Claudio Capelli: «Nun stand ich unter Druck»

Claudio Capelli ist am Eidgenössischen Turnfest in Biel seiner Favoritenrolle gerecht geworden. Der Berner verteidigte als erst zweiter Turner der Geschichte den Titel. Bei den Frauen hiess die Siegerin wie erwartet Giulia Steingruber (TV Gossau).

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Am Ende eines spannenden Wettkampfs lag Claudio Capelli nur 0,15 Punkte vor seinem Trainingskollegen Pablo Brägger. Damit hatte der 26-Jährige aus Lätti bei Münchenbuchsee sein Ziel, den zweiten Turnfestsieg nach 2007 in Frauenfeld, erreicht. «Vor sechs Jahren durfte ich gewinnen», so Capelli, «nun stand ich unter Druck, und ich wäre schon enttäuscht gewesen, wenn ich nicht Turnfestsieger geworden wäre.»

Viel war im Vorfeld darüber geredet und geschrieben worden, dass Claudio Capelli Geschichte schreiben könnte. Die Titelverteidigung war bislang nur dem legendären und heute 93-jährigen Jack Günthard gelungen. 1955 wiederholte der frühere Nationaltrainer und «Vorturner der Nation» in Zürich den Gewinn des Siegerkranzes, nachdem er bereits vier Jahre zuvor in Lausanne triumphiert hatte.

Ablenkung bei der Arbeit

«Ich versuchte vor dem Auftritt in Biel einfach ruhig zu bleiben, obwohl ich natürlich schon daran dachte», sagte der Spitzensportler, der heute in Biel wohnt und in Magglingen gleich doppelt seiner Arbeit nachgeht: bis zu 30 Stunden pro Woche als Kunstturner und in einem 30-Prozent-Pensum beim Bundesamt für Sport, wo er im Bereich Sportpolitik unter anderem Fakten zu Grosssportanlässen zusammenträgt. So arbeitete er auch am Freitag wie gewohnt am Morgen vor dem Training. «Die Arbeit war eine gute Ablenkung vor diesem wichtigen Einsatz in meiner Heimat», so Capelli, der beim TV Rapperswil gross geworden war und heute für den BTV Bern turnt.

«Das ist sensationell, dass er wieder gewonnen hat», sagte Beni Fluck. Der Nationaltrainer freute sich über den erneuten Titel seines Teamleaders. «Dabei war sein Wettkampf nicht einmal perfekt, aber taktisch hat er gut geturnt.» Claudio Capelli hatte wegen einer Fingerverletzung nach den Europameisterschaften in Moskau während dreier Wochen nicht richtig trainieren können.

Nicht alles gezeigt

«Erst die letzten dreieinhalb Wochen konnte ich wieder alles machen», sagte Capelli. Er hat deshalb bewusst nicht sein ganzes Repertoire abgerufen: «Ich habe die Übungen stark vereinfacht und wusste, dass es knapp werden könnte.» So führte zuerst lange der 18-jährige Junior und spätere Dritte Christian Baumann (Lenzburg). Die Rechnung ging für Capelli schliesslich auf, obwohl ihm ein Fehler am Reck beinahe noch die nötigen Punkte zum Festsieg hätte rauben können. Claudio Capelli hat in Biel die Hauptarbeit nach dem Gewinn des Siegerkranzes zwar verrichtet, aber fertig ist das Eidgenössische für ihn noch nicht.

Am Sonntag stand eine Autogrammstunde an, während der Woche folgen Auftritte beim Showprogramm «Soirée phantastique» und am nächsten Sonntag schliesslich die Heimreise und die Feier mit seinen Kollegen vom TV Rapperswil. Danach gehts aber ab in die verdienten Ferien: «Mit Pablo Brägger verbringe ich eine Woche auf Teneriffa», sagte Capelli, der von der Stimmung in der Halle beeindruckt war: «Das ging mega ab.»

Esplanade-Halle übervoll

«Megacool» fand auch die Sprung-Europameisterin Giulia Steingruber die Atmosphäre in der Halle. Die 19-jährige St.Gallerin, die vor sechs Jahren in Frauenfeld Neunte geworden war, trat mit ihrem überlegenen und erwarteten Triumph die Nachfolge der zurückgetretenen Ariella Käslin an. Bevor sie und ihre Kolleginnen turnen konnten, hatte sie noch einen Zusatzauftrag als «Hilfsspeakerin» zu erfüllen gehabt. Die Esplanade-Halle war im wahrsten Sinne des Wortes bis unters Dach mit Zuschauern gefüllt.

Nachdem der Aufruf des offiziellen Speakers nicht gefruchtet hatte, wurde die St.Gallerin zu Hilfe gerufen, um die Zuschauer von den Bänken, Kästen und sogar Dachträgern runterzuholen. Letztlich schafften es die Organisatoren mit-hilfe der Polizei, die Sicherheit in der Halle wieder zu gewährleisten, und der spannende Wettkampf konnte mit 20 Minuten Verspätung beginnen.

Berner Zeitung

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