Zwei Türme aus dem selben Holz, aber keine Konkurrenten

Lyss/Seedorf

Steht man auf dem Chutzenturm, sieht man den Lysser Turm. Und umgekehrt. Sie sind vom selben Ingenieur geplant. Aus demselben Holz gefertigt. Innert einem halben Jahr hochgezogen worden. Konkurrenz gebe es keine, betonen die Verantwortlichen.

Die Aussicht vom Chutzenturm auf dem Frienisberg (oben) und die Aussicht vom «1000er»-Turm auf der Kreuzhöhe in Lyss (unten).

Die Aussicht vom Chutzenturm auf dem Frienisberg (oben) und die Aussicht vom «1000er»-Turm auf der Kreuzhöhe in Lyss (unten).

(Bild: Enrique Muñoz García)

Chutzenturm – Wächter über Seedorf

Der Chutzenturm in Seedorf erntete viel Kritik. Nun steht er seit einem Monat auf dem Frienisberg. Und bereitet Freude.

Von den Geschichten, die sich um den Chutzenturm rankten, mag Andreas Burren gar nichts mehr hören. Der Präsident des Vereins Chutzenturm und Mitinitiator des Projekts schaut jetzt lieber nach vorne. Respektive über Eiger, Mönch, Jungfrau und Blüemlisalp. Mit einer Plattform auf 40 Metern Höhe ist der Chutzenturm einer der grössten Aussichtstürme in der Schweiz. «Ich bin stolz, mit meinem Team etwas so Spezielles erreicht zu haben», sagt er.

Zuvor mussten sich die Verantwortlichen mit Geldproblemen, Polittheatern und kritischen Stimmen zur «Nachahmerei» des Lysser Konstrukts rumschlagen. «Ich wollte nie ein Wettrüsten veranstalten. Die beiden Projekte haben ganz unterschiedliche Hintergründe.»

Während der Lysser Turm an den 1000. Geburtstag der Gemeinde erinnern soll, wollte die Seedorfer Fachgruppe Landschaft etwas für die Bevölkerung tun. Wie jedes Jahr. Einmal war es eine Baumpflanzaktion, ein anderes Mal wurden Vogelbrutkästen verschenkt. Vor drei Jahren dann entstand die Turm-Idee. «Wir möchten das Volk für die Natur sensibilisieren.»

460 Kubikmeter Eichen- und Douglasienholz aus dem Frienisberger Wald sind in vier Monaten zu einem 45 Meter hohen Konstrukt verarbeitet worden. Knapp eine Million Franken hat das Bauwerk gekostet – 600'000 waren budgetiert. Wie in Lyss, hatte man sich verschätzt. «Es gibt wenig Vergleichswerte», sagt Burren. Die Finanzierung sei nun aber gesichert.

Einen Monat nach Eröffnung sieht der Chutzenturm noch frisch aus: keine Spuren von Vandalen oder Abfallsündern. Besucher gebe es viele, freut sich Burren, und die Feedbacks seien positiv. Jedoch mit Ausnahmen, zum Beispiel von Anwohnern in Frienisberg. Diese beklagten sich über Besucher, die den Weg zum Turm nicht finden und dann mit ihren Autos in den Quartierstrassen rumfahren oder falsch parkieren. «Wir werden nun die Signalisation verbessern», verspricht Burren. Zudem weist er darauf hin, dass sich der Hauptparkplatz bei der Postauto-Haltestelle Saurenhorn befindet. Von da sind es zwei Kilometer oder eine halbe Stunde Fussmarsch zum Turm. Hier soll in den nächsten zwei Jahren ein Walderlebnispfad entstehen.

Der kleine Bruder liegt nur etwa vier Kilometer Luftlinie entfernt. An der Eröffnung des Lysser Aussichtsturms hat Andreas Burren nicht teilgenommen. Doch er betont nochmals: «Es gibt keine Konkurrenz zwischen uns.» Auch der Höhenunterschied sei nicht auf ein Kräftemessen zurückzuführen: «Anders hätten wir die Berner Alpen nicht gesehen.»

Lysser Turm – Das Geburtstagsgeschenk

Lyss feierte letztes Jahr den 1000. Geburtstag. Damit danach nicht nur ein Kater blieb, schenkte sich Lyss einen Turm.

Seit über 30 Jahren amtet Andres Ammann in Lyss als Förster. Doch nie hatte er einen so guten Überblick auf sein Gebiet wie seit dem 12.Dezember 2009, mittags um 12 Uhr: Mit Marroni und heissem Punsch wurde an diesem Tag auf der Kreuzhöhe in Lyss der Aussichtsturm «1000er» eingeweiht. «Damit ist für mich ein Traum in Erfüllung gegangen», sagt Ammann, der auch Vizepräsident des Vereins Lysser Aussichtsturm ist.

Ein Turm in Lyss war beim Förster seit 1999 Thema: Damals kreiste er in einem kleinen Flugzeug über die vom Lothar-Sturm gerodeten Waldflächen. Doch ein aus der Not gefertigter«Lothurm», wie er es sich vorstellte und wie in Magglingen einer steht, kam nicht zustande.

Zehn Jahre später erinnert das 38 Meter hohe Konstrukt nicht ans Orkantief, sondern an ein erfreulicheres Ereignis: Lyss wurde letztes Jahr 1000 Jahre alt. Als abschreckendes Beispiel diente den Initianten die Expo in Biel: «Wir wollten nicht, dass nach den Festivitäten jede Erinnerung an ein so tolles Ereignis verschwindet.»

Vier gigantische Douglasien-Stämme aus heimischem Wald verankern nun die Erinnerungen ans Geburtstagsfest für die nächsten rund 60 Jahre. Auf so lange wird die Lebensdauer des «1000ers» geschätzt (siehe Box). In einer Bauzeit von vier Monaten wurde der Turm in die Höhe gezogen – unfallfrei, problemlos, für 750'000 Franken total. Mit der ersten Berechnung kalkulierte der verantwortliche Ingenieur mit 550'000 Franken. Ammann: «Man hat mit Türmen erst wenig Erfahrung.» Die Rechnung sei nun nahezu ausgeglichen, Spender seien aber immer noch herzlich willkommen.

Dass in etwa vier Kilometern Luftlinie der «grosse Bruder» aus dem Wald ragt, macht Ammann nicht nervös. «Wir konkurrieren einander nicht.» Sicher hätten aber die Seedorfer von den Lysser Erfahrungen profitieren und das eine oder andere verbessern können, ist Ammann überzeugt. Doch: Jeder Turm habe sein eigenes Gesicht.

In Lyss wird dieses Gesicht leider zwischendurch von Rabauken verunstaltet: Auf der obersten Plattform hat es Sticker an den Wänden, unschöne Schnitzereien im Holz und teils primitive Bemerkungen auf dem «Gästebrett». Dieses hat Ammann installiert, damit die Spuren nicht auf dem Turmholz hinterlassen werden.

Einmal pro Woche macht Ammann seinen Kontrollgang. «Ansonsten ist hier alles in Ordnung und sauber.» Man sieht Andres Ammann seine Freude und Zufriedenheit an: «Wir haben einen kleinen, aber feinen Turm für Lyss. Und Seedorf hat einen grösseren Turm für die ganze Region, und der gefällt mir auch.»

Berner Zeitung

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