Zuerst der Dialog, dann der Paukenschlag

Gstaad

Das Publikum zeigte sich im ersten Zeltkonzert sensibilisiert, einer Uraufführung mit Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta zuzuhören. Und es reagierte auf den «Schwanensee», den Kristjan Järvi showmässig aufpeppte, euphorisch.

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Svend Peternell

Wenn die überaus beliebte Cellistin Sol Gabetta und die nicht minder zugkräftige Violonistin Patricia Kopatchinskaja zum Konzert rufen, gibt es im Saanenland in der Regel kein Halten mehr. Das hat sich am Samstagabend einmal mehr bestätigt.

Der Saal füllte sich beim ersten Zeltkonzert des Gstaad Menuhin Festival fast restlos bis auf den letzten Platz. Dass hierbei auch das Gstaad Festival Orchestra mit seinen höchst beschlagenen Musikerinnen und Musikern aus Basel und verschiedenen europäischen Orchestern und seinem charismatischen Dirigenten Kristjan Järvi mittat, wirkte nochmals beflügelnd – und eben verkaufsfördernd.

Dirigent als zappelnder Schwan

Der Erfolg war am Ende phänomenal. Das Publikum stand längstens und jubelte Järvi und dem magistral aufspielenden Klangkörper zu. Dieser hatte mit Järvis Bearbeitung der Ballettmusik «Schwanensee» von Tschaikowsky aufgetrumpft und tatsächlich zu Recht von den Sitzen gerissen.

Selbst wenn die komprimierte Fassung am Ende statt der angekündigten 40 Minuten gleich deren 65 dauerte. Und selbst wenn es Järvi mit seinen Showeinlagen bisweilen weit trieb – bald als Schwan zappelte und sich dann als Bewegungskünstler der tänzerisch-ausgelassenen Art in Szene setzte, dabei auch das Publikum verschwörerisch-augenzwinkernd mit «einpackte».

Man muss es ihm lassen: Letztlich sass er, dieser wuchtige musikalische Prankenhieb, den das Gstaad Festival Orchestra in entfesselter Spielmanier zelebrierte. Järvis «Schwanensee» hatte bei aller orgiastischer Klangopulenz mit den wuchtigen Blechbläsern und den mit ekstatisch-visionärer Klangqualität auftrumpfenden Streichern auch den Sinn für finessenreiche Kontraste.

Diese manifestierten sich in pausenlosen Übergängen und Gegenbewegungen, in denen helle Instrumentalfarben (wie Klarinette und Harfe) die Zerbrechlichkeit und das Filigrane des romantisch-tragischen «Schwanensee»-Märchens und -Motivs immer wieder ins Bewusstsein rückten.

Mit einem vorschnellen Urteil, Järvi wolle mit dieser (gerafften und durchaus popularisierten) Fassung ein reines Wunschkonzert mit der Aneinanderreihung von lauter Höhepunkten vom Stapel reissen, muss man daher vorsichtig sein. Järvi – und mit ihm das Orchester – gab alles. Er dürfte am Ende des Konzerts keinen einzigen trockenen Stofffetzen mehr am Leib getragen haben.

Dialog zwischen Gongschlägen

Vor diesem Paukenschlag war aber noch etwas ganz anderes: der intime Dialogversuch nämlich zweier grosser Musikerinnen unserer Zeit, die wie gesagt zu Publikumsmagneten des Festivals geworden sind.

Wie sich Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta in der Uraufführung von «Dialogue» des Engländers Mark-Anthony Turnage in einem Klangstrom des Entstehens (der an Edward Elgar erinnerte) und Wiederverebbens, in einem durch Gongschläge getakteten Setting zwischen Aufbegehren und Versiegen instrumental begegneten, war klasse.

Ebenso überzeugte, wie sie sich anschliessend in Camille Saint-Saëns «La Muse et le Poète» mit heller Leichtigkeit (Kopatchinskaja) und dunkel strömender Erdung (Gabetta) musikalische Bälle zuspielten.

Järvi wippte rhythmusstark fast in sie hinein. Und zeigte schon zum Auftakt des Abends bei Rimski-Korsakows «Capriccio espagnol», welches Temperament ihm eigen ist und welche Klangwogen er liebt. Etwa die befeuernden der Kastagnetten. Und andere mehr.

Das Konzert wurde von Schweizer Radio SRF2 Kultur aufgezeichnet und wird am Donnerstag, 20.August, um 20 Uhr ausgestrahlt. Nächste Auftritte des Gstaad Festival Orchestra am Mittwoch, 19. August, in der Musik- und Kongresshalle Lübeck und am Donnerstag, 20. August, in der Laeiszhalle in Hamburg.

Berner Zeitung

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