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Reportagen des Nonkonformisten Albert Winkler

BernPräzise fotografierte Albert Winkler die Menschen in ihrem Alltag. Das Kornhausforum zeigt Reportagen aus der Nachkriegszeit.

Wohin blickt der junge Mann so skeptisch? Blendet ihn bloss die Sonne? Wäre nicht die Lokomotivführermütze, man hielte ihn für einen russischen Revolutionär. Ein rätselhaftes Schwarzweissfoto, das der Zürcher Fotograf Albert Winkler (1923–1978) im Auftrag der SBB machte. Seine rund 150 im Kornhausforum gezeigten Fotografien sind Zeugnisse einer Zeit im Umbruch. Die Technisierung machte auch vor dem Beruf des Fotoreporters nicht halt, das Fernsehen konkurrierte die illustrierte Presse, wo Winkler Reportagen veröffentlichte. Das Porträt des Lokführers entstand 1955, kurz nachdem Winkler sich mit einem eigenen Fotogeschäft in Bern niedergelassen hatte. Mit Arbeiten für Industrie und Werbung hielt er die Familie über Wasser. Das Fotografieren hatte der in Zürich geborene Winkler in Fachgeschäften und an der Gewerbeschule erlernt. Menschen und Maschinen «Er war ein strenger Lehrer», erinnert sich Bernhard Giger, dem Winkler die Fotografie beibrachte. Der Leiter des Kornhausforums komponiert die Ausstellungen über Berner Fotografen des 20.Jahrhunderts aus Originalabzügen, Negativen und Dokumenten, die in Archiven und Nachlässen lagern. Zuletzt holte er Walter Nydegger (2009) und Margrit und Ernst Baumann (2010) zurück ins «kollektive Gedächtnis». «Erinnern ist eine wichtige Aufgabe der Fotografie», sagt Giger. Er weiss noch um eine Eigenheit seines Lehrmeisters: «Ihm ging immer alles zu langsam. Im Auto wippte er vor und zurück, als wollte er es anschieben.» Zu zweit fuhren sie zu Grossaufträgen, etwa für einen Jubiläumsband der Von-Roll-Eisenwerke. Winkler, in proletarischen Verhältnissen aufgewachsen, verstand sich gut mit den Industriearbeitern. Wo er auch hinkam, sich und die auffällige Kamera machte er beinah unsichtbar. Nur so gelangen ihm 1957 die berühmten Aufnahmen des an der Eigernordwand verunglückten Mario Corti. Im urbanen Raum traf Albert Winkler ebenso auf italienische Gastarbeiter wie auf Bundesräte beim Kaffee. Genauer Beobachter Er war ein Menschenfreund, durch und durch. «Trage immer eine Kamera bei dir, das Spannendste liegt im Alltag», prägte Winkler seinen Lehrlingen ein. Er, der Nonkonformist, befolgte diesen Grundsatz. Ihn interessierte die Normalität, welche die Menschen in der Nachkriegszeit wieder zu erreichen versuchten. Winkler als Vertreter der Neuen Sachlichkeit beobachtete genau. In Dänemark fotografierte er pensionierte Inselbewohner, auf dem Gurten Erwachsene mit Regenschirm. Den passenden Moment abwartend, erfasste er ihn gleichwohl spielerisch, wie auf jenem Selbstporträt, das Winklers charmante Ironie widerspiegelt. Manchmal verliess er Bern von einem Tag auf den anderen. Reiseberichte zeugen davon, während Presseausweise den Reporterberuf dokumentieren. «Winkler beherrschte das Handwerk der Fotografie», sagt Giger. Kontaktabzüge der SBB-Fotoserie geben Aufschluss über die Schwierigkeit, Mensch und Umgebung ins richtige Licht zu rücken. Gestochen scharf abgebildet ist der junge Mann mit Mütze. Die Interpretation liegt beim Betrachter.Céline GrafAlbert Winkler: Fotografien 1950–1975. Ausstellung bis 7.August, Kornhausforum Bern. Eintritt gratis. Di–Fr 12–17 Uhr, Do 12–20 Uhr, Sa/So 11–16 Uhr. Katalog mit Texten von Markus Schürpf und Bernhard Giger, Limmat Verlag Zürich.>

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