Wenn Neuntklässler Bier zapfen

Nidau

Im Rahmen einer Projektwoche übernimmt eine Nidauer Schulklasse den Betrieb in der Brasserie «Lago Lodge». Ausserordentliche Arbeitszeiten und Alkoholausschank – eine rechtliche Gratwanderung.

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Martin Bürki@tinubuerki27

Sie bedienen, kochen und putzen: Die 14- bis 15-jährigen Mädchen und Jungen der 9. Realklasse der Schule Burgerallee in Nidau schnuppern während einer Woche in die Berufswelt der Erwachsenen rein. In der «Lago Lodge» – Restaurant, Hostel und Bierbrauerei in einem – übernehmen sie zahlreiche Aufgaben. Sie stehen hinter der Theke, bereiten in der Küche die Menüs zu und reinigen die Zimmer. Nur um das Bierbrauen kümmern sich ausschliesslich die Patrons.

Ausnahmeregelung

Manch einer mag sich verwundert die Augen reiben, wenn ihm um 22 Uhr abends ein minderjähriges Schulkind das Bier zapft. «Wir haben uns mit dem Rechtsdienst der kantonalen Erziehungsdirektion abgesprochen», entgegnet Barbara Moser, Leiterin der Schule Burgerallee. «Dadurch, dass die gesamte Klasse teilnimmt, gilt es als Projektwoche. Da es gleichzeitig aber auch eine Schnupperwoche ist, kommt eine Ausnahmeregelung zum Tragen. Voraussetzung war eine umfangreiche Information der Eltern.»

Klassenlehrerin Nicole Merlo erläutert: «Wir veranstalteten einen Elternabend, um die Familien zu informieren. Anschliessend mussten sämtliche Eltern ihre Einwilligung geben, ob ihr Kind Alkohol ausschenken und wann es arbeiten darf, ob auch abends oder frühmorgens.» Denn die erste Schicht beginnt bereits um 5 Uhr, wenn es gilt, das Bistrot zu putzen. Für die ausserordentlichen Arbeitszeiten haben die Lehrkräfte einen Fahrdienst organisiert.

Mit vollem Elan

Gearbeitet wird in verschiedenen Schichten, im Service, in der Küche und im Hotellerie-Bereich. «Jedes Kind übernimmt vier bis fünf Schichten auf die gesamte Woche verteilt», erklärt Nicole Merlo. Sie selbst verbringt einen Grossteil der Zeit vor Ort, bereitet Unterrichtsstunden vor oder korrigiert Hausaufgaben und Aufsätze. «Oft bleiben die Kinder sogar freiwillig länger, als sie müssten, einfach weil ihnen die Arbeit Spass macht.»

Tatsächlich scheint den Schülern der Ausbruch aus dem Alltag zu gefallen: Ihnen ist die Konzentration zwar anzusehen, wenn sie arbeiten, doch in jeder freien Minute lachen und strahlen sie. Sogar beim Reinigen der Hostelzimmer: Den Boden zu kehren, mag nicht zu Juliens Lieblingsaufgaben gehören, doch als er ein Bündel gebrauchtes Bettzeug aus dem ersten Stock auf den Wäschewagen runterwerfen soll, grinst er spitzbübisch.

Gutes Zeugnis

Natürlich schmeissen die Kinder den Laden nicht ganz alleine, sondern stehen unter der Beobachtung des Personals. «Sie machen ihre Aufgabe gut», bescheinigt Christina Kocher ihrem heutigen «Putztrupp» Céline und Julien, und fügt mit einem Augenzwinkern an: «Man merkt aber sofort, wer denn auch zuhause im Haushalt helfen muss.»

In der Küche treffe dies weniger zu, findet Chefkoch Oliver Meili. «Meistens mache ich etwas ein-, zweimal vor und lasse dann die Schüler machen. Da spielt es kaum eine Rolle, wie erfahren sie sind. Oder kocht ihr zuhause?», fragt er seine beiden Küchengehilfen. Nicola und Leonardo nicken. «Doch doch, ich habe auch schon Paella gemacht», fügt Letzterer schliesslich an und schleudert – noch etwas verhalten – die Bratkartoffeln in der Pfanne herum, damit sie gleichmässig gebraten werden.

Erfahrungen bestätigt

Bereits zum zweiten Mal übernimmt eine Schulklasse die Kontrolle in der «Lago Lodge»: Auch letztes Jahr durften sich Neuntklässler, damals aus Biel, als Gastwirte versuchen. «Wir haben gute Erfahrungen gemacht», erinnert sich «Lago Lodge»-Geschäftsführer Nathan Güntensperger. «Deshalb mussten wir nicht lange überlegen, als für dieses Jahr wieder eine Anfrage kam.» De facto kam der Impuls sogar von einer Mitarbeiterin, wie Klassenlehrerin Nicole Merlo verrät: «Sie ist eine Kollegin von mir und hat mir von der letztjährigen Projektwoche erzählt. Da habe ich Lust gekriegt, es mit meinen Schülern zu wiederholen.»

Trotz des Mehraufwandes, den die Betreuung der Schüler darstellt, hätten sich die Mitarbeiter darauf gefreut. Nathan Güntensperger: «Unser Koch fragte schon letzten Sommer, ob wir wieder einmal so eine Schnupperwoche durchführen könnten.» Januar sei ausserdem ein idealer Zeitpunkt, wenn der Betrieb eh nicht auf Hochtouren läuft. «Im Sommer wäre es schlicht zu hektisch, um hinter der Bar zu stehen.»

Vereinzelt kommen Eltern der Schüler vorbei, um ihre Sprösslinge bei der Arbeit zu sehen. Finanziell bringt das Schulprojekt dem Nidauer Kultlokal aber eigentlich nichts. «Darum geht es auch nicht», betont Nathan Güntensperger. «Aber ich finde es wichtig, dass die Schüler auch selbstständiges Arbeiten lernen. In der Schule ist meistens alles vorgegeben, hier müssen sie auch einmal selbst nachdenken und vielleicht einen Tisch abräumen, ohne dass es ihnen jemand befiehlt.»

Beobachten

Der Geschäftsführer selbst arbeitet nur noch selten «an der Front», wie er es nennt. Ab und zu sitzt er im Bistrot und schaut den Schülern zu: «Es ist spannend zu sehen, wie sich ein Kind innerhalb einer Woche entwickeln kann. Der vorlaute Pausenclown wird plötzlich ganz leise, wenn er hinter der Bar stehen muss, andere kommen richtig aus sich heraus.» Im Gastgewerbe sei es sowieso speziell: Menschen sind dafür gemacht – oder eben nicht. «Das hat nichts mit Intelligenz zu tun. Ich erkenne so etwas immer schnell.»

Nathan Güntensperger ist überzeugt von dem Projekt, wäre auch nächstes Jahr wieder gesprächsbereit. Und er verspricht: «Am Sonntag schauen wir, wie viel Trinkgeld hereingekommen ist, und verdoppeln es!» Die Summe kommt dann in die Klassenkasse. Wenn das kein Ansporn ist...

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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