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Der Wildhüter als Eindringling

Einem Mann wurde vorgeworfen, dass er einen Marder qualvoll verenden liess. Nun sprach ihn das Regionalgericht frei – und schenkte dem Beschuldigten damit mehr Glauben als dem Wildhüter.

Stephanie Jungo 
Marder sind meist nicht gern gesehene Gäste. Foto: Patric Spahni
Marder sind meist nicht gern gesehene Gäste. Foto: Patric Spahni

Er schüttelt den Kopf. Immer wieder. «Zum Kotzen», murmelt er mit verschränkten Armen. Der Mann, um die 50, in Jeans und Pulli, sei mit den Nerven am Boden, sagt er vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, er habe einen Marder qualvoll verenden lassen. Per Strafbefehl verurteilte sie den Mann aus der Region Bern zu einer bedingten Geldstrafe von 24 Tagessätzen zu je 90 Franken.

Würde die Geschichte auch nur ein bisschen stimmen, hätte er das Urteil nicht weitergezogen, sagt der Mann. «Die finanziellen Folgen wären tragbar.» Doch die Vorwürfe seien nicht wahr, gar ungeheuerlich. Er fühle sich schikaniert, sein Eheleben leide. Deshalb habe er den Strafbefehl angefochten. Mit Erfolg: Das Regionalgericht spricht ihn von den Vorwürfen frei.

Die Falle schnappt zu

Alles nahm seinen Lauf mit einer Solaranlage, die der Mann installieren liess. Mehrmals bissen Marder deren Kabel durch. Der Mann, der einen Gasthof betreibt, ärgerte sich. Das bekam auch ein Wildhüter mit, der hin und wieder bei ihm einkehrte. Der Wildhüter überliess dem Mann zwei Kastenfallen.

Ab hier gehen die Meinungen über die Geschehnisse auseinander. Etwa darüber, wann und wie oft der Wildhüter Fallen aufstellte. Bloss einmal, sagt der Mann. Mindestens zwei Mal, sagt der Wildhüter. Klar ist: Die Fallen blieben leer. Der Mann wollte sie loswerden, der Wildhüter sie abholen.

«Ich frage mich, ob es tatsächlich einen Marder in der Falle gegeben hat.»

Anwalt des Beschuldigten

Wochen vergingen, passiert ist nichts. Bis der Wildhüter im vergangenen Mai unangekündigt beim Beschuldigten auftauchte. Es war ein Mittwoch, einer der beiden Ruhetage des Gasthofs. Handwerker waren vor Ort. Sie sagten dem Wildhüter, der Beschuldigte sei für mehrere Tage weg. Dennoch überprüfte der Wildhüter die Fallen, die in einem Heizungsraum standen – und fand einen Marder. Tot. Mit Schürfwunden am Kopf. Offensichtlich sei er verdurstet und seit ein paar Tagen tot gewesen, gibt sich der Wildhüter vor Gericht überzeugt.

Gesehen hat den Marder niemand, vielleicht sei er noch in der Kühltruhe, sagt der Wildhüter. Sicher ist er sich jedoch nicht. Über den Fund informierte er den Beschuldigten erst Tage später, sagte ihm, er müsse den Fall melden.

Niemand hörte etwas

Eine Geschichte, die zum Himmel stinke, so der Verteidiger des Beschuldigten. Er frage sich, ob es diesen toten Marder überhaupt gab. Einige Punkte würden dagegen sprechen.

Tiere, die in eine Falle geraten, schreien, rennen hin und her, versuchen mit der Nase die Klappen aufzustossen. Ein unüberhörbarer Todeskampf. «Wie kann es sein, dass niemand der fünfköpfigen Familie des Beschuldigten diesen Todeskampf hörte?», fragt der Verteidiger. Komisch findet er auch, dass der Wildhüter den Marder nicht von einem Tierarzt untersuchen liess. Fotos des toten Tiers, die der Wildhüter angeblich vor dem Haus des Beschuldigten machte, könnten von irgendwo sein. Ein Beweis seien sie jedenfalls nicht.

Niemand erinnert sich

Unstimmigkeiten erkennt auch das Gericht. Darauf einzugehen, sei jedoch gar nicht nötig. Ein anderer Punkt sei entscheidend: Der Wildhüter hätte das Haus des Beschuldigten ohne dessen Einverständnis gar nicht erst betreten dürfen.

Im Kanton Bern sei der Wildhüter Teil der Strafverfolgungsbehörde, quasi ein Polizist. Dem Wildhüter im zu beurteilenden Fall sei nicht klar, wann er Kolleg, wann Polizist sei. Als er beim Beschuldigten auftauchte, sei er ganz klar dienstlich unterwegs gewesen – er hätte demnach nicht einfach ins Haus reingehen dürfen.

Der Wildhüter sagt, er sei davon ausgegangen, dass der Beschuldigte mehrere Tage weg sei. Das hätten ihm die Bauarbeiter gesagt. Die Fallen müssen laut Gesetz aber zwei Mal am Tag kontrolliert werde. Deshalb betrat er das Haus des Beschuldigten. Von den Bauarbeitern, die vor Ort waren, kann sich aber niemand mehr an einen Mitarbeiter der Wildhut erinnern.

Ohnehin sei es komisch, dass der Wildhüter selbst die Fallen kontrollieren wollte. Er hätte den Beschuldigten anrufen können oder nachsehen, ob jemand von der Familie zu Hause sei. Weil er das Haus illegal betreten hat, seien die Beweise, die er darin gefunden hat, unzulässig – dazu gehört auch der tote Marder. Dem Gericht bleibe nichts anderes übrig, als den Mann freizusprechen. Verfahrens- und Anwaltskosten werden übernommen.

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