Mont-Tramelan

In Mont-Tramelan geht der «Zaubertrank» zu Ende

Mont-TramelanFür 14 Schülerinnen und Schüler aus Mont-Tramelan ging heute Freitag nicht nur das Schuljahr zu Ende. Ihre Schule, die letzte deutschsprachige im Berner Jura, schliesst ihre Tore für immer.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mont-Tramelan verliere damit seinen «Zaubertrank», erfährt man bei einem Besuch im Klassenzimmer. Es ist wie bei Asterix und Obelix, erklärt die 16-jährige Eva-Maria Petter. «Wenn der Zaubertrank fehlt, ist es nicht mehr dasselbe.» Die Schule hat der deutschsprachigen Gemeinde im französischsprachigen Berner Berner Jura während 116 Jahren besondere Kräfte verliehen.

Oder wie es Eva-Maria ausdrückt: Die Schule ist das Zentrum, das «den starken Zusammenhalt» unter den 110 Dorfbewohnern und «die familiäre Stimmung» in Mont-Tramelan symbolisiert. Ihre Schwester Daphnée nickt zustimmend. Sie muss das letzte Schuljahr im francophonen Nachbardorf absolvieren. Zwar kennt die 16-Jährige ihre künftigen Schulkollegen «vom Sehen her». Doch sie ist wenig erpicht, sich wieder neu eingewöhnen zu müssen. Auch für sie ist «die Schule eine Familie».

Ironie des Schicksals

Eine Gesamtschule, wie jene in Mont-Tramelan, sei schon etwas Besonderes, sagt Schulleiterin Maya Bueche. Die 4 Schülerinnen und 10 Schüler im Alter von 7 bis 16 Jahren werden hier in zwei Gruppen unterrichtet. Erst- bis Viertklässler drücken gemeinsam die Schulbank, in einem zweiten Klassenzimmer lernen die Fünft- bis Neuntklässler. Eine kräftezehrende Aufgabe für das Lehrpersonal? Bueche winkt ab: «Der Unterricht ist individueller, aber nicht zwingend anstrengender.» Zudem habe eine Gesamtschule den Vorteil, dass die Älteren den Jüngeren beim Lernen helfen, so dass sich die Lehrer intensiver mit einzelnen Schülern beschäftigen können.

Dennoch hat die 32-Jährige ihre Stelle bereits nach einem Jahr gekündigt. Der Grund: Der Kanton wollte in Mont-Tramelan künftig nur noch eine Klasse weiterführen, mit der ersten bis sechsten Stufe. Das definitive Aus verantwortet jedoch die Ironie des Schicksals: Just diesen Frühling ist eine Mont-Tramelaner Familie nach Australien ausgewandert. Vier Kinder sind quasi über Nacht aus dem Klassenzimmer verschwunden. Maya Bueche wäre ab dem nächsten Schuljahr mit sechs Kindern allein in einem Schulhaus gewesen, das einst für 47 Schüler gebaut wurde. «Das war für mich keine Option mehr.» Diese Meinung teilten auch die übrigen drei Lehrkräfte.

Täufer im Jura

Für Gemeindepräsident Thomas Gerber wäre dies noch kein Grund gewesen, die Schule aufzugeben. Auf dem Spiel stand ein wichtiger Teil der Dorfidentität. «Wir haben die Stelle ausgeschrieben und gehofft. Leider sind keine brauchbaren Bewerbungen eingegangen.» Das Schicksal der Schule, einst von der protestantischen Freikirche der Mennoniten gegründet, war damit entschieden. Doch Gerber will nicht klagen. Nach wie vor hätten es hier alle «sehr zfride» miteinander. Die Zufriedenheit geht gar soweit, dass man wenig Lust verspürt, einer geplanten Grossfusion mit umliegenden Gemeinden zuzustimmen. Asterix und Obelix kommen einem wieder in den Sinn. Mont-Tramelan ist ein Dorf mit Gallier Attitüde.

