Jean-Pierre Grabers kurzes Comeback im Nationalrat

Jean-Pierre Graber kann es nicht lassen: Obwohl der 68-jährige SVP-Politiker keine Chance auf eine Wiederwahl hat, kehrt er für drei Sessionen in den Nationalrat zurück. Seine Partei gibt sich gelassen.

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Jean-Pierre Graber war schon einmal Nationalrat. 2011 wurde er abgewählt. Das schmerzte. Noch im Sommer erklärte er gegenüber dieser Zeitung: «Ich fand meine Abwahl unfair.»

Nun erfährt er eine späte, aber wenig ruhmreiche Genugtuung. Über drei Jahre hatte Graber stur auf dem ersten Ersatzplatz ausgeharrt. Alle Versuche der SVP, ihn zu einem Verzicht zu bewegen, damit deren nur eine Stimme zurückliegender Präsident Werner Salzmann hätte nachrücken können, waren gescheitert.

Im Dezember entschloss sich der schon seit geraumer Zeit rücktrittswillige Hansruedi Wandfluh, der vor allem wegen Graber den Sitz nicht frei gegeben hatte, doch noch zum vorzeitigen Abgang. Jetzt hat sich Jean-Pierre Graber nach Bedenkzeit über die Feiertage entschieden, die drei Sessionen bis im Herbst noch zu absolvieren. Danach ist für ihn definitiv Schluss.

Chancenloser Kuhhandel

Denn der 68-Jährige hat keine Chance, von seiner Partei noch einmal nominiert zu werden. Vor seiner Zusage hatte er noch einen Plan B: Er hätte verzichtet, wenn seine Tochter, Grossrätin Anne-Caroline Graber, auf der Nationalratsliste doppelt aufgeführt worden wäre. Dieser Kuhhandel war aber selbst in der bernjurassischen Parteisektion so chancenlos, dass er nicht einmal offiziell besprochen wurde.

Deren Favorit für die Wahlen ist Manfred Bühler, der dank dem Regierungswahlkampf gegen Philippe Perrenoud weit über den Jura hinaus bekannt ist. Eher könnte Graber nun das Gegenteil bewirkt haben: Dass Bühler kumuliert und Anne-Caroline Graber ausgebootet wird. Zumindest befürchtete Jean-Pierre Graber genau dies.

Nach einer solchen Retourkutsche sieht es aber nicht aus. «Dass Graber das Amt annimmt, ändert für mich nichts an der Ausgangslage für die Nominationen», sagt Nationalrat Adrian Amstutz. Ebenso tönt es seitens Albert Rösti und Parteisekretärin Aliki Panayides. Damit dürfte es dabei bleiben, dass die SVP am 19.Januar für den Berner Jura sowohl Manfred Bühler als auch Anne-Caroline Graber nominiert und ihnen sogar die beiden ersten Plätze auf der Liste gibt.

Wobei dieser Punkt möglicherweise noch bestritten wird. Es gebe mit dem Seeland, dem Oberaargau und dem Mittelland auch andere grosse Wahlkreise ohne Nationalratssitz, sagt der Stadtberner Erich Hess. «Ich sehe nicht ein, weshalb der Jura hier privilegiert werden soll.»

Hess muss entscheiden

Hess selbst ist derzeit hinter den Kulissen das grössere Thema als der Berner Jura. Noch ist offen, ob der langjährige Präsident der Jungen SVP auf deren Liste oder auf der Liste der Mutterpartei antritt. Würde er für die Junge SVP kandidieren, dürfte diese Liste zusätzliche Stimmen bringen und die Mutterpartei könnte mit dem Berner Stadtrat Rudolf Friedli einen weiteren vielversprechenden Kandidaten nominieren. Gleichzeitig hätte Hess nach eigener Einschätzung auf der jungen Liste kaum Aussichten auf einen Nationalratssitz. Tritt er auf der Liste der Mutterpartei an, rechnet er sich hingegen Chancen auf einen Ersatzplatz aus.

Der Entscheid des Politpensionärs Graber spielt vor diesem Hintergrund eine Nebenrolle. Mittlerweile wird er sogar begrüsst. «Dadurch, dass er den Sitz bis im Herbst belegt, ist die Ausgangslage völlig offen», sagt Erich Hess. Das werde den Wahlkampf der SVP beleben, weil sich nun zahlreiche Leute auf der Liste eine Chance ausrechnen, einen Sitz von den zurücktretenden Jean-Pierre Graber und Rudolf Joder zu erobern.

Berner Zeitung

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