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Reise ins Land der Katharer

Das französische Departement Aude ist hier zu Lande eher unbekannt – noch. Denn die Region bietet neben vorzüglichem Wein und vielfältigen kulinarischen Erlebnissen vor allem eine beeindruckende eigene Identität.

Vorbei an den roten Felsen, steilen Klippen und berühmten Namen der Côte d’Azur, vorbei an den duftenden Lavendelfeldern und geschichtsträchtigen Orten der Provence gelangt der Reisende aus der Schweiz nach längerer Fahrt im TGV ins Departement Aude der südfranzösischen Region Languedoc-Roussillon. Begrüsst von einem böigen Wind namens Tramontane und mit Blick auf die ersten Ausläufer der Pyrenäen, ist er bereit, unbekanntes französisches Land zu entdecken. Prägende Geschichte(n) Wer ankommen will, sucht vorzugsweise die Nähe zu den Menschen, die hier leben; zu ihren Dörfern, ihren Plätzen, ihren Kirchen, ihren Häusern, ihrem Essen. Also geht die Reise weg vom beschaulichen Gruissan am Mittelmeer ins Landesinnere nach Talairan. Gleich vis-à-vis der Gemeindeschule, an der für ihren Namen etwas kleinen, aber feinen Place de la République, steht das Haus von Paule und Pierre Chertier. Allein die Einrichtung in dem verschachtelten Gebäude vermittelt unzählige Geschichten über Land, Leute, und auch über die Familie Chertier. Die Gastgeber berichten noch so gerne über sich und das Alltagsleben. Bald will man das alles mit eigenen Augen sehen. Die Reise führt zuerst in die Stadt Carcassonne, deren Altstadt seit 1997 Unesco-Weltkulturerbe ist. Erstaunlich, wie gut die mittelalterliche Festung erhalten ist, schön, wie sorgfältig Aufbauten und Renovationen vorgenommen wurden. Reiseleiterin Ingrid Sparwasser führt ein in die spannende Geschichte Carcassonnes und des Departementes Aude, auch Land der Katharer genannt. Diese Verfechter des dualistischen Christentums – das Gute ist Gottes Werk, und das Böse drückt sich in der materiellen Welt und in der Vergänglichkeit aus – erleben ihre Blütezeit zwischen dem 12. und 14.Jahrhundert hier, aber auch in Italien, Spanien und Deutschland. Vieles ihrer Lehre bleibt bis heute im Dunkeln, ist geheimnisumwittert. Grundsätzlich glaubten diese selbst ernannten «wahren Christen» jedoch, die unsterbliche Seele sei im fleischlichen Gefängnis des Körpers eingesperrt. Das streng asketische Leben der Katharer war dem Ziel untergeordnet, die armen Seelen zu befreien. Da die Katharer in der Landessprache und nicht in Latein predigten und weil deren Kirche im Gegensatz zur päpstlichen Pflicht die Abgabe eines Zehnten ablehnte, wurde die Lehre in Volk und Eliten zunehmend beliebter. Papst und Kirche reagierten mit Kreuzzügen, Feldzügen und Inquisition. «da, wo der Segen nicht hilft, taugt nur der Stock», sagte Dominikus, Prior des Domstifts im spanischen Osma. Der letzte bekannte Katharer – Guillaume Bélibaste – wurde 1321 in Villerouge-Termenès auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Gemäuer und Genuss Überall im Departement Aude stehen stumme Zeugen aus jener Zeit. Professionell geführte Rundgänge und mit Liebe zum Detail erstellte audiovisuelle Touren in Burgen, Klöstern und Dörfern lassen den Besucher eintauchen in die interessante, aber auch tragische Geschichte dieser Region. Besonders beeindrucken die hoch über dem Tal thronende Burg Peyrepertuse oder die geschichtsträchtige und sehr gut erhaltene Abtei Fontfroide. Die Fahrt über Land deckt aber nicht nur eine geschichtliche, sondern auch eine kulinarische und kulturelle Vielfalt des Departementes auf. Vorzüglicher Wein – rot, rosé, und weiss – wird hier gekeltert. Es lohnt, sich Zeit zu nehmen für die französische Küche mit Foie gras (Ente) oder dem regional bekannten Cassoulet (Auflauf mit Bohnen). Narbonne und das Meer Zu ihrer Geschichte und ihren Traditionen tragen die Bewohner des Departements Sorge. Das tun sie natürlich für die Touristen, aber auch für die eigene Identität. Das zeigt der Besuch in der Hauptstadt des Aude, Narbonne. Unschwer lässt sich erkennen, dass hier die erste römische Kolonie ausserhalb Italiens errichtet wurde. Nahe am Meer und am schiffbaren Canal de la Robine gelegen und damit verbunden mit dem Canal du midi, der das ganze Departement durchquert, steht Narbonne verschiedensten Einflüssen offen. Definitiv «auftauchen» aus der Vergangenheit lässt es sich dann am Meer. Es ist der Reiseführer Jean-Claude Courdil, der den Besucher bei Gruissan langsam zurück in die Gegenwart führt. Auf dem steilen Pfad hoch zur Kapelle Notre Dame des Auzils spürt der Besucher, wie intensiv die Menschen hier mit dem Meer leben, aber auch wie gross der Respekt vor dem unendlichen Wasser ist. Es ist ein Pilgerweg. Am Wegesrand liegen die Gräber von Seemännern der hiesigen Küste, die auf dem Meer starben. In der Kapelle finden sich Bilder, die die Seefahrer aufgehängt haben, um vor der Reise den Schutz der Jungfrau Maria zu erbitten oder ihr zu danken, dass sie lebend zurückkehren durften. Und so steht der Reisende irgendwann am Meer und hofft, die böige Tramontane trage nicht alle seine Erinnerungen dieser Reise hinaus auf das unberechenbare Wasser. Hoffnung gibt jedoch Charles Trenet, Sänger, Dichter, Maler, Komponist und berühmter Sohn der Stadt Narbonne, wenn er singt: «La mer/Les a bercés/Le long des golfes clairs/Et d’une chanson d’amour/La mer/A bercé mon cœur pour la vie.» Michael Widmer>

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