Samichlous: «Nicht die Kinder, sondern die Eltern haben sich verändert»

Murten

Heute zieht er wieder den roten Mantel an, verlässt den Wald und geht mit dem Eseli Sämi zu den Kindern. Lob und Tadel stehen im Laptop statt in einem Buch.

Der Samichlous und Esel Sämi besuchen die Murtner Kinder schon seit vielen Jahren.

Der Samichlous und Esel Sämi besuchen die Murtner Kinder schon seit vielen Jahren.

(Bild: Urs Baumann)

Samichlous* sag, braucht es dich noch?
Samichlous: Ja, auf jeden Fall.

Warum?
Die Kinder haben mich gern, aber ich bin auch für die Erwachsenen da und sage ihnen, wie man sich benehmen sollte. Das wissen nämlich nicht alle.

Der Samichlous ist also eine moralische Instanz?
Ein wenig. Ich hebe aber nicht den Drohfinger, sondern mahne mit einem Lächeln.

Früher haben die Kinder den Samichlous gefürchtet. Und heute?
Die Kinder haben keine Angst mehr. Sie begegnen mir mit Respekt und sind neugierig. Die Rute brauche ich nur noch, um den Boden zu kehren.

Wie lange bist du schon Samichlous?
Sicher schon seit tausend Jahren.

Und was hat sich in dieser langen Zeit verändert?
Früher war ich zu Fuss und mit dem Esel unterwegs. Heute bin ich motorisiert und der Esel wird verladen. Wir sind beide sehr alt und ermüden rasch.

Wohnst du wirklich im Wald?
Ja. Der Wald bedeutet auch Schutz für mich. Als Samichlous lebe ich in einer anderen Welt und das muss so bleiben.

Vieles hat sich verändert. Die Kinder sicher auch, oder nicht?
Kinder bleiben Kinder. Was sich änderte sind vor allem die Eltern. Früher drohten sie mit dem Samichlous. Heute kommt dieses böse Spiel zum Glück selten vor.

Samichlous, du arbeitest nur etwa an zwei Tagen pro Jahr. Was machst du den Rest des Jahres?
An diesen zwei Tagen arbeite ich je 24 Stunden. Dann ruhe ich mich aus. Übers Jahr habe ich meine Engel, die über die Kinder und ihre Eltern Erkundigungen einziehen. Diese halte ich dann in meinem Laptop fest, nicht mehr in einem Buch. Auch der Samichlous kommt um die moderne Technik nicht herum.

Und was macht der Esel das Jahr über?
Er lebt mit anderen Eseln und Pferden auf einem Bauernhof in der Nähe von Murten. Wir sehen uns nur am Chlousetag.

Wie könnt ihr da eine Beziehung aufbauen?
Sämi trägt schon fast 50 Jahre meine Säcke mit den Nüssen und Mandarinen. Er ist ein gescheites Tier. Es ist einfach, mit ihm zu kommunizieren, vor allem weil ich seine Sprache verstehe.

Der Esel ist also nur ein Tragtier?
Nein. Sämi erleichtert mir den Kontakt zu den Kindern. Sie lieben ihn und bringen ihm Äpfel und Rüebli.

Es geht den Kindern also nicht nur ums Chlousesäckli?
Es ist ein Geben und Nehmen. Viele fragen jeweils, ob ich sie noch kenne und bringen mir sogar etwas mit, etwa eine Zeichnung. Interessant sind auch Begegnungen mit Jugendlichen: Sie benehmen sich ausnahmslos freundlich und respektvoll.

In den Läden sieht man schon im Oktober Chlousesäckli...
Die Kinder sehen das natürlich auch, aber sie wissen: Am 6. Dezember kommt der richtige Samichlous, der im Wald wohnt. Mit ihrer Phantasie bewahren sie sich diesen Glauben.

Ganz ehrlich: Bist du der eine und einzige, richtige Samichlous?
Ich bin der richtige, aber nicht der einzige Samichlous. Ganz alleine könnte ich die Arbeit gar nicht bewältigen.

*Name der Redaktion bekannt

Berner Zeitung

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