatte, und trabte an. Nicht, dass Schnyder dem hilfsbereiten Geist seine Wertschätzung nie gezeigt hätte. «Einmal führte er mich in seine Garage, wo ein Mercedes und ein Volvo Sport standen. Er deutete auf die beiden Autos und sagte, ich dürfe mir eines auswählen, er brauche ja nicht zwei.» Allerdings verzichtete Neuenschwander auf die grosszügige Gabe; er dürfe, sagte er, bei Bedarf das Geschäftsauto benützen, das genüge ihm vollauf. Ein Geschenk nahm er jedoch an: Schnyders Exposé zu einem nie realisierten Film mit dem Titel «Freiheit». «Er warf mir das Skript einfach so hin und sagte, es interessiere sich eh niemand dafür, ich solle es nur nehmen.» Leider habe er es später aus den Händen gegeben, bedauert Neuenschwander. Auf verschlungenen, ihm nicht bekannten Pfaden sei es schliesslich im Archiv der Landesbibliothek gelandet. Somit bleiben Hermann Neuenschwander nur die Erinnerungen – doch diese kann ihm niemand nehmen.Hans Herrmann>

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