Die Gräber und der Kiesabbau kommen sich in die Quere

Kallnach

Die Firma Hurni will im Kallnachwald Kies abbauen. Doch im Boden schlummern Reste aus keltischer und römischer Zeit und aus dem Mittelalter. Jetzt muss der Kanton entscheiden, ob dort trotzdem eine Kiesgrube entstehen kann.

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Unter dem Kallnachwald liegt viel Kies, bis zu 50 Meter dick ist die Schicht. Ein Segen für die Bauindustrie. Kann bei Kallnach nämlich Kies abgebaut werden, ist in der Region der Nachschub für Jahrzehnte gesichert. Der Kallnachwald ist Ende Juni vom Verein Seeland.biel/bienne als Kiesabbaustandort in den Teilrichtplan aufgenommen worden, wo diese aufgelistet sind.

Kies geht zur Neige

Die Burgergemeinde Kallnach als Landbesitzerin hat mit der Kiesabbau- und Recyclingfirma Hurni Holding AG bereits einen Vertrag für den Abbau abgeschlossen. Hurni setzt auf den Kallnachwald, weil der Vorrat in ihren derzeitig genutzten Gruben in Walperswil und Finsterhennen in absehbarer Zeit zur Neige geht. «Kein anderer Standort ist so ergiebig wie Kallnach», sagt Fritz R.Hurni, Delegierter des Verwaltungsrates. «Eine Bohrung hat dies nachgewiesen.»

Unter dem Kallnachwald liegt aber noch anderes: Seit langem sind Grabhügel aus keltischer Zeit bekannt. Und im Dorf wurden mehrmals keltische und römische Funde gemacht (siehe Kasten). Archäologen vermuten deshalb im Gebiet weitere solche Spuren. Aus diesem Grund mussten im Hinblick auf eine Kiesgrube Untersuchungen vorgenommen werden. Diese führten eine von der Hurni AG beauftragte Firma sowie der Archäologische Dienst des Kantons durch.

Gräber und Befestigungen

Die Untersuchungen haben gezeigt: Der Boden birgt tatsächlich archäologische Funde. Es wurden zwar keine Grabungen durchgeführt. Aber mithilfe spezieller Verfahren – zum Beispiel Geoelektrik und Georadar – sowie mit Laserscanning aus dem Helikopter liessen sich Spuren aus mehreren Epochen nachweisen. Gemäss Kantonsarchäologe Daniel Gutscher handelt es sich um prähistorische Gräber und Befestigungsanlagen, Reste aus der Römerzeit und Ackerterrassen aus dem Mittelalter. «Das Gebiet ist voll von Archäologie», fasst Gutscher zusammen.

Abbau grundsätzlich verboten

Insbesondere die Grabstätten dürften von Bedeutung sein, denn zwischen den zahlreichen Grabhügeln aus der Eisenzeit liegen grössere Gräberfelder. Überraschend ist die Erkenntnis, dass der Hügelzug bei Kallnach im Mittelalter nicht bewaldet war. Die Terrassen lassen den Schluss zu, dass dort noch im Mittelalter Ackerbau betrieben wurde. Die archäologischen Reste im Kallnachwald stehen den Plänen der Kiesgrube diametral entgegen. Denn im Kanton Bern ist Kiesabbau in einem archäologischen Schutzgebiet grundsätzlich verboten. Das heisst allerdings nicht zwingend, dass im Kallnachwald nie Kies abgebaut werden darf. Denn das Interesse, in der Region Baustoffe zu gewinnen, steht dem Schutz der historischen Funde entgegen. Würde in Kallnach am Kiesabbau festgehalten, müsste im Perimeter jedoch eine archäologische Grabung durchgeführt werden. «Wenn wir graben müssten, wäre das sehr teuer», sagt Kantonsarchäologe Gutscher.

Muss der Kanton zahlen?

Die Hurni Holding will auf das Kies bei Kallnach nicht verzichten. «Nach meiner Auffassung schliessen sich Kiesabbau und Archäologie nicht aus», sagt Fritz Hurni. Bei der Grube in Finsterhennen sei dies auch möglich gewesen. Doch wer würde eine solch ausgedehnte Grabung bezahlen? Seiner Meinung nach müsse der Kanton dafür aufkommen, sagt Hurni, so sei es auch in Finsterhennen gewesen. «Für uns ist es nicht möglich, solche Kosten zu übernehmen.» Zahlt der Kanton nicht, und gibt es bei Kallnach keine Grube, hat dies für die Hurni AG schwerwiegende Folgen. «Das wäre das Ende für unsere Kiessparte», gibt Hurni zu bedenken.

Gegenwärtig führt der Kanton eine Interessenabwägung durch: Kiesabbau oder archäologischer Schutz und Naturschutz? Entscheiden muss das kantonale Amt für Gemeinden und Raumordnung. Es klärt ab, ob die Voraussetzungen für eine Kiesgrube im Kallnachwald erfüllt sind und ob ein Teil des archäologischen Schutzgebietes bestehen bleibt. Offen ist noch, wer eine Rettungsgrabung bezahlen müsste, welche die Funde sichern würde.

Fritz Hurni hofft, dass die Fragen im nächsten Jahr geklärt sind und die Vorarbeiten beginnen können. Eine Überbauungsordnung, die öffentlich aufgelegt wird, ist ebenfalls notwendig. Sie wird danach der Gemeindeversammlung Kallnach unterbreitet. Die Hurni Holding AG möchte die Kiesgrube im Kallnachwald noch in diesem Jahrzehnt in Betrieb nehmen, wenn möglich bis im Jahr 2018.

Berner Zeitung

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