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Ein Wahrzeichen verschwindet

Die Zeit des 1902 erbauten Hochkamins der Wander AG in Neuenegg ist bald abgelaufen. Das Gesuch für den Rückbau läuft. Das imposante Bauwerk soll gesprengt werden. 

Laura Fehlmann
Projektleiter Kurt Pfäffli steht vor dem Kamin, der seit 2011 nicht mehr raucht.
Projektleiter Kurt Pfäffli steht vor dem Kamin, der seit 2011 nicht mehr raucht.
Adrian Moser

Ein rauer Wind treibt weisse Wolken über den blauen Himmel über dem Hochkamin der Wander AG. Bei längerem Zusehen entsteht der Eindruck, der 56 Meter hohe Bau aus roten Backsteinen gerate ins Schwanken. Aber noch steht er fest mitten auf dem Fabrikgelände in Neuenegg, wo der Duft nach Ovomaltine an die Kindheit erinnert.

Kurt Pfäffli steht auf dem Platz neben dem Kamin. Er hat über 40 Jahre bei der Wander AG gearbeitet und ist zwar pensioniert, kümmert sich aber noch um die Projekte Abbau des Hochkamins und die zukünftige Energieversorgung des Betriebs.

Diese beiden Dinge hängen indirekt zusammen, denn der Platz, auf dem der 118-jährige Hochkamin steht, wird für Bauten benötigt, die der geplanten Energieversorgung mit Flüssiggas dienen. Ein neuer, viel niedrigerer Stahlkamin ist bereits vorhanden. «Wenn wir auf Flüssiggas umstellen, wird der CO2 um 24 Prozent reduziert», erklärt Pfäffli.

Auf die Frage, ob der Hochkamin nicht restauriert und als Denkmal erhalten werden könnte, reagiert er ohne Zögern: «Das wäre sehr teuer. Es ist sinnvoller, das Geld für die nachhaltige Energieversorgung einzusetzen.»

Von Kohle zu Öl

Der Hochkamin raucht seit 2011 nicht mehr. Anfangs spie er Kohlenrauch aus, später verwendete Wander Schweröl und nun schon länger Heizöl. «Die Produktion von Ovomaltine braucht viel Wärme. Der Ovosaft wird durch Erhitzen eingedickt und dann getrocknet, bis Pulver gemacht werden kann», erklärt Kurt Pfäffli.

Die Wärmeerzeugung für die Ovomaltine-Herstellung geschieht bis heute in zwei Dampfkesseln, allerdings in einer modernisierten, effizienten Anlage, die mit Wärmerückgewinnung arbeitet.

Der Hochkamin ist nur noch Dekoration, steht nutzlos da wie ein Relikt aus alter Zeit. Feuchtigkeit setzt ihm zu, er bröckelt innen und aussen, weil es oben hineinregnet. Pfäffli öffnet unten eine Tür und zeigt einen Haufen Backsteintrümmer, die heruntergefallen sind. «Es ist gefährlich. Deshalb ist der Kamin auch abgesperrt.»

Gehört zum Dorfbild

Dass der Neuenegger Hochkamin verschwinden soll, habe beim Heimatschutz nicht für Freude gesorgt, sagt Kurt Pfäffli. «Aber unsere Argumente sind Nachhaltigkeit, Sicherheit sowie Wirtschaftlichkeit.» Dass es Einsprachen gegen den Abbau hageln könnte, glaubt er nicht.

Nicht der Kamin, sondern die ganze Fabrik werde von der Bevölkerung als Wahrzeichen wahrgenommen. «Das Dorfbild hat sich in den letzten Jahren sowieso stark verändert. Es hängt nicht von diesem Kamin ab.» Dieser soll gesprengt werden. Das muss so präzise geschehen, dass der Kamin auf ein eigens hergerichtetes, bewässertes Kiesbett fällt.

Aber bis es so weit ist, reckt sich das stolze Bauwerk in die Höhe, unten und oben mit einfachen Ornamenten verziert – ein Zeitzeuge traditioneller Handwerkskunst aus der Hochblüte der Industrialisierung. Aber der süsse Duft von Ovomaltine wird Neuenegg auch ohne Hochkamin einhüllen.

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