Gänsbrunnen/Kammersrohr

Von der Steuerhölle ins Steuerparadies

Gänsbrunnen/KammersrohrGänsbrunnen und Kammersrohr sind sich ähnlich: Es sind zwei kleine Gemeinden, zwei stark ländlich geprägte Dörfer. Steuerlich aber könnte der Unterschied grösser nicht sein. Warum ist das so? Zwei Augenscheine.

Steuerparadies: Kammersrohr ist die kleinste Gmeinde im Kanton Solothurn, finanziell steht sie gut da.

Manuel Zingg

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Dort, wo das Thal zwischen der ersten und zweiten Jurakette immer enger und die Luft dünner wird; dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen; dort, wo aus Solothurn, ohne dass man es merkt, urplötzlich Jura wird – dort liegt Gänsbrunnen: 732 Meter über Meer, die höchst gelegene Solothurner Gemeinde, 100 Einwohner, Steuerhölle.

Gänsbrunnen ist laut den jüngsten Berechnungen des Amtes für Gemeinden die steuerschwächste Gemeinde im Kanton Solothurn. 850Franken Staatssteuer pro Person fallen hier jährlich an – so wenig wie nirgendwo sonst im Kanton. Dafür fliesst anteilsmässig auch am meisten Geld über das Instrument des direkten Finanzausgleichs wieder zurück. Rund 180000 Franken werden es im kommenden Jahr sein – vorausgesetzt, der Kantonsrat segnet das in der Novembersession ab. Ausgleichende Gerechtigkeit, könnte man sagen.

Kanton soll handeln

Den Gemeindepräsidenten von Gänsbrunnen, Ernst Lanz, kümmert das Prädikat «steuerschwächste Gemeinde» allerdings wenig. «Klar, bei uns wohnen keine Akademiker und Juristen», sagt er. Gänsbrunnen sei eine kleine Gemeinde in einer ländlichen Region. Hier wohnten vor allem «Normalverdiener» und «kinderreiche Familien». Früher betrieb die Firma Von Roll hier einen Hochofen. Heute ist der Kalksteinbruch der grösste Arbeitgeber. Im Dorf hat es eine Beiz. Eine Kapelle. Zwei Vereine. Gänsbrunnen ist ein Durchgangsdorf. Und doch: Steuerschwach, steuerstark – das sei doch nur Statistik, sagt Lanz. Und die könne in einem Jahr wieder ganz anders aussehen. Gänsbrunnen plagen ganz andere Sorgen. Der Finanzausgleich sei ja an sich eine gute Sache, findet Lanz. Etwas aber schmerze und tue weh: Die gemeindeeigene Kläranlage. Der Kanton verlangt hier Jahr für Jahr eine ausgeglichene Rechnung. Schafft eine Gemeinde das nicht, dann schlägt sich das negativ auf den Finanzausgleich aus. «Mit der Kläranlage legen wir jedes Jahr zwischen 25000 und 30000 Franken drauf», sagt Lanz. «Mit unserem geringen Steueraufkommen schmerzt das natürlich.»

Nicht jammern

Deshalb will die Gemeinde noch in diesem Jahr das Gespräch mit dem Kanton suchen. «Dieser muss einsehen und akzeptieren, dass wir nicht in der Lage sind, in diesem Bereich eine ausgeglichene Rechnung zu führen», sagt Ernst Lanz. Er ist guter Hoffnung, dass es eine Lösung für dieses Problem gibt. Etwa, die Kläranlage künftig separat und nicht in der Gemeinderechnung zu führen.

Aber auch dann wäre Gänsbrunnen steuerlich nicht attraktiv, weiss der Gemeindepräsident. Trotz vorhandenem und billigem Bauland (der Quadratmeter kostet 105 Franken) macht sich Lanz keine Illusionen, was mögliche Neuzuzüge angeht. Man versuche wohl, attraktiv zu sein und vielleicht noch attraktiver zu werden. Gänsbrunnen liege aber zuhinterst im Thal – und verfüge über praktisch keine Infrastruktur. Keine Schule. Keine Post. Kein Laden.

