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Seilziehen ums Freizythuus

Aus dem Freizythuus solle ein kulturelles Zentrum entstehen, entschied der Münsinger Gemeinderat. Viele Benützer befürchten, dass der eigentliche Sinn künftig zu kurz kommt.

Hanni Pfander hat gekündigt. «Ich sah keine Perspektive mehr.» Foto: Manuel Zingg
Hanni Pfander hat gekündigt. «Ich sah keine Perspektive mehr.» Foto: Manuel Zingg

Hanni Pfander steht vor dem Freizythuus in Münsingen. Während fünf Jahren ging sie hier ein und aus, sie leitete das Sekretariat in einem 60-Prozent-Pensum. An diesem Tag aber betritt sie das Gebäude nicht. Auf Ende Januar hat sie gekündigt, vergangenen Freitag hatte sie ihren letzten Arbeitstag. «Ich sah für mich keine Perspektive mehr», sagt sie.

Ab dem nächsten Jahr soll das Freizythuus unter einer neuen Trägerschaft funktionieren. Die Gemeinde will das Haus nicht mehr in Eigenregie betreiben. Auch am Konzept wird es Änderungen geben. Pfander sah für sich dort keine Zukunft. Also zog sie schon jetzt den Schlussstrich. Sie hat bereits eine neue Stelle angetreten.

Das Freizythuus befindet sich auf dem Schlossgutareal und bietet drei Ateliers für Holz, Keramik sowie Nähen an. Dazu organisiert es jeweils den Ferienpass und führt den Herbstmärit und das Kerzenziehen durch. Im Gebäude befinden sich ausserdem eine Ludothek sowie zwei Wohnungen.

Teure Besuche

Schon seit Herbst 2018 ist bekannt, dass die Gemeinde das Haus neu organisieren will. Der Grund war das hohe Defizit. Jeder Besuch koste die Gemeinde 65 Franken, rechnete Gemeinderätin Vera Wenger (Grüne) vor. Auch die Bedürfnisse hätten sich geändert. Deshalb habe auch die Besucherzahl stagniert.

«Ein Haus inmitten des Dorfes muss mehr und vielfältiger genützt werden»

Vera Wenger, Gemeinderätin

Seither befasste sich eine Projektgruppe mit der Zukunft des Betriebs und prüfte vier Varianten. Auf Antrag der Kulturkommission entschied sich der Gemeinderat nun für eine Lösung: Die Gemeinde kauft das Haus der Stiftung für Betagte ab und stellt es einer privaten Trägerschaft zur Verfügung – zusammen mit einem Betriebsbudget von 150'000 Franken pro Jahr.

«Ein Haus inmitten des Dorfes muss mehr und vielfältiger genützt werden», sagt Wenger. Ihr schweben drei Bereiche vor: handwerkliche Ateliers, Kultur mit Kino und verschiedenen Anlässen, Bildung. Das Haus solle ein «integrations- und generationenübergreifendes kulturelles Zentrum» werden, so die Gemeinderätin.

Kündigung für Angestellte

Die neue Trägerschaft soll ab dem nächsten Jahr funktionieren. Das heisst auch, dass alleGemeindeangestellten im Freizythuus ihre Arbeit verlieren. Ihnen wird auf Ende Jahr gekündigt. Das sei ein schwieriger Entscheid, sagt Wenger, «wir sind nicht leichtfertig damit umgegangen».

«Wir hätten uns gewünscht, dass man mit uns und der Projektgruppe diskutiert.»

Hanni Pfander

Hanni Pfander ist ihm zuvorgekommen. «Wir hätten uns gewünscht, dass man mit uns und der Projektgruppe diskutiert, welche Änderungen man in den bestehenden Strukturen vornehmen könnte.» Denn es sei legitim, dass die Gemeinde etwas ändern wolle. Das biete auch Chancen. Im Herbst 2018 sei das Personal aber vor vollendete Tatsachen gestellt worden.

Dabei habe die Aufsichtskommission das Haus noch überprüft. «Im Mai 2017 haben wir ein sehr gutes Zeugnis erhalten.» Die Besucherzahlen seien steigend gewesen, das Defizit sei immer kleiner geworden. Da sei es schwierig gewesen, ein Jahr später die Kritik zu vernehmen – vor allem aus den Medien.

Enttäuschte «Freunde»

Für den Erhalt des Hauses, so wie es ist, setzen sich die «Freunde des Freizythuus» ein. Zu ihnen gehört Markus Scheidegger. Er schwärmt von diesem Haus und seiner Atmosphäre. «Hier können Menschen jeden Alters individuelle Ideen entwickeln, etwas gemeinsam gestalten, handwerkliche Erfahrungen sammeln.»

Die Gruppe erarbeitete eine eigene Lösung. «Wir setzen uns dafür ein, dass die Ateliers in veränderter Form weitergeführt und nicht aufgrund von Budgetkürzungen gänzlich aufgegeben werden.» So sollen neu eine mechanische Werkstatt und ein Innovationsatelier hinzukommen. «Das ist ohne grosse Umbauten in den bestehenden Räumlichkeiten möglich.»

«Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.»

Markus Scheidegger, Mitglied der «Freunde des Freizythuus»

Weiter sollen künstlerische oder handwerkliche Kurse angeboten werden. Kinder und Jugendliche sollen «besonders willkommen» sein. Die Räume sollen Personen, Firmen oder für kulturelle Anlässe vermietet werden können. Die Öffnungszeiten seien auszudehnen. «Dies ist mit weniger Budgetmitteln einfach nicht möglich.»

Diese Variante sei in der Projektgruppe zwar auf dem zweiten Platz gelandet, sagt Scheidegger. Seitens der Kulturkommission sei sie aber kaum beachtet und dem Gemeinderat nicht einmal unterbreitet worden. Die Gruppe will aber noch nicht aufgeben. «Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.»

Hanni Pfander wird gespannt verfolgen, wie es mit dem Freizythuus weitergeht, sie wünscht ihm das Beste. Solche Ateliers mit professioneller Betreuung finde man schweizweit kaum mehr in dieser Form, sagt sie. «Ich bin stolz, für dieses ein­zigartige Haus gearbeitet zu ­haben.»

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