Der Tiger-Dompteur hat nur noch eine Hauskatze

Crémines

Jerry Wegmann war der erste, der einen weissen Tiger in die Schweiz importiert hat. 20 Jahre lang führte er in Crémines einen Privatzoo. Für diese Zeitung öffnet er seine Fotoalben.

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Dominik Galliker@DominikGalliker

«Die Fotoalben wollen Sie sehen?» Jerry Wegmann lacht. Ein hohes, kratziges Lachen. «Das kann dauern», sagt der 70-Jährige dann und öffnet eine Kommode. Seine Frau Rita bietet Kaffee an. Die Alben, die Wegmann auf den Tisch legt, sind schwer und voll mit Bildern von Raubkatzen. Löwen, Tiger, Pumas, Leoparden. Ihr Leben lang haben Jerry und Rita Wegmann mit ihnen gearbeitet. Erst zogen sie im Zirkuswagen rund um den Globus. Dann bauten sie einen Zoo auf. Siky-Ranch, so nannten sie den Park in Crémines. 100 Tiere gab es dort, 54 Arten. Hauptattraktion waren die weissen Tiger.

«Ja, wir haben einiges gemacht», sagt Rita Wegmann. «Haben Sie Hunger?», fragt sie dann unvermittelt und verschwindet in der Küche. «Die besten Kunden waren die geschiedenen Männer», erklärt Wegmann. «Wenn das Kind eine Glace wollte, gab es eine Glace. Wenn es fünf wollte, gab es fünf.» Er lacht. «Aber wenn ich dann hörte, worüber die Leute im Restaurant diskutierten» Er lässt die Hand auf den Tisch fallen. Über die Frau hätten sie gejammert, über den Job, über die Ferien, die noch so weit weg waren. «Ich konnte das nicht mehr hören. Darum: Ich bin froh, konnten wir den Zoo verkaufen.»

In der Bar fing alles an

Aufgewachsen ist Wegmann nahe Winterthur. «Als Bub hatte ich einen Hund, Kaninchen und eine Schildkröte.» Gelernt hat Jerry Wegmann Gipser. «Wenn man mich fragt, wie ich Dompteur wurde, dann sage ich: an der Bar.»

Seine Frau bringt zwei Teller. Rindssteak mit Salat, sie selber isst nichts. Rita Wegmanns Vater war Bauer. Er übernahm ein Restaurant, kaufte Tiere, und daraus wurde der Plättli-Zoo in Frauenfeld. Sie selber arbeitete an der Bar des Zoos. Dort lernten sich die beiden kennen. «In den Zoo wollte ich eigentlich nicht», sagt er, «aber die Bar hatte auch am Sonntag lange offen.»

Zunächst fegte Wegmann im Plättli-Zoo den Hof. Dann fütterte er die Löwen. Beobachtete seine Frau bei der Dressur. Und stand bald selber im Gehege.

Pumas und Bernhardiner

Ein wuscheliger Hund steht hoffnungsvoll neben dem Tisch. «Tarzan, nein», sagt Wegmann. «Assieds!» Der Hund setzt sich. «Die Leute meinen immer, Tiger dressiere man mit Gewalt.» Damit erreiche man aber gar nichts. «Sobald du Gewalt anwendest, zeigst du deine Kräfte, und der Tiger merkt, wie schwach du bist. Nie darfst du zeigen, wie schwach du bist. Sonst hast du verloren.»

1976 traten die Wegmanns zum ersten Mal im Zirkus auf. Tochter Elvira war 10 Jahre alt, spielte auf dem Rücken eines Löwen Akkordeon. Und ihr Vater lernte, wie die Zirkuswelt funktioniert. Die Wegmanns zogen Tiger, Löwen, Leoparden, Pumas und Bernhardiner auf. Die Tiere lebten im gleichen Gehege, standen zusammen in der Manege.

In der Schweiz, in Deutschland, dann auch in Frankreich, Belgien und Holland. In den 80er-Jahren tourte das Paar durch Arabien. «Oman», sagt Rita Wegmann, «ist das Schönste, was ich je gesehen habe.» Ihr Mann musste damals einige Tage ins Gefängnis, weil er illegalerweise gefilmt hatte.

«Die Tiere dürfen bei dir nie Angst spüren. Auch wenn du dir in die Hosen machst – du darfst es dir nicht anmerken lassen», sagt Wegmann und entschuldigt sich sogleich für die Thematik während des Essens. Heikle Situationen habe es durchaus gegeben. Während einer Vorstellung gingen die Löwen aufeinander los. Die Zuschauer flohen, in der Panik gab es Verletzte. «Da habe ich schon mit dem Gedanken gespielt, ob ich aufhören soll.»

Eine Tour durch Amerika

«Du isst ja kaum», sagt Rita Wegmann. Er schaut sie an. «Ich bin dauernd am Erzählen. Das ist schwierig.»

Im Frühling 1988 sprach ein Agent Jerry Wegmann an. Der legendäre Zirkus der Ringling-Brüder wollte ihn engagieren. Die Überfahrt nach Amerika dauerte elf Stunden. «Das kleinste Gebäude, in dem wir auftraten, fasste 8000 Zuschauer», erzählt Jerry Wegmann. «Am Anfang dachte ich: Die essen ja alle. Würstchen, Glace – wer klatscht denn da? Aber ich sage Ihnen: Wenn von 30000 Zuschauern nur 5000 klatschen – an das Getöse muss man sich erst gewöhnen.»

1996 kauften die Wegmanns die Siky-Ranch in Crémines. Sie war in der «Tierwelt» ausgeschrieben – «Zoo zu verkaufen». «Ich hätte noch einmal nach Amerika gehen können», erzählt Wegmann. Aber dafür hätte er seine alten Tiere einschläfern und mit neuen arbeiten müssen. «Darum blieb ich hier.»

20 Jahre lang führte er den Privatzoo. Es gab Shows mit Hunden, mit Papageien, gar mit Hauskatzen. 300 Besucher pro Tag. Sie kamen, weil auf der Siky-Ranch die einzigen weissen Tiger zu sehen waren, die es in der Schweiz gab. Die Wegmanns züchteten sie, zogen sie auf. «Wir haben etwas aus dem Zoo gemacht – das sagt jeder.»

Nur noch Moritz ist da

Vor einem Jahr haben die Wegmanns die Siky-Ranch verkauft. 800000 Franken hat der neue Besitzer bezahlt. Er baut den Park in einen Zoo für Greifvögel um – Wegmann war nie wieder dort.

«Langweilig wird es uns nicht», sagt er. Er wohnt heute in Weingarten im Thurgau, macht viel am Haus. Rita Wegmann hat ihre Hunde und liest viele Krimis. «Aber meine Tiger, die vermisse ich schon.»

Kaum hat er es gesagt, erklingt ein penetrantes Miauen neben dem Tisch. Eine Katze hockt da. «Das ist Moritz», sagt Wegmann. Zuletzt war er allein auf der Siky-Ranch, seine Frau war gesundheitlich angeschlagen. «Ich hatte einen invaliden Vogel und Moritz. Am Abend sassen wir drei zusammen auf dem Sofa und sahen fern.» Er streicht der Katze über den Kopf. «Moritz hätte ich nie dalassen können.»