Schnäppchen in Tarnfarben und Leder

Lyss

Die Liquidation von Armeematerial gehört zum Lysser Frühsommer wie der Lyssbachmärit. Ähnlich war der Andrang: Tausende drängten sich in die Seelandhalle und hofften auf ein Schnäppchen.

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Schaufeln, Zelte oder sogar Ausrüstung, um ein ganzes Militärspital einzurichten. So was kann man vielleicht brauchen. Aber was stellt man mit einer Gletscherbrille von 1920 an? Oder mit leuchtend gelben Plastikpfosten? Ulrich Galli aus Signau weiss es. Der nebenberufliche Landwirt markiert damit Grenzsteine. Auch seine Nachbarn finden die Pföstchen praktisch, so hat eins nach dem anderen den Besitzer gewechselt. Deshalb ist Galli nun nach Lyss gefahren, um für Nachschub zu sorgen.

Die Liquidation von Armeematerial in der Seelandhalle ist ein Eldorado für kleine und grosse Buben. Hierher kommen Väter mit ihren Söhnen an der Hand gern zum Einkaufen. Der zehnjährige Massimo Pititto etwa hat gleich beim Eingang einen Pilotenhelm entdeckt und aufgesetzt. Familie Pititto kommt jedes Jahr, um für den Jungen eine Tarnhose zu kaufen. «Massimo mag alles, was irgendwie mit dem Militär zu tun hat», sagt Vater Pititto.

Alles für Outdoor

Damit ist er nicht allein. Mit fachmännischem Blick und Nostalgie im Herzen wühlen Männer mittleren und gesetzteren Alters in Kisten mit Eimerpumpen, Schuhputzsets, Gamellen und Ledergamaschen Ihre Begleiterinnen stehen etwas gelangweilt daneben und lassen sich erklären, was zu einer Zelteinheit 64 gehört und wie man ein Armeetelefon 53 bedient. Die Hassliebe des Schweizers zur Armee bleibt auch den Jüngsten nicht verborgen. «Der Papi will immer noch gern zum Militär!», ruft eine Dreijährige mit blonden Zöpfen.

Nicht zum Militär, sondern nach Südfrankreich wollen Sam Roth aus Gümligen und Sandra Müri aus Kerzers. Für den Urlaub finden sie hier so ziemlich alles – von der Taschenlampe bis zum Klappstuhl. Im Einkaufswagen des jungen Paares sammeln sich Blachen, Heringe und allerlei Kleinzeug für den Zeltplatz. Die Fellmütze werden sie am Meer hoffentlich nicht benötigen.

Auch Marcel und Sabrina Meister aus Hindelbank sind richtige Outdoorfans, die an der Liquidation auf das eine oder andere Schnäppchen in «Tarn» oder Leder hoffen. «Das Militärmaterial ist qualitativ einsame Spitze», meint Marcel Meister.

Auf der anderen Seite der Halle gibt es so ziemlich jedes Kleidungsstück, das auch nur entfernt an die Armee erinnert. Von der Mütze bis zur Wandersocke, dazwischen Gnägi-Leibchen, Tarnhosen, Tarn-T-Shirts, Tarn-Tangas oder Minijupes aus einer Militärwolldecke. Die zwölfjährige Miriam Schiess kommt jedes Jahr aus Murten nach Lyss, um sich einzudecken. Bisher hat sie erst ein T-Shirt und eine Mütze gefunden, doch der Nachmittag ist noch lang.

Perfekte Schlangen

Vor der Kasse bildet sich eine lange, aber perfekt organisierte Schlange. Mit militärischem Schmiss weist ein Angestellter die Wartenden den Kassen zu, sodass niemand das Gefühl hat, mal wieder in der langsamsten Reihe zu stehen. Die kurze Wartezeit reicht gerade, sich mit Armeebiskuits und -schoggi einzudecken, die hier zwischen Filzstiften und Batterien aufgetürmt liegen. Die Vorräte müssen ja nicht für einen kalten Krieg reichen, aber doch bis zur Armeeliquidation im kommenden Jahr.

Die Armeematerial-Liquidation in der Seelandhalle ist bis zum 9.Juni täglich ausser Sonntag geöffnet.

Berner Zeitung

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