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Jägerin in einer Männerdomäne

Sie ist blond, hübsch und engagiert sich für die Natur. Während sich andere Frauen mit diesen Attributen für den Miss-Earth-Titel bewerben, geht Michèle Schaffner im Seeland auf die Jagd – und «wildert» damit in einer Männerdomäne.

Entspannen vor der Jagd: Michèle Schaffner vor der Jungbürgerhütte im Siseler Wald.
Entspannen vor der Jagd: Michèle Schaffner vor der Jungbürgerhütte im Siseler Wald.
Enrique Muñoz Garcia
Aufbruch: Die Hunde sind kaum zu halten. Sie sollen das Wild im Siseler Dickicht  aufstöbern.
Aufbruch: Die Hunde sind kaum zu halten. Sie sollen das Wild im Siseler Dickicht aufstöbern.
Enrique Muñoz Garcia
Aufwärmen am Feuer: Jägerkollege Peter Imperialierzählt Jagdgeschichten.
Aufwärmen am Feuer: Jägerkollege Peter Imperialierzählt Jagdgeschichten.
Enrique Muñoz Garcia
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Bis zum Reh sind es 21 Meter. Der Jäger zielt, Nerven und Abzug gespannt. Mit dem Schuss peitscht eine Ladung Schrot durch den Siseler Grosswald. 7172 Rehe hat das kantonale Jagdinspektorat für die Saison 2009 zum Abschuss freigegeben. Ob dieses Reh in die Berner Statistik eingeht, ist unklar: Das Tier flüchtet mit eingezogenem Kopf ins Dickicht.

Geschossen hat der Siseler Hermann Meyer. Wie jeden Herbst seit über 20 Jahren jagt er auch heuer mit seinen Kollegen Hansrudolf Brunner, Peter Imperiali, Peter Kellerhals und Hans Seiler. Wie immer sind die Hunde dabei, und wie immer brennt bei der Jungbürgerhütte ein wärmendes Feuer. Und doch ist an diesem strahlend schönen und bitter kalten Tag etwas anders als sonst: Eine Frau begleitet die Männergruppe.

«Jagen ist auch Verzicht»

Das Jagen liegt Michèle Schaffner in den Genen: Seit sie fünf Jahre alt ist, begleitet sie ihre Eltern auf die Jagd, mit 15 absolvierte sie die französische Jagdprüfung. In der Regel jagt die 23-jährige Aargauerin im Elsass. Sogar ihre Maturaarbeit schrieb Schaffner über die Jagd – «als aufklärenden und sachlichen Beitrag in einer oft emotional geführten Diskussion», wie sie sagt.

Dabei ist Jagen für Schaffner viel mehr als nur Beute machen. «Nachhaltige Jagd bedeutet hegen und pflegen von Fauna und Flora, also einen Beitrag zur Artenvielfalt zu leisten.» Zur nachhaltigen Jagd gehört aber auch der Verzicht. «Gute Jäger sind nicht nur auf Trophäen aus», so Schaffner.

Immer mehr Jägerinnen

In ihrem Umfeld eckt die junge Frau mit ihrer Passion an. Oft hört sie, die nach der Matura RS und Offiziersschule absolvierte: «Aber du bist doch eine Frau.» Dennoch: So schwer wie es damals für ihre Mutter gewesen sei, das Jagdpatent zu erwerben, sei es heute für Frauen nicht mehr, sagt Schaffner. «Meine Mutter musste lange suchen, bis sie jemanden fand, der gewillt war, sie zur Jägerin auszubilden.»

Laut dem kantonalen Jagdinspektorat haben im Kanton Bern heuer 2644 Jäger ein Patent gelöst. Nur zwischen 20 und 40 davon seien Frauen, sagt der stellvertretende Jagdinspektor Martin Zuber. Allerdings nimmt deren Zahl zu – vor allem bei den Neu-Jägern sei der Frauenanteil steigend.

Nachsuche und letzte Ehre

Beim Ausflug mit den Seeländer Jägern verzichtet die Jus-Studentin allerdings aufs Schiessen: In Frankreich erlegen die Jäger das Wild mit Kugeln statt wie in der Schweiz mit Schrot. Auch anerkennt der Kanton Bern die französische Jagdprüfung nicht.

Aber auch ohne Waffe kann Schaffner jagen. Etwa als Treiberin, die mit den Hunden das Wild aufstöbert. Oder nach Meyers Schuss auf der Nachsuche. Während er Abschussstelle und Standort des Tieres markiert, suchen Schaffners Augen konzentriert Zweige, Blätter und Boden ab. Meyer und Schaffner schätzen die Schussdistanz auf 21 Meter. Eigentlich sollte das Reh getroffen sein. Schweiss – so nennen die Jäger das Blut – ist jedoch nicht zu sehen. Einige Schritte weiter entdeckt Schaffner einen Hufabdruck. Das Tier bleibt verschwunden.

Meyer bläst ins Horn und damit die Jagd ab. Jetzt kommt Hera, seine Gordon-Setter-Hündin, zum Zuge. Mit der Nase dicht am Boden nimmt sie die Spur auf und findet das erlegte Tier prompt – es liegt keine 70 Meter von der Stelle, an der es getroffen wurde. «Bei einem tödlichen Schrot- oder Kugelschuss können die Nervenreflexe dazu führen, dass das Wild noch weite Distanzen überwindet», sagt Michèle Schaffner. Sie und Meyer untersuchen das Tier, versehen es mit der obligatorischen Marke und erweisen ihm die letzte Ehre, indem sie ihm je ein Tannzweiglein ins Maul und auf den Körper legen. Dann tragen sie ihre Beute zurück zur Hütte.

Was da hängt, ist Wildbret

Dort warten die anderen. Jetzt geht es ans Aufbrechen und Ausnehmen des Tieres. Hansrudolf Brunner übernimmt, hängt das Reh an den Hinterläufen an eine Tanne, schlitzt den Bauch auf. Blut rinnt auf den Waldboden, die Innereien quellen aus dem Leib. Brunner untersucht die Organe sorgfältig, denn sie geben Auskunft über allfällige Krankheiten oder Parasiten. Auch kontrolliert er, ob das erlegte Tier Nahrung zu sich genommen hat. «Seine letzte Mahlzeit bestand vor allem aus Mais, wohl von den nahen Feldern», sagt Brunner angesichts der dampfenden gelben Masse.

Leber, Herz und Nieren packt er in einen Plastiksack. Die Wirtin eines nahen Gasthofs wird sie später für die Jäger zubereiten. Die Hunde bekommen den Reh-Magen. Die restlichen Innereien lassen die Jäger für die Füchse liegen.

Später am Feuer – die Beute ist im Auto verstaut – gibt es Süssmost, heissen Tee und Jagdgeschichten. Michèle Schaffner ist zwar mit Abstand die Jüngste, hat in ihren Weidmannsjahren aber schon einiges erlebt. In dieser Altherrenrunde ist sie akzeptiert. Das ist nicht überall so. Manch ein Jäger begegnet Michèle Schaffner mit Skepsis oder Widerwillen. Vor allem dann, wenn sich herausstellt, wie gut sie über die Jagd Bescheid weiss.

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