Gänsbrunnen lebt und profitiert vor allem vom Tourismus. Von den vor allem sommers zahlreichen Tagestouristen in den Jurabergen. Damit verdient das lokale Gewerbe Geld. Und davon profitiert letztlich auch die Gemeindekasse. Viel ist das aber nicht. Und viel mehr wird es so schnell auch nicht werden. Aber damit könne man in Gänsbrunnen ganz gut leben. «Ich will nicht jammern», sagt Ernst Lanz. «Uns geht es trotz allem ganz gut.»

Kleinste Gemeinde

Gut geht es auch den Kammersrohrern. Vor allem finanziell. Kammersrohr ist die steuerstärkste Gemeinde im Kanton Solothurn. Hier fallen Staatssteuern in der Höhe von 9260 Franken pro Einwohner an. Elfmal mehr als in Gänsbrunnen.

Kammersrohr ist Gänsbrunnen eigentlich sehr ähnlich. Auch Kammersohr ist eine ländliche Gemeinde, eine kleine Gemeinde, die kleinste Gemeinde im Kanton. Auch in Kammersrohr gibt es keine Schule, keine Post, keine Läden, in Kammersrohr steht nicht mal eine Strassenlampe.

Kein Bauland

Und doch ist Kammersrohr in vielem anders als Gänsbrunnen. Kammersrohr ist keine Durchgangsgemeinde. Fremde finden kaum je hierher. Und wenn doch, dann sind sie oft schnell wieder weg. Bauland ist in Kammersrohr nicht vorhanden. Sollte jemals jemand auf die Idee kommen, nach Kammersrohr zu ziehen, müsste der Gemeinderat dies erst einmal grundsätzlich klären. «Praktisch alles Land bei uns ist Landwirtschaftsland und Juraschutzzone», sagt Gemeindepräsident Terry Spillmann. Die Bevölkerungszahl von Kammersrohr bewegt sich seit Jahrzehnten um die 40 herum. Mal ein paar mehr. Mal ein paar weniger. Kammersrohr – ein Sonderfall. Terry Spillmann mag das gar nicht leugnen. Es ist aber auch nichts, was man in Kammersrohr an die grosse Glocke hängen möchte. Der tiefe Steuersatz ist für die Kammersrohrer wohl ein Segen. Aber auch ein Fluch. «Ein sehr moderates Wachstum wollen wir nicht ausschliessen», sagt Spillmann – «um breiter abgestützt zu sein», meint er. Die Möglichkeiten seien aber klein.

Die einfache Infrastruktur Kammersrohrs sei aber auch vorteilhaft. Die Gemeinde schaut zu dem, was ihr selber gehört. Dort, wo es Sinn macht, im Schulwesen oder bei der Feuerwehr zum Beispiel, arbeitet sie mit anderen Gemeinden zusammen. So bleiben die Kosten tief. Und es kommen doch alle auf ihre Kosten.

«Müssen aufpassen»

Und man ist vor Problemen, wie Gänsbrunnen sie kennt, gefeit. Die Infrastruktur, die Kammersrohr unterhalten muss, die Strassen vor allem und die bescheidene eigene Wasserversorgung, die sind «à jour», sagt Spillmann. «Klar, wir könnten mehr Geld ausgeben», sagt er auch. «Dann müssten wir aber auch mehr Geld einnehmen.» Und das stehe nicht zur Debatte. Man schaue sich die Ausgabenseite schon immer gut an. «Kosten können jederzeit sprunghaft ansteigen», sagt Spillmann. «Gerade deshalb müssen wir aufpassen und klein und bescheiden bleiben.»

Wohlstand, diskret

Zurückhaltung ist die Tugend der Kammersrohrer. Auch, aber nicht nur in Geldangelegenheiten. Der Wohlstand wird hier offen zur Schau gestellt, die teils modernen Einfamilienhäuser, die herrschaftlichen Villen und die vergleichsweise grossen Bauernhöfe sind Zeugen davon. Nur liegt Kammersrohr so abgelegen und versteckt zwischen Hubersdorf und Günsberg gelegen, dass Aussenstehende davon gar nichts mitbekommen. In Kammersohr wohnt der Wohlstand. Diskret. Und trotz allem bescheiden. (Solothurner Tagblatt)

Erstellt: 09.09.2009, 09:04 Uhr

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