Lyss

Türkische Eltern bilden sich weiter

LyssWas in Zürich gut ankam, ist nun erstmals im Kanton Bern angeboten worden. In Lyss startete ein Kurs «Starke Eltern – Starke Kinder» in türkischer Sprache. Dahinter steht die Stiftung Kinderschutz Schweiz.

Die Teilnehmenden des ersten Kurses  mit der Leiterin Didem Raylatour (hinten Mitte).

Die Teilnehmenden des ersten Kurses mit der Leiterin Didem Raylatour (hinten Mitte). Bild: Walter Pfäffli

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Eine Familie zu sein, in der alle gerne leben: Dies ist wohl der Wunsch sämtlicher Eltern und Kinder. Wenn da nur nicht der Alltag wäre. Schlechte Schulnoten können das Familienleben trüben, Stress am Arbeitsplatz, Geldsorgen.

Oft liegen zudem die Erwartungshaltungen von Eltern als Stolpersteine auf dem Weg zum harmonischen Familienglück. «Das kenne ich nur zu gut», gibt Bulent Saveren aus Tavannes unumwunden zu. Es ist Samstag, und er reflektiert im Kirchenfeldschulhaus Lyss sein Vatersein. Sprechen kann er im Kurs «Starke Eltern – Starke Kinder» in seiner Muttersprache. «Hier ist für mich der Moment der Selbstkritik. Es hat Platz», sagt er. Mit seinen Erwartungen habe er die ältere Tochter stark unter Druck gesetzt. Alles habe perfekt sein müssen, die Noten, das Benehmen, ihr Freundeskreis. «Wir hatten das Glück, dass es trotzdem nicht zu einer grossen Krise gekommen ist», so sein Fazit.

Saverens stammen aus der Türkei. Und das mache die Findung nach dem «richtigen» Erziehungsstil nicht einfacher, meinen die beiden. Dazu Bulent Saveren: «Meine Frau und ich sind nicht hier geboren, sind anders erzogen worden. Plötzlich standen wir vor der Tatsache, dass unsere Kinder besser integriert sind als wir. Da mussten wir zuerst einen gemeinsamen Weg finden.»

Bulent Saveren wählt seine Worte mit Bedacht, und seine Frau pflichtet ihm bei. Bei der jüngeren Tochter schaue sie eher, welche Meinung ihr Kind habe, was es denke, welche Auswirkungen gesetzte Regeln hätten, stellt sie fest. Die Welt verändere sich stetig, da müsse man auch sein Verhalten anpassen.

Anspruchsvolle Aufgabe

Genau um solche Fragen dreht sich das Angebot «Starke Eltern – Starke Kinder» der Stiftung Kinderschutz Schweiz. Schritte in der Entwicklung eines Kindes werden ebenso angeschaut wie eine altersgerechte Kommunikation und die Werthaltung von Eltern. Was ist ihnen wichtig, welche Argumente haben sie dazu?

Kursleiterin Didem Raylatour benutzt zur Wissensvermittlung die gesamte Klaviatur der didaktischen Methoden, lässt die Teilnehmenden in Kleingruppen arbeiten, stellt Situationen nach, lässt Raum für Diskussionen. Das wirft die Mütter und Väter auf sich selbst zurück. Plötzlich geht es nicht mehr um das schwierige Verhalten eines Kindes, sondern um sich selbst, um Gefühle, um Enttäuschungen, um Stärken.

Den Blick erweitern

Trotz des hohen Anspruchs an Selbstreflexion: Die Teilnehmer äussern sich am Ende des ersten Kurstages durchwegs positiv. «Hier treffe ich auf andere Eltern mit ähnlichen Problemen, das bringt Entlastung», sagt Sedef Turan aus Biel. Sie wolle ihren drei Kindern zuliebe dazulernen, ihr Blickfeld erweitern, ihre Gefühle besser äussern können.

Eine vorläufig positive Bilanz zieht auch Halil Tokmak aus Studen. «Die Kursleiterin zeigt uns auf, wo wir Fehler machen. Wir sind nicht perfekt, und unsere Eltern waren es auch nicht.» Das sei gut zu wissen, denn dazulernen könne man immer. «Kinder bekommt man einfach, dann lernt man, Vater und Mutter zu sein», so seine Feststellung. «Ich will doch lieber jetzt als Vater mein Verhalten reflektieren, als dass mein Kind plötzlich wegen meines Fehlverhaltens einen Knacks bekommt.» Er hat sich während vier Samstagen dafür Zeit reserviert. Der Kurs umfasst insgesamt zehn Stunden.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 01.06.2015, 08:30 Uhr

Ein Kantonales Pilotprojekt

Der Kanton Bern hat in den letzten Jahren eine «frühe Förderung» der Kinder zum Thema gemacht. Vorhandene Defizite wurden erfasst, Geld für Massnahmen gesprochen. Eine Herausforderung bildet die Weiterbildung von Eltern aus anderen Kulturkreisen. Laut Fachleuten scheitert eine Teilnahme an Elternbildung oft an der Sprache und den Kosten. Um dem entgegenzuwirken, will die kantonale Gesundheits- und Fürsorgedirektion Kurse für Fremdsprachige mitfinanzieren. Sie hat per Ausschreibung nach Anbietern gesucht. Fündig wurde sie bei der Stiftung Kinderschutz Schweiz. Diese bietet eine Elternbildung in Türkisch an.

«Starke Eltern – Starke Kinder» wurde vom Kinderschutzbund Deutschland entwickelt. In der Schweiz werden die Kurse in Deutsch, Französisch und Türkisch durchgeführt. Während die deutsche Version etabliert ist, steckt das Angebot auf Türkisch noch in den Kinderschuhen.

50 Franken pro Person kostet die als kantonales Pilotprojekt geführte Elternbildung in Lyss. Die Kosten allein machen die Hemmschwelle zur Teilnahme nicht aus. Samuel Krähenbühl, stellvertretender Leiter der Abteilung Familie beim kantonalen Sozialamt, sagt, wo die Herausforderung für die Elternbildung bei Menschen aus anderen Kulturkreisen liegt. Einerseits stütze sich unsere Gesellschaft auf Ergebnisse der Erziehung. So würde etwa in den Schulen ein bestimmtes Verhalten vorausgesetzt.
Andererseits bleibe Erziehung in grossen Teilen Familiensache. «Generell beobachten wir eine kulturspezifische Überzeugung, dass Erziehung eine strikt familieninterne Angelegenheit zu sein hat. Bei Interventionen droht sich der Mann in der Ehre verletzt zu fühlen.» Das genüge, dass er nicht einverstanden sei, wenn die Frau einen Kurs besuchen möchte. Solche Gruppen zu erreichen, sei schwierig. Mit dem Zugang über die Muttersprache und der finanziellen Hilfe könne man die Schwelle herabsetzen.

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