Der wahre Alltag einer «Supernanny»

Die «Supernanny» gibts nicht nur im Fernsehen: Pascal Gerber begleitet im Berner Seeland Familien, die an ihre Grenzen stossen. Zwei Familienbesuche.

Kinder werden oft vernachlässigt, wenn die Eltern mit ihrem eigenen Leben überfordert sind.

Kinder werden oft vernachlässigt, wenn die Eltern mit ihrem eigenen Leben überfordert sind. Bild: Fotolia

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Luca und Marco Meier* stehen ganz aufgeregt in der Tür. «Herr Gerber» hat das letzte Mal versprochen, mit ihnen zu spielen. Ausserdem will ihm Luca unbedingt sein neues Raumschiff vorführen. Doch die Jungs müssen sich erst einmal gedulden: Ihre Eltern haben Vorrang. Pascal Gerber hat sie bei der Erziehung gefilmt und will mit ihnen heute Nachmittag das Ergebnis besprechen. Wie bei «Supernanny» auf RTL, denkt man. Und liegt dann weit daneben.

Lehrer schlagen Alarm

Pascal Gerber ist ausgebildeter Sozialarbeiter und hilft seit fünfzehn Jahren Familien, die – aus welchen Gründen auch immer – an ihre Grenzen stossen. Sozialpädagogische Familienbegleitung (siehe Infobox) heisst sein Job im Fachjargon. Gerber und sein 5-köpfiges Team kommen meist zum Einsatz, wenn bei den zuständigen Behörden eine Gefährdungsmeldung eingegangen ist. Jemand – die Lehrerin, ein Nachbar – macht sich Sorgen um das Wohl der Kinder.

Bei Familie Meier war dies nicht der Fall. Die Mutter hat sich selber ans Jugendamt gewandt, weil sie sich mit Luca überfordert fühlte. Der 7-Jährige kann sich kaum still halten, rastet schnell aus – Luca hat ADHS, ein Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom. Mit ihm und seinem jüngeren Bruder einkaufen zu gehen, war für sie eine Zerreissprobe. Wenn die Jungs nicht bekamen, was sie wollten, begannen sie wie am Spiess zu schreien, erzählt die Mutter. «Manchmal war es mir richtig peinlich vor den Leuten.»

Heute ist ihr auch dank Gerbers Engagement bewusst, dass sie lernen will, besser Nein zu sagen und Grenzen zu setzen. Bei zwei quirligen Kindern wie Luca und Marco ist das nicht einfach. Nach dem 20. Mal «Lass es bitte» oder «Mach doch bitte» fehlt ihr schlicht die Energie – und sie gibt nach.

Auf Stärken aufbauen

Im Videofilm, den ihr Pascal Gerber heute zeigt, ist sie beim Schaukeln mit Marco zu sehen, gerade mal neunzig Sekunden lang. Diese kurze Sequenz reicht Gerber, um seine Klientin auf wichtige Dinge rund um das Thema «Leiten und Führen» aufmerksam zu machen. «Die RTL-‹Supernanny› weist Eltern sehr direkt auf Fehler hin und gibt ihnen genaue Anweisungen, wie sie sich verhalten sollen. Wir sind mit den Eltern mehr im Dialog», erläutert er. Gerbers Maxime: Eltern sollen aus ihren Stärken heraus selber Erziehungsstrategien entwickeln.

Bei der Schaukelszene macht die Mutter instinktiv vieles richtig: Sie zeigt Interesse an Marcos Gefühlen, erklärt ihm, wie er die Schaukel in Bewegung setzt. «Wichtig ist, dass Sie Marco sagen, was er machen soll, anstatt was er nicht tun soll», kommentiert Gerber die Szene. Die Mutter nickt zustimmend. Marco versucht derweil, mit lautem Singen die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die Eltern reagieren nicht. Gerber stoppt den Film, redet beruhigend auf den Jungen ein – und setzt ihm dabei Grenzen. Die Meiers beobachten Gerbers Taktik aufmerksam.

