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«Wir sind keine Spekulanten»

Das Unternehmen Boissée Finances ist in der Öffentlichkeit wenig bekannt. Obwohl es Hotels europaweit besitzt und betreibt – 17 in der Schweiz. Ein 18., in Interlaken, soll folgen. Vincenzo Ciardo erklärt die Philosophie der Firma.

Samuel Günter
So könnte das Des-Alpes-Areal aussehen, wenn das neue Hotel gebaut wird. Visualisierung: PD
So könnte das Des-Alpes-Areal aussehen, wenn das neue Hotel gebaut wird. Visualisierung: PD

Boissée Finances ist wohl nur Brancheninsidern ein Begriff. Wer ist Boissée Finances?

Ein Unternehmen, das sich auf den Betrieb und die Führung von Hotels spezialisiert hat. Ein Unternehmen, das auch nach 30Jahren im Besitz der Gründerfamilie ist. Ein Unternehmen, und das ist uns sehr wichtig, das nicht mit Objekten spekuliert.

Wie meinen Sie das?

Wir kaufen oder bauen keine Hotels, um sie später mit Gewinn zu verkaufen. Wir wollen sie selbst rentabel betreiben. Wir versuchen uns auch nicht in anderen Geschäftsfeldern, wie etwa dem Bau von Wohnungen.

Dann hätten Sie am Vorgängerprojekt auf dem Des-Alpes-Areal kein Interesse gehabt, wo neben einem Hotel auch Wohnkomplexe geplant waren?

Genau. Das hätte nicht unserer DNA entsprochen.

Das erklärt nicht, weshalb man den Namen Boissée Finances in der Öffentlichkeit kaum kennt.

Es entspricht der Philosophie der Besitzer, mit Auftritten in der Öffentlichkeit zurückhaltend zu sein. Wir suchen die Aufmerksamkeit nicht.

Die Hotels im Portfolio von Boissée Finances sind im Besitz des Unternehmens. Andere Hotelketten versuchen ihre Immobilien loszuwerden und beschränken sich aufden Betrieb. Weshalb gehen Sie anders vor?

Es ist richtig, dass die grossen Hotelketten möglichst keine Immobilien besitzen wollen. Diese Entwicklung begann bei amerikanischen Hotelketten. Inzwischen geht mit Accor auch die grösste europäische Hotelkette diesen Weg. Immobilien belasten die Bilanz dieser börsenkotierten Unternehmen. Im Vergleich sind wir klein und haben andere Voraussetzungen. So sind wir an keiner Börse kotiert. Für uns stimmt der Weg als Besitzer der Häuser.

Nach aussen stehen bei Ihren Hotels aber Namen anderer Hotelunternehmen. In Bern Ibis und Novotel von Accor, und in Interlaken soll es Marriott sein.

Das ist richtig, wir führen diese Häuser seit Januar in einem Franchising-Modell. Das heisst, wir betreiben das Hotel selbst und stellen auch das Personal. Wir «mieten» aber die Marke und sind Teil des Distributionsnetzes dieser weltweit tätigen Marken. Im Gegenzug müssen wir gewisse Standards und Abläufe einhalten. Ein anderes Modell wäre der Managementvertrag. Das heisst: Mir gehört Haus und Land, und ich übergebe es einem Unternehmen, der es betreibt. In dem Fall stellt der Betreiber Personal und Möblierung, und der Besitzer ist für den Gebäudeunterhalt verantwortlich. Natürlich gibt es in der Praxis viele Mischformen dazwischen. Aber für uns von SHRF und Boissée Finances ist Franchising das richtige Modell.

Meist arbeiten Sie dabei wie in Bern mit Accor zusammen.

Ja, wir sind heute der grösste private Franchisenehmer vor Accor. Das hängt mit der gemeinsamen Vergangenheit zusammen. Der Gründervater von Boissée Finances, Stanislas Rollin, war, bevor er sich selbstständig machte, Finanzdirektor bei Accor. Auch ich habe weite Teile meiner Laufbahn bei Accor absolviert. Während meiner Tätigkeit in Bern durfte ich auch Stanislas Rollin kennen lernen. Seither kreuzten sich unsere Wege immer wieder, und heute darf ich mit ihm zusammenarbeiten.

