Ein Turm macht noch keine Kirche

Radelfingen

Eine Sonderausgabe der Dorfzeitung von Radelfingen beleuchtet die Geschichte des frisch sanierten Gemeindehauses. Nebst diesem Heft soll bald eine überarbeitete Dorfchronik erscheinen.

Eben renoviert: Das Gemeindehaus Radelfingen diente vielen Zwecken. Im Turm hat es zwei Glocken, im Anbau einen Saal mit Orgel.

Eben renoviert: Das Gemeindehaus Radelfingen diente vielen Zwecken. Im Turm hat es zwei Glocken, im Anbau einen Saal mit Orgel.

(Bild: zvg)

Zwischen Detligen und dem Jucher gelegen: Das ist der Standort des Gemeindehauses von Radelfingen aus dem Jahr 1898. Mitten im Grünen steht das Gebäude, so als wollten die Einwohner die Behörde möglichst weit entfernt wissen. Der Grund für die Platzierung abseits des Dorfkerns von Detligen, und in noch weiterer Entfernung zu den anderen Dörfern der Gemeinde Radelfingen, ist jedoch ein anderer: Man wollte es allen recht machen und wählte einen Standort in der Mitte. Niemand sollte zu lange reisen müssen. Damals, als sich noch fünf autonome Gemeinden das Verwaltungsgebäude teilen wollten. Und damals, als man noch mit Ross und Wagen reiste.

Sonderausgabe, neue Chronik

Seit diesem Oktober präsentiert sich das Gebäude in frischem Glanz. Das Innere wurde renoviert und zusätzlich eine Postagentur eingebaut. Für die Radelfinger Behörde war dies ein Grund, ihrem Gemeindehaus eine Sonderausgabe der Dorfzeitung «Radelfinger» zu widmen. Wenn es um die Geschichte des über 100-jährigen Hauses geht, weiss keiner so gut Bescheid wie Daniel Mauerhofer. Der frühere Gemeindepräsident wohnte rund 30 Jahre im Gemeindehaus.

Mauerhofer ist auch ein Mann der Notizen. Immer wieder hielt er Veränderungen schriftlich fest. Zusammen mit dem Dorfchronisten Werner May – ebenfalls ein ehemaliger Gemeindepräsident – hat er dem heutigen Gemeinderat das Manuskript für eine überarbeitete Dorfchronik vorgelegt. Sie soll nächstes Jahr gedruckt werden.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Warum das Verwaltungsgebäude eher an ein Schulhaus erinnert und über einen Turm verfügt, wird weder im «Radelfinger» noch in der neuen Dorfchronik erläutert. «Auf diese Frage habe ich bis heute keine Antwort gefunden», sagt Mauerhofer.

Dafür weiss der 75-Jährige viel über die Zeit nach dem Krieg und über die baulichen Veränderungen in den letzten 30 Jahren. Diese Informationen hat er in die Sonderausgabe einfliessen lassen. So umschreibt er die Aufgabe einer gewissen Rosa Schütz. Die Frau muss von kräftiger Statur gewesen sein, sonst hätte sie die Glocke im Gemeindehausturm wohl kaum zum Läuten gebracht. An Wochentagen zog sie um die Mittagszeit kräftig am Seil und kündigte damit die Essenszeit für die Leute auf den Feldern an.

Ort der Begegnung

Es war auch die Epoche der Kohlenkeller und der Zellen gleich daneben. In diesen «Chefig» wurden Betrunkene zur Ausnüchterung gebracht und mussten sich das Lager manchmal mit Ratten teilen. Das Radelfinger-Gemeindehaus war laut Mauerhofer immer eine multifunktionale Stätte. Der Männerchor übte hier, die Gemeinderäte rangen um Entscheide, und einmal pro Monat lauschten die Kirchgänger den Worten des Pfarrers.

Anbau mit einem Saal

Bis eine neue Phase im Dorfleben eingeläutet wurde. Von Bund und Kanton verordnet, mussten in den 80-er Jahren Zivilschutzanlagen zum Schutze der Bevölkerung gebaut werden. Die Gemeinde Radelfingen entschloss sich zu einem Anbau ans Gemeindehaus. Dieser Anbau umfasst auch einen Saal mit integrierter Bühne und einer Küche.

Und weil die Kirchgemeinde weiterhin Gottesdienste im Gebiet Detligen anbieten wollte, finanzierte sie eine Orgel für den Raum. Fortan war der Saal der Begegnungsort der Bevölkerung, und die Gemeindeverwaltung verfügte nun über mehr Raum im ursprünglichen Haus.

Bei der Sanierung dieses Gebäudes ist heuer nicht nur das Dach des Turms erneuert worden. Wärme wird nun mit erneuerbarer Energie erzeugt. Ein Lager für rund 14 Tonnen Holzpellets wurde geschaffen, Fenster saniert und das Innere neu gestaltet. Für Mauerhofer hat sich noch etwas zum Guten gewendet: Sein Hahn auf dem Turmdach glänzt wieder golden in der Morgensonne. «Der schnell verblassende Kupferhahn passte mir nicht», sagt er. Da sich der Hahn nach dem Winde dreht, sehe man jetzt wieder, aus welcher Richtung dieser wehe.

Berner Zeitung

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