Erkenntnisse umsetzen

Als im Film Marco zu quengeln beginnt, weil er nicht aufs kaputte Trottinett darf, will ihn die Mutter mit erklärenden Worten trösten. «Kinder dürfen enttäuscht und traurig sein, wenn sie etwas nicht bekommen. Eltern müssen es zulassen lernen», lautet Gerbers Rat für die Mutter. Marco singt schon wieder laut vor sich hin, will etwas zu trinken.

Die Videosession ist für die Eltern eh zu Ende – nach gerade mal zehn Minuten. «Es geht nicht darum, das Gesehene tot zu reden. Die Eltern müssen es erst einmal wirken lassen, um es zu verarbeiten. In einem nächsten Schritt werde ich sie dabei unterstützen, ihre Erkenntnisse im Alltag umzusetzen», sagt Gerber. Die Mutter doppelt nach: «Oft ist es für mich schon hilfreich, wenn ich meine Reaktionen im Film sehe.»

Marco will jetzt eine Glace und Luca endlich das Raumschiff zeigen. Der Abschied fällt nach einer guten Stunde herzlich aus. Familie Meier ist einsichtig, die Zusammenarbeit unkompliziert.

Das ist nicht immer so, wie sich beim nächsten Familienbesuch herausstellt.

Eltern mit Kriegstrauma

In einer Sozialwohnung lebt die 9-köpfige Familie Reza* aus dem Irak. Einige Kinder und die Eltern leiden laut Gerber an einem Kriegstrauma. Bei den Gesprächen mit dem Vater, aber auch im Umgang mit den Kindern äussere sich dies nicht selten durch geistige Abwesenheit und Wahrnehmungsschwierigkeiten. Klassenlehrer haben vor drei Jahren eine Gefährdungsmeldung gemacht.

In der Stube steht lediglich ein wackliges Sofa mit einem Schlitz im Polster, am Boden liegen zwei schmuddelige Matratzen. Vier Kinder schauen fern, die jüngste Tochter hat einen nassen Fleck am Hintern. Es riecht komisch, Fliegen schwirren durch die Stube. Die reiche Schweiz ist hier weit weg.

Mit dem Vater kann sich Gerber nur schlecht verständigen, die älteste Tochter, die sehr gut französisch spricht, übernimmt das Gespräch. Gerber fällt als Erstes der grosse Fernseher auf. Der alte sei kaputt gegangen, meint die Tochter. Eigentlich wurde dem Vater von den zuständigen Behörden aufgetragen, endlich Betten für die Kinder zu kaufen. Bezahlt hätte sie der Staat. Doch jetzt steht ein neuer Fernseher da. «Wissen Sie, Monsieur, für uns alle ist ein Fernseher viel wichtiger als neue Betten», verteidigt die Tochter den Kauf.

Fernseher statt Betten

Gerber wendet sich an den Vater, versucht ihm klarzumachen, dass die Kinder Betten zum Schlafen brauchen, dass wir in der Schweiz Kleider in Schränken aufbewahren, dass wir vereinbarte Termine mit Behörden nicht einfach sausen lassen und dass man Briefkästen auch mal leeren muss. Der Vater nickt, aber ist die Botschaft angekommen? Im Irak hatte die Familie weder Betten noch Schränke, noch eine Toilette. Wozu also Betten kaufen, wenn man auch am Boden gut schlafen kann? Die Schweizer Kultur und hiesige Hygienestandards sind für die Familie Reza verständlicherweise nur schwer nachvollziehbar. Gerber weiss, dass die Kinder in der Schule schon öfter wegen Hygienemangel aufgefallen sind.

«Zeigt mir doch bitte eure Zeugnisse», fordert er die Kinder auf. Beim Vater hat er es vergeblich versucht. Die schulischen Leistungen seiner Kinder interessieren ihn kaum. Westliches Leistungsdenken scheint dem Iraker fremd. Lieber will er wissen, ob das Sozialamt für seine Söhne einige Sportsachen bewilligt.

Mehrmals wiederholt Gerber den Satz, dass er, der Vater, die Zeugnisse unterschreiben müsse und dass die Zeugnisse nicht verloren gehen dürfen. Der Vater nickt. Ob er die Zeugnisse überhaupt begutachtet hat, bleibt unklar. Ein Sohn der Familie hat sich jedenfalls deutlich verschlechtert. Warum, kann Gerber im Gespräch mit ihm nicht herausfinden. Er wird mit dem Lehrer Kontakt aufnehmen.