Noch heute sind die meisten Dorfbewohner mennonitische Bauern und wie Gerber scherzhaft anfügt «quasi alle miteinander verwandt». Der Vater der nach Australien ausgewanderten Familie zum Beispiel sei sein Coucousin. Die Mennoniten gehen auf die Täuferbewegung zurück. Gerbers Vorfahren waren Täufer, die im 16. Jahrhundert aus dem Emmental flüchten mussten. Auf den Jurahöhen bekamen einige Täuferfamilien Asyl. In Mont-Tramelan lebten sie lange Zeit gemeinsam mit francophonen Familien. Erst im 19. Jahrhundert gaben die francophonen Bauern ihre Höfe auf, um ihr Glück in der Uhrenindustrie zu versuchen. Aus der privaten Täuferschule wurde 1897 deshalb eine öffentliche deutschsprachige Schule.

Schule für Generationen

Seither haben hier ganze Generationen von Mont-Tramelanern ihre Schulpflicht abgesessen. «Schon deshalb ist die Schliessung für viele hier eine sehr emotionale Sache», sagt Gemeindepräsident Gerber. Er war selber Schüler in Mont-Tramelan, seine Töchter ebenfalls – und jetzt sitzt sein Sohn Gian in der Klasse.

Der 10-Jährige kämpft gerade mit der französischen Orthographie. «Sprechen ist einfach, Schreiben ist schwer», sinniert Gian. Wie alle Kinder ist er bilingue. In der Pause kann er mit den anderen locker zweisprachig herumblödeln. Das Schreiben auf Französisch mit all den unausgesprochenen Buchstaben und Accents ist er jedoch nicht gewohnt, seine Schreibsprache ist Hochdeutsch. Auch das wird sich nach den Sommerferien ändern. Manche Schüler haben deswegen jetzt schon Bammel.

Neue Herausforderungen

Gian ist da optimistisch. Überhaupt freut er sich auf die neue Schule im Nachbardorf, weil er die meisten «eh schon aus dem Fussballclub» kennt. «Ich kenne viele noch aus dem Kindergarten» ruft die 11-jährige Aline Lerch dazwischen. Ihre Pultnachbarin, die 9-Jährige Louisa Amstutz, scheint über den Schulwechsel weniger glücklich. Ihr behagt die grosse Klasse mit 21 Schülern nicht, ausserdem kann sie «nicht mehr mit dem Velo in die Schule fahren». Und sie glaubt, dass ihr Französisch weniger gut sei als ihr Berndeutsch. Nur dem Jüngsten in der Klasse ist die Zukunft vollkommen gleichgültig: «Ich mag keine Schule», brummelt Micaël Petter.

Der 7-Jährige hat in der Schule noch zwei Brüder – und seine Schwester ist die «Zaubertrank»-Erfinderin Eva-Maria. Oder anders formuliert: Gut ein Viertel der Schüler heisst Petter. Man ahnt es: Verwandtschaft ist in der Schule nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Und nur eine von vielen, besonderen Zutaten, die den eigenwilligen Mont-Tramelaner Zaubertrank geprägt haben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.07.2013, 14:06 Uhr

Artikel zum Thema

«Für das Dorf geht wirklich etwas verloren»

Saxeten Erst schliesst die Schule – und dann? Was bedeutet es für eine Gemeinde, wenn sie ihre Schule verliert? In Saxeten ist man wehmütig, sieht die Bevölkerungszahl weiter abnehmen, glaubt aber an den Fortbestand des Dorfes. Mehr...

Marktplatz

Immobilien

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ungewisse Zukunft: Ein Indischer Fischer wartet in einem Gefängnis in Karachi, Pakistan auf seine Bestrafung. Er wurde gemeinsam mit elf weiteren Männern von der Marine aufgegriffen, als sie versehentlich in pakistanischem Hoheitsgebiet unterwegs waren. Indien und Pakistan nehmen regelmässig Fischer des jeweils anderen Landes fest, da die Territorien im Meer nicht klar abgegrenzt sind. (18. November 2018)
(Bild: SHAHZAIB AKBER) Mehr...