Klasse ganz ohne Schweizer

Biel

Im Oberstufenzentrum Mett-Bözingen besteht eine Schulklasse zum ersten Mal ausschliesslich aus Migrantenkindern. Was heisst das für den Unterricht?

Die 7B im OSZ Mett-Bözingen: 14 Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund in einer Klasse. Probleme macht jedoch der Bildungshintergrund, nicht die Herkunft: Auch wenn die Eltern ihre Kinder unterstützen wollten, können sie das oft nicht.

Die 7B im OSZ Mett-Bözingen: 14 Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund in einer Klasse. Probleme macht jedoch der Bildungshintergrund, nicht die Herkunft: Auch wenn die Eltern ihre Kinder unterstützen wollten, können sie das oft nicht.

(Bild: Bieler Tagblatt)

Klassenlehrerin Franziska Haller verteilt eine korrigierte Deutschprobe. Die Schüler der Realklasse 7B im Oberstufenzentrum Mett-Bözingen decken das Notenspektrum breit ab. Zuunterst zweimal eine 2,5, zuoberst zweimal eine 5,5. In Zweiergruppen korrigieren die Schüler die Prüfung. Diejenigen, welche besser abgeschnitten haben, helfen den Schlechteren.

Die 7B ist die erste Klasse im OSZ Mett-Bözingen, welche ausschliesslich Kinder aus Migrantenfamilien besuchen. Zuhause sprechen die Schüler Albanisch, Türkisch, Vietnamesisch, Italienisch, Spanisch und Kroatisch; manchmal Deutsch. Ruth Wiederkehr und Ursula Pfister, Co-Schulleiterinnen, sitzen in ihrem gemeinsamen Büro. «Man ist schnell bereit, der Schule eins auf den Deckel zu geben. Aber nur wenige wollen genau hinschauen», sagt Pfister. «Wir wollen nicht unsere Schüler in die Pfanne hauen, aber zeigen, dass wir an unsere Grenzen gelangen.»

Man schaffe es zwar immer wieder, dass Ende der neunten Klasse fast alle Schüler eine Lehrstelle haben und dass sie gut genug lesen, schreiben und rechnen können, es gebe aber immer weniger Leute, die den Lehrerjob machen wollen, sagt Wiederkehr. Im OSZ Mett-Bözingen hätten sie seit Jahren ungefähr eine valable Bewerbung pro Stelle – «und die Leute, die kommen, kommen aufgrund einer intrinsischen Motivation. Die wählen unsere Schule bewusst, um sich der Herausforderung zu stellen.»

Extreme Unterschiede

Wenn Schüler aus der Primarschule in die Oberstufe wechseln, kommen sie aus verschiedenen Schulen im OSZ Mett-Bözingen zusammen. Wiederkehr und Pfister besprechen mit früheren Lehrern, ob es problematische Konstellationen gegeben hat. Trotzdem müssen später immer wieder Schüler in Parallelklassen versetzt werden. Doch was sind «schwierige Schüler»? Die Schulleiterinnen denken nach. Vor einigen Jahren hätte sie noch gesagt, das Hauptproblem seien Verhaltensauffälligkeiten, sagt Wiederkehr. Jetzt, bei den neuen Siebtklässlern, kämen aber «extreme Unterschiede in der Leistungsfähigkeit» hinzu. Viele kämen mit grossen Löchern aus der sechsten Klasse in die Oberstufe. In der Mathematik könne man das oft noch auffangen, sagt Wiederkehr, «aber bei den Sprachen ist es mir rätselhaft, wie das funktionieren soll».

Ein Schichtproblem

Dass die Schüler aus Migrantenfamilien stammen, sei nicht das Problem, so Wiederkehr. «Das Problem ist der Bildungshintergrund.» Auch wenn die Eltern ihre Kinder unterstützen wollten, so können sie das oft gar nicht, sagt Pfister: «Wir haben hier viele Kinder von Eltern, die einen Hilfsjob oder gar keine Arbeit haben.» Dass die Schule in Migrantenfamilien tendenziell einen tieferen Stellenwert habe, sei aber Realität.

Mittelstand wird abgezogen

«Die billigen Mieten und die grossen Wohnblöcke sind hier», sagt Wiederkehr. Und jene Schüler, die sich für Musik und Sport interessieren, gingen in die Rittermatte, da es dort Sport- und Kulturklassen gebe. «So gibt es in Biel eine Segregation. Die Schüler aus dem Mittelstand werden abgezogen, für jene, die übrig bleiben, ist das verheerend.» Für Lehrer, die «Ausländer-Klassen» wie die 7B unterrichten, sei es auf Dauer frustrierend. «Man wird nicht Lehrer, weil man die ganze Zeit Sozialarbeiter sein und gruppendynamische Prozesse lösen will», sagt Pfister.

Es brauche mehr Ressourcen, mit denen man frei jonglieren könne, sagt Wiederkehr. Das Problem: Zusatzlektionen wie Deutsch als Zweitsprache oder Lektionen für integrative Förderung müsse man anfordern, bevor man überhaupt wisse, wie viel man davon benötigen werde.

Bieler Tagblatt

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