Ein Mann pendelt zwischen Genialität und Wahnsinn

Biel

Wer ist der Mann, der 2010 um sich schoss, über 1000 Polizisten beschäftigte und im Gerichtssaal jetzt einen ruhigen, intelligenten Eindruck hinterliess? Eine Einschätzung.

  • loading indicator

Im Gerichtssaal in Biel sitzt ein älterer Mann mit Stirnglatze und schütterem, weissgrauem Haar. Er trägt eine Jeanshose, Hemd, eine Strickjacke. Wenn er spricht, tut er dies ruhig, höflich und in der Regel klar und verständlich. Ab und zu macht er sich Notizen. Peter Hans Kneubühl (69) macht einen seriösen, vernünftigen Eindruck. Eigentlich sympathisch. Dies ist eines der Gesichter des bekanntesten Rentners der Schweiz.

Doch Peter Hans Kneubühl hat andere Gesichter. Das schlimmste zeigt er im September 2010, als die Polizei sein Elternhaus räumen will. Die Situation eskaliert bis hin zu einem der grössten Polizeieinsätze der Schweiz. Kneubühl, im Haus verbarrikadiert, bewaffnet, zu allem entschlossen, befindet sich im Krieg – in seinem Privatkrieg. Er schiesst auf Polizisten, verletzt einen lebensgefährlich. Er hält die Spezialeinheit Enzian stundenlang in Schach. Dann flieht er, ist tagelang unauffindbar. Kneubühl wie im Actionfilm: als einsamer Kämpfer gegen die «böse» Staatsgewalt.

Das war nicht immer so. Kneubühl war zwar stets ein Sonderling. Mehrere Jahre verbrachte er in England und Israel. Schon damals will er die Welt verbessern. Der ausgebildete Fernmeldetechniker schliesst später ein Studium der Physik ab, ist Mathematik- und Physiklehrer an einer Privatschule in Zürich. Peter Hans Kneubühl – ein intelligenter, beruflich erfolgreicher Zeitgenosse.

Irgendwann kommt der Bruch. In den Neunzigerjahren kippt sein Leben. Er gibt den Beruf auf, versteckt sich im Ausland. Er beginnt, sich bedroht zu fühlen. Der Zwist mit seiner Schwester eskaliert, als sein Vater stirbt, dann seine Mutter. Kneubühl verliert seinen Halt, Seine Schwester fordert Geld und will schliesslich das Elternhaus verkaufen. Kneubühl fühlt sich angegriffen. Er wird von der Polizei kontrolliert, will sich nicht zu erkennen geben, möglicherweise wird er auch schikaniert. Das wirft den Mann aus der Bahn: Seine Wahnvorstellungen verstärken sich.

Wie weit die Gedanken des einsamen Sonderlings reichten, kam gestern im Gerichtssaal in Biel zum Ausdruck. In seinen Tagebüchern sind seine Wahnfantasien minutiös protokolliert. Er misstraute allen Amtspersonen, allen Polizisten. Seine Gedanken kreisten fast nur noch um die vermeintliche Verschwörung gegen ihn. Hunderte seien darin verwickelt, schrieb er, man wolle ihn vernichten. Immer wieder schrieb er in die Notizbücher: «Die Schweine sind heute nicht gekommen. Ich durfte noch einen Tag länger leben.» Dieser Eintrag steht 428 mal in den Büchern.

Als die Zwangsversteigerung des Elternhauses näher rückt, bereitet er sich auf den Krieg vor. Und er führt ihn im September 2010 während neun Tagen.

Peter Hans Kneubühl scheint vernünftig und nett. Doch in seinem Kopf drehen sich Gedanken, die ihn schwierig, ja gefährlich machen. Im Prozess war dies klar spürbar.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt