Sonja Schmid winkt bald nicht mehr

Ferenbalm

Mit dem Fahrplanwechsel muss Sonja Schmid ein lieb gewonnenes Ritual aufgeben. Weil der TGV neu über Basel fährt, kann sie ihn vom Balkon aus nicht mehr grüssen.

Sonja Schmid kann nur noch ein paar Tage lang ihr Fähnchen schwingen. Dann verschwindet der TGV von der Linie nach Neuenburg.

Sonja Schmid kann nur noch ein paar Tage lang ihr Fähnchen schwingen. Dann verschwindet der TGV von der Linie nach Neuenburg.

(Bild: Stefan Anderegg)

Stephan Künzi

Der grosse Moment dauert nur ein paar kurze Augenblicke. Wenigstens ist der TGV hier eher ein «train à petite vitesse» als ein «train à grande vitesse». Zu viele Kurven prägen den Beginn der Reise von Bern nach Paris. Durch sanft gewelltes Hügelland geht es in Richtung Neuenburg, und das ist auch hier, am Ende des Tunnels gleich hinter Gümmenen, noch so. Nach einer kurzen Geraden und der Haltestelle Ferenbalm-Gurbrü wartet schon die nächste Biegung.

Sonja Schmid kanns nur recht sein. Dann hat sie mehr Zeit für die Gewohnheit, die ihr so lieb geworden ist. Sobald sich ein TGV nähert, tritt sie hinaus auf den Balkon und winkt. Die Lokführer grüssen zurück, blenden kurz die Scheinwerfer auf, der eine oder andere betätigt gar die Pfeife. Dass es just an diesem frühen Morgen still bleibt, erfüllt sie mit leiser Enttäuschung. «Gestern Abend war es anders.»

Ohnehin muss sich die 50-Jährige auf andere, härtere Zeiten einstellen. Die Tage, an denen der TGV direkt an ihrem Haus vorbeizieht, sind nämlich gezählt. Ab dem Fahrplanwechsel vom übernächsten Sonntag fährt der TGV von Bern nach Paris nicht mehr über Neuenburg, sondern über Basel (siehe Kasten). Damit verliert die Linie den einzigen internationalen Zug – doch Sonja Schmid bliebt gelassen. Das Ende habe sich schon lange abgezeichnet, sagt sie und: «Dann kann ich wieder einmal ausschlafen.»

Zuerst mit den Kindern

Tatsächlich diktiert der Fahrplan des TGV seit Jahr und Tag das Leben von Sonja Schmid. Genauer seit 16 Jahren, als sie mit ihrer Familie ins neue Haus am Gleis bei Ferenbalm-Gurbrü zog. Im Gegensatz zu heute war damals der TGV nicht nur einmal, sondern zweimal pro Tag und Richtung unterwegs. Und abends vor allem früher dran, woraus sich ein Gute-Nacht-Ritual für die Kinder entwickelte: «Wir winkten gemeinsam dem TGV zu, und dann gings ab ins Bett.»

Nach und nach grüsste Sonja Schmid jeden TGV, der das Haus passierte. Gleichzeitig wuchs in ihr die Neugier auf jene, die im Zug sassen und fröhlich zurückwinkten. Also schrieb sie mit ihrer Familie den SBB eine Mail – und erhielt prompt Antwort. «Da die Arbeit im Führerstand doch sehr einsam ist, geniessen wir Ihr Winken», las sie.

Es kam noch besser. Zwei Wochen später klingelte es unverhofft. An der Tür stand ein Mann, der sich als «einer der TGV-Lokführer» vorstellte. Andere Kollegen suchten ebenso den Kontakt, und so kam sie auf die Idee, mit ihrer Familie ein TGV-Fest zu organisieren. 16 Personen folgten der Einladung und erlebten die vertraute Gegend einmal aus der anderen Perspektive.

Sonja Schmid fing an, regelmässig auf Weihnachten hin für die Lokführer zu backen. Diese revanchierten sich, warfen beim Vorbeifahren hin und wieder etwas aus dem Führerstand. Mal lag ein Stück französischer Käse neben dem Gleis, mal gar eine veritable Torte – «er hatte reichlich Mühe, sie durchs kleine Fenster zu stossen, obwohl er das Tempo doch schon gedrosselt hatte».

Ein Fest zum Abschied

Gerade erst fand Sonja Schmid einen Brief im Gras, in dem der Absender nochmals für das treue Winken dankte. Einfach so lässt sie den TGV übrigens nicht ziehen. Am übernächsten Samstag, zur letzten Fahrt, veranstaltet sie ein zweites TGV-Fest. Es soll ein Abschiedsfest werden, aber nicht minder fröhlich sein.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt