Ein Seeländer vermarktet die Idylle von Bellelay

Bellelay

Quereinsteiger Adolf Saurer hat das Hôtel de l’Ours in Bellelay in mühseliger Arbeit renoviert. Das Leben als Hotelier und Gastronom im Berner Jura ist für den Seeländer nicht nur einfach.

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Simone Lippuner

Bellelay im Berner Jura. Bald gibt es dort keine Post mehr. Einen Laden hat das Dorf auch nicht. Die Jungen wandern ab, die Älteren bilden eine kleine, aber keineswegs verschworene Gemeinschaft. Bellelay, auf 931 Meter über Meer am Nordrand des Moores La Sagne gelegen, ist nicht viel mehr als ein kleines Nest. Die protzigen Gebäude gehörten einst alle dem Kanton. Heute ist noch das ehemalige Kloster in staatlichem Besitz, es dient als psychiatrische Klinik.

Gleich gegenüber liegt der Gasthof Bären, das Hôtel de l’Ours. Liebe auf den ersten Blick für den pensionierten Unternehmer Adolf Saurer. Der Lysser sieht in der Abgeschiedenheit sein Glück, im Bären die Verwirklichung seines Traums. Er zahlte dem Kanton rund eine halbe Million für das Gebäude und steckte weitere 1,4 Millionen Franken in dessen Renovation.

Wie in der Räuberhöhle

Die Gegend in den Höhenzügen des Juras kennt Saurer seit seiner Kindheit, oft hätten sie hier Ferien gemacht. Ursprünglich war seine Idee, hier nach der Pensionierung ein Wochenendhaus für Familie und Freunde zu erwerben. Aus dem Haus wurde ein Hotel – er und sein Kollege Pat Lerch kauften den Bären vor sechs Jahren. Das Gebäude stammt aus dem 17.Jahrhundert und war Teil der Abtei. Mönche erfanden hinter den alten Mauern den Tête-de-Moine-Käse.

Doch der vorangehende Wirt hinterliess das Hotel in desolatem Zustand: «Alleine die Küche putzten wir während vierzig Tagen, die Zimmer sahen aus wie eine Räuberhöhle», so Saurer. In viel Eigenarbeit schliffen Saurer und Lerch Böden ab, verlegten 13 Tonnen Vollholzparkett, installierten Sanitäranlagen, restaurierten antike Möbel. «Nach zwei Jahren konnten wir das erste Zimmer vermieten, die anderen kamen sukzessive hinzu.» Das Restaurant war immer geöffnet.

Fondue im Stall

Das Resultat der langwierigen Sanierung kann sich sehen lassen. Elf schicke Zimmer, Pianobar, Billardraum, Brasserie, alte Pferdeboxen, die zu Fonduestuben umfunktioniert wurden. Das Hôtel de l’Ours trägt das Label «Swiss Historic Hotel» – 50 Schweizer Hotels gehören in diese Gruppe auserlesener, meist teuer renovierter Unterkünfte.

Bei Saurer kehren primär Schweizer ein, immer häufiger aber auch internationale Kundschaft. Eher Gäste 50 plus, aber auch mal junge Pilgerer, liegt doch der Jakobsweg vor der Tür. Deshalb gibt es im Hotel zusätzlich ein Massenlager. «An den Wochenenden sind wir über Monate ausgebucht», sagt der 57-jährige Saurer. Unter der Woche hingegen könnte die Auslastung noch besser sein.

Oft reisen Tagesausflügler in den Berner Jura. Aus ihnen sollen Touristen werden. «Wer einen Aufenthalt in Bellelay macht, wird die Abtei und die Käserei besuchen, sich dann aber bald langweilen.» Deshalb sind Saurer und Lerch stets bemüht, weitere Aktivitäten wie Biken oder Reiten anzubieten. Ein weiteres Problem ist der ÖV: Es fahren nur zwei Busse pro Tag nach Bellelay. Das Hôtel de l’Ours verfügt deshalb über einen Bus, mit dem Touristen in Tavannes abgeholt oder an bestimmte Orte gebracht werden.

Feuer im Dach

Adolf Saurer ist Quereinsteiger. Er arbeitete als Dienstleister im Gesundheitsbereich und hatte mit Gastronomie bis vor sechs Jahren nichts am Hut. Nun sitzt er auf der Terrasse seines Hotels, im weissen Hemd, die Hände noch nass vom Bierservieren – und erzählt vom grössten Fettnapf, in den er getreten ist: «Meine erste Speisekarte war nur Deutsch.» Das französischsprachige Bellelay reagierte empört – und mied den Wirt.

Auswärtige haben es im Jura nicht nur leicht. Und doch sind sie es, die die Schönheit dieser Gegend sichtbar machen wollen. Es gebe in der Umgebung von Tavannes und Reconvilier viele tolle Gebäude, aber niemand möge in eine Aufwertung investieren. Saurer schon. Bereits liebäugelt er mit einem neuen Objekt.

Heute habe er das Vertrauen der Bevölkerung gewonnen, mit den Bauern will er künftig für Kutschenfahrten zusammenspannen. Aber ja, das Ganze brauche schon eine harte Haut, räumt der Hotelier ein. Denn bereits schwelt der nächste Konflikt. Saurer hat hinter dem Haus eine neue Terrasse gebaut. Der Denkmalpflege passte das Projekt nicht, sie verfügte einen Baustopp. Saurer: «Nun muss ich schauen, wie das weitergeht.»

Alles im Lot

Er sagts mit einer gewissen Gelassenheit. Die rührt vielleicht daher, dass die Leidenschaft ihn in diese Abgeschiedenheit getrieben hat. Und nicht die Suche nach einer neuen Geldquelle. «Gewinn mache ich hier derzeit keinen.»

Er muss nicht hier oben bleiben, wie viele, vielleicht teils unzufriedene Bewohner von Bellelay. Er will.

Berner Zeitung

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