Interlaken

Zwischen Realität und Magie

Interlaken Das Kunsthaus Interlaken zeigt eine Ausstellung des Künstlers Rudolf Häsler, der die ersten Lebensjahre in Interlaken verbrachte. Zu perfekten fotorealistischen Bildern kommt eine unwahrscheinliche Lebensgeschichte.

Die Söhne Alejandro (links) und Rodolfo Häsler mit einem Bild von Vater Rudolf Häsler.

Die Söhne Alejandro (links) und Rodolfo Häsler mit einem Bild von Vater Rudolf Häsler. Bild: Markus Hubacher

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Das Bild zur aktuellen Ausstellung im Kunsthaus Interlaken sieht aus wie eine Fotografie: Es zeigt den Secessionspalast in Wien mit floraler Golddeko oben an der Front, der Horizont auf der Aufnahme leicht schief. Mit diesem Bild lud Kurator Heinz Häsler mit seinem Team zur Ausstellung des Malers Rudolf Häsler ein, die er unter den Titel «Die Magie des Realen» gestellt hat.

Die Magie zeigt sich, wenn man ganz nahe an das Secessions­palastbild herantritt: Die Blumenelemente sind eine minutiös gemalte Anordnung von Gelb-, Ocker- und Braunorangetönen. Vier Schritte zurück, und wie durch Zauberei sieht das Muster aus wie Gold; plastischer und glänzender, als es ein Fotograf wiedergeben könnte.

Lebendige Kompositionen

Das Kunsthaus zeigt bis zum 15. Mai fotorealistische Werke von Rudolf Häsler, der 1927 in Interlaken geboren wurde. Schaufenster, Fenster- und Häuserfronten, Landschaften, Plakatwände, ein chinesischer Veloparkplatz – alles mit unglaublicher Präzision und ausgeklügelter Technik gemalt. Die Farbkompositionen, spürbar bewusst in der realen Welt ausgesucht, sind zauberhaft lebendig. Die Bilder erzählen Geschichte und Geschichten vom globalen Alltag, manchmal banal wie ein Dessousschaufenster, manchmal zentral wie eine weltberühmte Kathedrale.

Kunst und Freiheit

Die goldene Inschrift auf dem 1898 als Kunsthaus gebauten Secessionspalast in Wien, deutlich zu lesen auf dem Bild im Kunsthaus Interlaken, heisst: «Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit». Drei Nomen, die für den 1999 gestorbenen Rudolf Häsler eine besondere Bedeutung haben. Er war der Sohn eines Interlakners Postautochauffeurs mit Heimatort Lütschental, wurde in Solothurn Lehrer und entschied sich bewusst dafür, Künstler zu sein. Er suchte, in unterschiedlichen Kunstsprachen.

«Ich bin ein Berner, und wir Berner gehen auf die reale, berührbare Welt aus», hat er einmal zum Kunstkenner, Kritiker und Kurator Peter Killer gesagt, der an der Vernissage im Kunsthaus die Laudatio hielt. Kunst war für Häsler das Leben. Er suchte sie auf grossen Reisen. Dabei fand er in Granada seine Frau und ging der Liebe wegen in ihre Heimat Kuba, just damals, als Fidel ­Castro und seine Bewegung des 26. Juli den Diktator Batista stürzten. Aus familiären Gründen kam er dem neuen Regime nahe und wurde Direktor des ­Nationalinstituts für Kunst­gewerbe.

Er entwickelte ein Konzept für kunsthandwerkliche Keramik mit einheimischen Ressourcen, was Arbeitsplätze schuf. Muster dieser Arbeiten sind an der Ausstellung im ersten Stock zu sehen, auf dem mit einer Diashow und Exponaten der Lebenslauf des Künstlers vorgestellt wird. Castros Kuba-Befreiung erwies sich für Häsler nicht als Freiheit, er kam, als er ausreisen durfte, nach Europa zurück und lebte hauptsächlich in der Nähe von Barcelona, wo heute seine drei Söhne und seine Tochter leben, auch sie Künstler.

Vom Bärengraben

Sohn Rodolfo ist Poet und las an der Vernissage auf Spanisch sein Gedicht «Berna» vor, eine Hommage an den Vater. Im Zentrum standen die fernen Alpen und der Bärengraben mit den wilden, eingekerkerten Bären.

Wie die vier Kinder ihren Vater sahen, zeigt an der Ausstellung ein Porträt seines Sohns Alejandro, der ihn oft gemalt hat: ein starker Mann im Habitus eines Paterfamilias. «Sitzleder und Standvermögen» gehörten laut Killer zu Rudolf Häslers Eigenschaften.

«Hier das Werk unseres Vaters vereint zu sehen, ist für uns ein sehr emotionales Erlebnis», sagte Rodolfo. René Brogli von der Galerie Bromer Kunst zeigte sich im Gespräch überzeugt, dass das Werk von Häsler, angesichts seines Lebenslaufs, seiner Kunst und seines stupenden handwerklichen Könnens an Wert gewinnen wird. Die Bilder im Kunsthaus sind teils aus seiner Galerie, teils aus dem Besitz der Familie.

Gemeindepräsident Urs Graf zeigte sich in seiner Begrüssungsansprache überzeugt, dass bei Wikipedia künftig Rudolf Häsler als bedeutender Sohn von Interlaken aufgeführt werden wird.


Die Ausstellung dauert bis zum 15. Mai. Öffnungszeiten: Mi bis Sa, 15 bis 18 Uhr. So, 11 bis 17 Uhr. Führungen: 27. März, 10. April und 15. Mai, jeweils 11 Uhr. 23. April «FreeKuba» Kunsthaustag der offenen Tür 15 bis 19.30 Uhr. 20 Uhr: Die unglaubliche Geschichte des Interlakner Malers Rudolf Häsler in Kuba, Vortrag von Stefan Regez, Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten» und Musik von Stefan Dorner. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.03.2016, 14:11 Uhr

Ein Werk?von Rudolf Häsler. (Bild: Markus Hubacher)

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