«Der perfekte Standort» – trotz 200 verlorener Jobs

Lyss

Dass mit Meyer Burger und Kambly 200 Arbeitsplätze verschwinden werden, kann die Zuversicht des Gemeindepräsidenten nicht dämpfen. Lyss bleibe dank seiner zentralen Lage für die Wirtschaft ein attraktiver Standort, sagt Andreas Hegg.

Andreas Hegg glaubt an die Zukunft seiner Gemeinde.

Andreas Hegg glaubt an die Zukunft seiner Gemeinde.

(Bild: Adrian Streun/BT)

Stephan Künzi

Andreas Hegg, was ist los mit Lyss?Andreas Hegg: In Lyss ist grundsätzlich alles gut.

Auch wenn die Biskuitfabrik Kambly und die Solarfirma Meyer Burger mit 3S kurz hintereinander Ihre Gemeinde verlassen wollen? Wir hatten das Pech, dass die beiden Firmen an zwei Standorten tätig sind. Und dass beide stark vom Export abhängig sind und nun den Gürtel enger schnallen müssen. Als Firma im Nahrungsmittelsektor muss sich Kambly in Europa gegen Grosskonzerne behaupten, die dank Subventionen von vornherein günstiger arbeiten können. Und im Solarmarkt, dem Geschäft von Meyer Burger, herrschen weltweit ganz offensichtlich Überkapazitäten. Damit sinken die Preise – bei Kambly wie bei Meyer Burger kommt erschwerend der schwache Euro hinzu. Er verteuert die Produktion zusätzlich.

Lyss liegt zentral im Mittelland, ist dank Autobahn und Eisenbahn an die grossen Verkehrsachsen angeschlossen. Trotzdem ziehen die Firmen weg. Lyss ist in der Tat der perfekte Wirtschaftsstandort. Nicht zuletzt auch wegen der Nähe zur Mikrotechnik in der Agglomeration Biel und wegen der Nähe zur Westschweiz

Wenn das stimmt, dann müssten Kambly und Meyer Burger eigentlich bleiben. Und nicht alles in allem rund 200 Arbeitsplätze wegzügeln. Das ist Zufall und sagt rein gar nichts über die Qualität der Gemeinde als Wirtschaftsstandort aus. Viel entscheidender ist, dass sich Kambly wie Meyer Burger auf ihr Stammhaus konzentrieren und dieses hier wie dort nicht in Lyss steht. Kambly baut im Moment den Hauptsitz in Trubschachen aus und hat mit dem zum Kambly-Erlebnis erweiterten Fabrikladen dort seinen Publikumsmagneten realisiert. Auch Meyer Burger hat in Thun ausgebaut. Mit 3S ist die Firma zudem in Lyss nur eingemietet, und das gleich an mehreren Standorten. Deshalb wollte sie ja auf Gemeindeland neu bauen.

Was nun definitiv Geschichte sein dürfte. Genau. Noch Anfang Jahr, als das Parlament Ja zum entsprechenden Baurechtsvertrag sagte, sah es nach einem baldigen Start der Bauarbeiten aus. Dann kam unvermittelt Sand ins Getriebe, und ich merkte, dass es wohl sehr schwierig wird. Ich ahnte, dass irgendwann irgendetwas passieren wird – dennoch war ich gestern völlig überrascht, als ich erfuhr, dass Meyer Burger den Standort Lyss gleich ganz aufgibt. Und vor allem war ich schockiert.

Warum? Immerhin werden die Betroffenen nicht arbeitslos, sondern im Stammhaus weiterbeschäftigt. Richtig, und das ist eine gute Nachricht. Für die Betroffenen ist die Situation trotzdem nicht einfach. Plötzlich gibt es 130 Familien, bei denen der Vater oder die Mutter in Zukunft jeden Tag nach Thun fahren muss. Und nicht mehr nur fünf bis zehn Minuten Weg bis zur Arbeit hat – das ist ein Schlag. Ich jedenfalls könnte eine solche Veränderung nicht einfach so wegstecken.

Auch für die Gemeinde muss der Wegzug der beiden Firmen ein Schlag sein. Von insgesamt 7500 Arbeitsplätzen auf einmal deren 200 zu verlieren, ist doch kein Pappenstiel. Im Moment müssen wir sicher ein Loch verkraften. Allerdings lehrt uns die Vergangenheit, dass Lyss solche Schläge immer wieder überwunden hat. Ich erinnere daran, dass sich mit Usego, Volvo und Zyliss erst in jüngerer Zeit grosse Firmen aus der Gemeinde zurückgezogen haben. Mittlerweile wird das Usego-Verteilzentrum von Denner genutzt, auf dem Volvo-Areal ist ebenfalls reges Leben eingekehrt, und bei Zyliss sind heute mehr Arbeitsplätze zu finden als zu den Zeiten, in denen die Haushaltsgerätefirma noch produzierte.

Wobei mit dem Wegzug von Meyer Burger genau diese Liegenschaft nun zum zweiten Mal leer wird. Das stimmt, wobei ich wie gesagt davon überzeugt bin, dass dies nur eine Phase sein wird, die vorübergeht. Gerade dank unserer idealen Lage erhalten wir immer wieder Anfragen von interessierten Firmen. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir auch für unser Land ein neues Unternehmen finden werden. Zumal die 30'000 Quadratmeter die letzte grössere zusammenhängende Industrielandreserve sind, die wir zu bieten haben.

Berner Zeitung

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