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Opfer bringen für den grossen Traum

HandballYvonne Leuthold wohnt und trainiert als Mitglied des britischen Nationalteams seit dem 10.Juni in Crystal Palace. Die Bernerin strebt mit viel Einsatz die Olympiateilnahme an.

Luxuriös lebt Yvonne Leuthold nicht in Crystal Palace. Die zweistöckige Wohnung im typisch britischen Backsteinhaus ist auch nicht besonders gross, bedenkt man, dass die Handballerin sie mit zwei Mitspielerinnen teilt. Ein Grossteil des Wohnzimmers wird durch einen grossen und doch überladenden Wäscheständer ausgefüllt. Im Zimmer Leutholds hängt neben zwei Batman-Bildern eine grosse Union-Jack-Fahne; darauf steht «Follow your dream 2012» geschrieben. Die Bernerin mit britischem Pass verfolgt im Südosten Londons ihren Traum: Sie will im kommenden Sommer an den Olympischen Spielen teilnehmen. Um dieses Ziel zu erreichen, bringt die 31-Jährige etliche Opfer. Die einstige Schweizer Nationalspielerin nahm für den Nationenwechsel eine 3-Jahres-Sperre für Partien auf internationaler Ebene in Kauf und gab eine gut bezahlte Stelle als Anwältin auf. Seit dem 10.Juni bildet sie mit einer Schottin und einer Deutsch-Britin eine Wohngemeinschaft. Das Haus hat den Vorteil, dass es in einem grünen Park und vor allem nur ein paar Schritte vom Crystal Palace National Sports Centre entfernt liegt. Und dort verbringt Leuthold einen Grossteil ihrer Zeit. Fünf- oder gar sechsmal wöchentlich stehen zwei Trainingseinheiten pro Tag auf dem Programm. Ausflüge in die Londoner Innenstadt haben daher Seltenheitswert. «Einerseits hält mich die Müdigkeit, andererseits meine finanzielle Situation davon ab, häufig auszugehen», erzählt die Linkshänderin aus Wattenwil. Sie lebt auf eigene Rechnung in England. Damit sie über die Runden kommt und sich auch mal etwas leisten kann, arbeitet sie am Wochenende manchmal am Empfang eines Hotels oder in einem Öko-Kosmetik-Laden – für rund 10 Franken in der Stunde. Fussball zum Aufwärmen Coach Jesper Holmris kündet vor der morgendlichen Einheit den Reporter aus der Schweiz an. «Gestern war er bei Roger Federer, heute ist er unseretwegen hier – gebt euch also Mühe», sagt der Däne zu den jungen Damen. Zum Aufwärmen wird Fussball gespielt – Alt gegen Jung. Yvonne Leuthold erzielt das 1:0 und trägt zum Sieg der Routiniers bei. Danach wird intensiv gearbeitet –in der einen Hallenhälfte im Kollektiv, auf der anderen Seite an den individuellen Fertigkeiten. Die Luft ist feucht, denn im Trainingscenter befindet sich auch ein Hallenbad. Der Einsatz der Handballerinnen ist gross, der Schweiss fliesst in Strömen. «Ich war noch nie so fit, aber auch noch nie so oft erschöpft wie hier», gibt Leuthold zu. Einen Vorgeschmack auf die Olympischen Spiele haben die Mitglieder des britischen Frauenhandballnationalteams bereits bekommen. Letzte Woche fand der olympische Testevent statt. Die Britinnen landeten einen Überraschungscoup gegen Angola, unterlagen dann aber Österreich und der Slowakei. «Es war ein geniales Erlebnis; die Stimmung in der Halle war toll, und gegen Angola gelang uns eine starke Leistung», bilanziert Leuthold. Im Vorfeld des Events war das Selektionsprozedere durchgespielt worden – einige mussten über die Klinge springen. «Es gab Tränen», erzählt die Bernerin. Leuthold spricht nicht von sich, denn ihre Aussichten, in acht Monaten zum Olympiateam zu gehören, sind ausgezeichnet. Im rechten Rückraum ist die Spielerin mit der 13 auf dem Trikot die Nummer 1. Auch eine Medienschulung absolvierten die Handballerinnen kürzlich. Ein BBC-Reporter simulierte mit der Equipe Fernsehinterviews. Er befragte jede Spielerin zweimal, zuerst nett, dann kritisch. Gänsehaut bei der Hymne Negative Berichte sind schon erschienen. Eine Boulevardzeitung schrieb zum Beispiel, wer keine Eintrittskarte für Olympia ergattert habe, solle sich doch bei den Handballerinnen melden. Zudem wurde der Nationalstolz der Mitglieder des «Multikultiteams» infrage gestellt. «Tatsache ist, dass jede von uns den britischen Pass hat», sagt Doppelbürgerin Yvonne Leuthold. Obwohl Englisch nicht ihre Muttersprache ist, kann sich die Juristin «voll mit Grossbritannien identifizieren. Als ich erstmals vor einem Länderspiel die Nationalhymne mitsang, hatte ich Gänsehaut.» Die jungen Frauen, die mit viel Herzblut eine auf der Insel fast unbekannte Sportart betreiben, haben ein grosses Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt. Weil nicht alle eine günstige Unterkunft in der Nähe des National Centre gefunden haben, zahlt jede monatlich knapp 300 Pfund (ca. 430 Franken) in einen Topf, aus dem alle Mieten beglichen werden. «Jede von uns ist knapp bei Kasse», sagt Leuthold zur Erklärung. Der Teamgeist zeigt sich auch auf dem Feld. «Der Fighting Spirit ist unsere Stärke. Wir sind nicht die besten Handballerinnen, also müssen wir die Mängel mit Einsatz wettmachen», meinte Leuthold. Vorerst warten auf die 17 Frauen in Crystal Palace noch viele harte Trainingseinheiten – blaue Flecken, Harz an den Händen und müde Glieder inklusive. Gejammert wird deswegen nicht, der Enthusiasmus ist spürbar. Alle nehmen sie die Strapazen für den Olympiatraum auf sich. Wie sagt doch Yvonne Leuthold: «Bereut habe ich meinen Entscheid noch nie. Im Sommer werde ich für alles entschädigt.»Adrian Ruch, Crystal Palace>

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