Wo sind bloss die Glücksschweine geblieben?

Interlaken

22 Künstlerinnen und Künstler stellen im Rahmen der «Cantonale Berne Jura» im Kunsthaus 57 Werke aus. Das Thema: «Neue Medien» ist breitgefächert und grosszügig umgesetzt.

Aktuell im Kunsthaus Interlaken zu sehen: Die Installation «Cochon rodeo» von Christophe Lambert und Monsignore Dies.

Aktuell im Kunsthaus Interlaken zu sehen: Die Installation «Cochon rodeo» von Christophe Lambert und Monsignore Dies.

(Bild: Anne-Marie Günter)

Das Interlakner Kunsthaus machts denkbar: Es hätte während der Phase des Zerfalls des Alten Amthauses ein Trash-Zimmer geben können, mit wild gesammelten Erinnerungen an den Wänden und Kitsch auf zusammengewürfelten Gestellen, vermischt mit Kochutensilien, umgebastelten Jugendstillampen, Gartenstühlen und Spitzentischdecke.

Ein solches Zimmer gibt es während der Ausstellung «Cantonale Berne Jura» jetzt zu sehen. Ein präziserer Blick zeigt, die Rauminstallation hat ein Thema: das Schwein. «Cochon rodeo» heisst das Werk der Bieler Christophe Lambert und Monsignore Dies. Sie bespielen es in vielen Formen. Fotos zeigen die Künstler in Metzgerschürzen im imposanten alten Schlachthaus von La Chaux-de-Fonds, zeigen Blutwurst, Fleischerhaken und weidende Schweine.

Live, das wird einem bewusst, hat man die Schweine (mit Ausnahme bei Alphütten) in der Gesellschaft etwas aus den Augen verloren. Glücksschweine sind rar. Schweine haben, so melden hin und wieder Schutzorganisationen, 0,9 Quadratmeter Stallraum und sind oft nur einmal im Leben draussen: auf dem Weg ins Schlachthaus.

Fragwürdige Kunst?

George Steinmann, der das Werk Saxeten geschaffen hat, spielte an der Vernissage den Blues und befasste sich in seiner Rede mit dem Sinn der Kunst. «Ich bevorzuge ein Engagement an der Schnittstelle zwischen dem Kunstfeld und anderen Lebenswelten. Solch eine Kunst fördert die Wertediskussion, sie rüttelt an Konventionen und Machtstrukturen.»

«Solch eine Kunst fördert die Wertediskussion, sie rüttelt an Konventionen und Machtstrukturen.»George Steinmann

Eine schier unerträgliche Extremsituation zeigt die Videoinstallation von Kate Burgener, die sich mit dem Kentern eines Flüchtlingsbootes vor den Bahamas auseinandersetzt. Thomas Meier, Präsident, Leiter Galerie der Kunstgesellschaft, blickte kurz zurück: Seit den Siebzigerjahren organisierte diese Weihnachtsausstellungen.

Die Kunstgesellschaft löst sich jetzt auf, das Kunsthaus übernimmt künftig die Organisation der «Cantonale Berne Jura» voll, die sich vor sechs Jahren aus verschiedenen Weihnachtsausstellungen entwickelt hat. «In der Zusammenfassung von neun Ausstellungsorten manifestiert sich die Haltung des Brückenschlags anstelle von Mauerbau», sagte Steinmann zum Thema.

Wird die Interlakner Ausstellung seither mit fragwürdiger Kunst gestaltet? Ja, sagte Thomas Meier. Nämlich mit Kunst, die es würdig sei, hinterfragt zu werden, sich mit ihr auseinanderzusetzen, Provokation und Perfektion zu suchen. «Dazu könnte der Hochsitz von Adrian Remund helfen», riet Meier. Allerdings: Dieser Hochsitz bietet keinen Ausblick, sondern Selbstfindung.

Ein Schwerpunkt der Ausstellung sind Fotografien; darunter zwei Interpretationen nach Ferdinand Hodler von Chantal Michel und überraschende, perfekt gemachte Bilder der Einheimischen Jost von Allmen und Claudia Dettmar.

Die Ausstellung «Neue Medien» dauert bis zum 29. Januar 2017. Sie ist von Mittwoch bis Samstag von 15 bis 18 Uhr geöffnet und am Sonntag von 11 bis 17 Uhr. Am 24. und 25. Dezember sowie am 31. Dezember und 1. Januar ist sie geschlossen. Am 18. Dezember, am 8. und am 22. Januar um 11 Uhr gibt es eine Führung.

Berner Oberländer

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