McDonald’s statt Natur

Bleibt noch zu klären, weshalb die Familie ihren Anspruch auf einen Ferienausflug nicht geltend macht. Die Antwort überrascht nicht: Der Vater weiss nicht genau, an wen er sich wenden muss. Oder er hat es einfach vergessen. Gerber verspricht, die betreffende Behörde zu kontaktieren, macht Ausflugsvorschläge. Grotten? Berge? Ein See?

Die älteste Tochter will nach Genf, weil es dort coole Discos gebe. Oder dann halt ein Familienausflug in den McDonald’s. Nach langem Hin und Her einigt man sich auf die Grotten. Gerber wirkt erschöpft. Bevor er sich verabschiedet, bläut er dem Vater ein letztes Mal ein, dass er ihm am Abend eine SMS schickt mit dem Behördentermin wegen des Ferienausflugs. Der Vater nickt. Mehr kann Gerber nicht ausrichten. Jedenfalls nicht heute.

*Namen von der Redaktion geändert. (Berner Zeitung)

Erstellt: 22.07.2014, 12:11 Uhr

Familienbegleitung

Oft ist die sozialpädagogische Familienbegleitung die letzte Chance, eine Platzierung in einem Heim oder bei einer Pflegefamilie zu verhindern.

«Erziehen kann man nur bis zehn Jahre. Danach braucht es eine tragfähige Beziehung dafür, Kinder und Jugendliche führen zu können», sagt Pascal Gerber. Er muss es wissen: Seit 15 Jahren hilft er Eltern, die Schwierigkeiten bei der Erziehung haben. Vor neun Jahren hat er sich mit seiner Frau selbstständig gemacht und die Firma Espace Libre gegründet. Ein 6-köpfiges Team bietet unter anderem sozialpädagogische Familienbegleitungen an.

«In 97 Prozent der Fälle bekommen wir ein Mandat von der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde oder vom Sozialdienst einer Seeländer Gemeinde», sagt Gerber. Die Arbeit mit einer Familie dauert zwischen 3 Monaten und 3 Jahren. Meist entscheiden sich die Behörden für eine Familienbegleitung als letzte Möglichkeit, bevor sie ein Kind in ein Heim oder eine Pflegefamilie platzieren. Eltern und Kinder, die auf Gerbers Betreuung angewiesen sind, kommen oft aus sozial schwachen Schichten. Rund zwei Drittel haben einen Migrationshintergrund.

In erster Linie unterstützt Gerber Eltern bei der Erziehungsarbeit. Doch sein Aufgabenbereich ist breit gefächert: Er hilft, den Familienalltag zu strukturieren und Rituale zu schaffen. Er zeigt Eltern mit Suchtproblemen oder alleinerziehenden Müttern Entlastungsmöglichkeiten auf. Er unterstützt Eltern von Kindern mit besonderen Bedürfnissen (zum Beispiel ADHS, siehe Text oben). Er kümmert sich um traumatisierte Flüchtlingseltern, die ihre Kinder vernachlässigen. Er bringt Familien mit Migrationshintergrund Schweizer Werte näher und unterstützt deren Integration.

Bei seiner Arbeit stellt Gerber immer wieder fest, dass Eltern heute Mühe haben, ihren Kindern klare Grenzen zu setzen. «Oft unterscheiden sie nicht zwischen echten Bedürfnissen und Wünschen ihrer Kinder. Und viele Eltern tendieren dazu, ihre Entscheidungen vor den Kindern zu rechtfertigen, was nicht immer sinnvoll ist.»

Familien aus dem Maghreb oder Schwarzafrika wiederum seien es gewohnt, so Gerber, dass ihre Kinder von der Dorfgemeinschaft aufgezogen oder auf der Strasse sozialisiert werden. «In der Schweiz kann dieser kulturelle Unterschied schnell zur Hürde werden. Genauso wie der unterschiedliche Umgang mit der Pünktlichkeit.

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