Fall Igor L: «Einsperren allein bringt nichts»

Schüpfen

Die Psychiaterin Anneliese Ermer wird die neue forensische Klinik leiten. Für Schläger Igor L. aus Schüpfen könnte das der richtige Ort für eine Therapie sein, sagt sie. Gleichzeitig bezweifelt sie, dass Igor L. psychisch krank ist.

Die neue forensisch-psychiatrische Klinik in Bern ist im Bau. Ist das der richtige Ort für den Schüpfener Schläger Igor L.?

Die neue forensisch-psychiatrische Klinik in Bern ist im Bau. Ist das der richtige Ort für den Schüpfener Schläger Igor L.?

(Bild: Urs Baumann)

Simone Lippuner

Frau Ermer, kennen Sie Igor? Anneliese Ermer: Nur aus einem Zeitungsbericht vom 25.August.

Was für ein Bild ist entstanden? Eigentlich noch gar keines. Mir fällt einfach das provokante Verhalten und der spätjugendliche Jähzorn des jungen Mannes auf. Doch um festzustellen, ob Igor L.* psychisch krank ist, am Anfang einer dissozialen Entwicklung steht oder etwas anderes auslebt, ist anhand des aufgezeigten Verhaltens nicht zu beurteilen. Dazu braucht es fundierte Abklärungen und viel Hintergrundwissen zur Person.

Gegen Igor L. wurde bereits eine Fürsorgerische Freiheitsentziehung (FFE) verhängt. Nach sechs Wochen wurde er als «untherapierbar» entlassen. Was bedeutet das? Als untherapierbar gilt, wer weder mit therapeutischen Gesprächen noch mit Medikamenten erreicht werden kann. Die psychische Störung kann bei diesen Menschen also nicht gebessert werden. Mit einer solchen Einschätzung wäre ich aber sehr vorsichtig. So etwas kann erst nach einem längeren Behandlungsversuch gesagt werden. Dass Igor L. aus einer ersten FFE mit diesem «Etikett» entlassen worden sein soll, lässt vermuten, dass er wohl eher nicht psychisch krank ist, zum Beispiel Wan einer Schizophrenie leidet.

Was kann man denn jetzt tun? Um das weitere Vorgehen zu klären, sollten sich die betreffenden Fachpersonen nun ganz dringend an einen Tisch setzen und über die möglichen Massnahmen beraten. Jetzt müssen Nägel mit Köpfen gemacht werden: Wodurch ist das aggressive Verhalten bedingt? Wie kann man diesem begegnen, um Dritte zu schützen? Nach der Abklärung müsste eine allfällige Behandlung eventuell unter geschlossenen Bedingungen erfolgen – zum Beispiel im Rahmen einer stationären strafrechtlichen Massnahme.

Der ehemalige Lehrmeister von Igor L. attestierte ihm in der Lehre als Gipser vorbildliches Verhalten und eine umgängliche Wesensart. Das ist sieben Jahre her. Was ist seither schief gelaufen ? Ich kenne den familiären Hintergrund von Igor L. nicht. Aber Alkohol und Drogen oder eine andere psychische Erkrankung könnten eine wesentliche Rolle in so einem Bruch in der Lebenslinie spielen. Auch ist das Umfeld entscheidend. Es wirkt sich fördernd oder hemmend auf die Entwicklung aus.

Empörte Bürger fordern, dass der Schläger so rasch als möglich weggesperrt wird. Kann Igor L. therapiert werden? Ich verstehe, dass die Menschen durch Fälle wie dem brutalen Überfall in München sensibilisiert sind. Wenn Igor L. psychisch krank ist, dann braucht er meiner Meinung nach über längere Zeit eine intensive therapeutische Behandlung. Mit Igor L., der immerhin eine abgeschlossene Berufsausbildung hat und somit über ein gewisses Fundament verfügt, kann man vermutlich therapeutisch arbeiten. Wegsperren allein ist da nicht die Lösung. Die Wahl der Institution ist aber sehr wichtig.

In einem Jahr ist die neue forensische Klinik in Bern bezugsbereit, Sie werden die Institutionleiten.Wäre das der richtige Ort für den Schläger aus Schüpfen? In der neuen Klinik werden wir vorwiegend junge Erwachsene mit erheblichen psychischen Störungen behandeln. Die Patienten werden straf- oder zivilrechtlich zugewiesen, abgeklärt und behandelt. Je nach Fall bleiben die Patienten sogar mehrere Monate oder Jahre auf unserer Abteilung. Für Igor L. könnte das unter Umständen der richtige Ort sein. Es käme vielleicht aber auch ein sozialpädagogisches Massnahmenzentrum für junge Erwachsene in Frage. Solche Institutionen gibt es in Zürich, Basel und im Thurgau.

In der neuen Klinik in Bern gibt es 14 Plätze. Ein Tropfen auf den heissen Stein? Immerhin ist es ein Tropfen. Seit Jahren ist klar, dass solche Angebote dringend benötigt werden. Die Zahl der psychisch Kranken in den Gefängnissen, die dringend Behandlung in einer geschlossenen Spezialstation benötigen, ist erheblich. Im Kanton Bern ist eine forensisch-psychiatrische Station ein Novum. Der Run auf die 14 Plätze ist schon jetzt spürbar. Der Druck und die Herausforderung, da einen guten Auftakt zu machen, ist gross.

Wieso kann Igor L. nicht in einer normalen Psychiatrie behandelt werden? Die Institutionen für allgemeine Psychiatrie sind mit solchen Fällen in der Regel überfordert.

Die heutige Jugend wird oft in Grossbuchstaben als böse und unbelehrbar abgestempelt. Zu Recht? So negativ sollte man die Jugend dann auch nicht betrachten. Aber das riesige Konsumangebot von Gewalt im Internet und in Spielen macht es für junge Leute tatsächlich schwer, Spielwelt und Realität voneinander zu unterscheiden.

Berner Zeitung

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