In Interlaken suchen Sie nun aber die Zusammenarbeit mit Marriott. Weshalb?

Man muss sich überlegen, welches Hotel wohin passt. In Interlaken kamen wir zum Schluss, dass Marriott am besten funktioniert. Marriott ist nach IHG die grösste Hotelkette weltweit und verfügt mit Bonvoy über ein äusserst attraktives Treueprogramm. Weiter muss man wissen, dass amerikanische Touriste primär US-Hotels buchen.

Und den amerikanischen Gast wollen Sie mit dem Hotel in Interlaken ansprechen?

Es ist ein Segment, wo wir grosses Potenzial sehen. Gerade im Winter.

Erklären Sie.

In den USA ist der Skisport eher eine «elitäre Angelegenheit». Unter dem Strich kann es für Amerikaner fast günstiger sein, für Skiferien in die Schweiz zu fliegen, als sie in einem Gebiet in Nordamerika zu verbringen.

Im Ernst?

Ja.

Als die Interlakner das letzte Hotelprojekt auf dem Des-Alpes-Areal ablehnten, warfen auch viele einheimische Hoteliers ihr Gewicht in die Waagschale, weil sie die Konkurrenz befürchteten.

Ich denke, die Befürchtungen sind unbegründet. Mittelfristig dürfte die Destination als Ganzes profitieren. Dank der Reichweite von Marriott sprechen wir neue Gästesegmente an. Es gibt touristische Karten, worauf Interlaken gar nicht existiert.

Welche?

Wenn jemand gewohnt ist, seine Ferien über die Buchungsplattform einer Hotelkette zu organisieren, weil er da in den Genuss von Treueboni kommt, taucht Interlaken, wo internationale Brands kaum vertreten sind, nicht auf. Wenn es nun aber ein Marriott gibt, ist das auch ein Zeichen: Der Gast sagt sich, wenn die da ein Hotel eröffnen, glauben sie, dass sich das rentiert und die Destination besuchenswert ist.

Weshalb sind die internationalen Ketten in Interlaken nicht präsent?

Das dürfte verschiedene Gründe haben. In Bern zum Beispiel dauerte es ja auch sehr lange. Die lange touristische Tradition dürfte sicher mit ein Grund sein. Die Hotellerie in Interlaken ist älter als die Hotelketten. Ein gewisses Misstrauen gegenüber den internationalen Unternehmen dürfte auch eine Rolle spielen.

Weshalb investieren Sie in Interlaken?

Interlaken ist eine sehr attraktive Destination. Hier werden mehr Logiernächte generiert als in der Stadt Bern. Ausserdem ist sie breit abgestützt. Und natürlich ist das Des-Alpes-Areal an idealer Lage. Am geschichtsträchtigen Höheweg und in unmittelbarer Nachbarschaft zum Kongresszentrum. Wir sind überzeugt, dass man hier ein Hotel nachhaltig rentabel betreiben kann.

Und wie viel wollen Sie investierten?

Zurzeit kann ich eine Zahl fix nennen: Mit der Gemeinde wurde ein Landpreis von 4,5 Millionen Franken ausgehandelt. Wie viel der Hotelbau kosten wird, kann ich noch nicht sagen, weil wir ja noch in der Planung sind.

Wie soll das Hotel aussehen?

Auch hier ist noch vieles offen. Wir wollen aber den Charakter von Interlaken aufnehmen. Es wird ein Hotel gehobenen Standards sein. Die Zimmer werden wohl etwas grösser ausfallen, schliesslich wollen wir die Aufenthaltsdauer des Gastes verlängern. Geplant ist eine Rooftop-Bar, die auch für die Öffentlichkeit offen ist. Doch werden wir kein Restaurant betreiben.

Weshalb nicht?

Missverstehen Sie mich nicht, wir wissen, wie Restaurants zu betreiben sind, das haben wir vielerorts schon bewiesen. In Interlaken macht es aber keinen Sinn. Da gibt es schon viele unterschiedliche Restaurants mit guter Schweizer, asiatischer oder orientalischer Küche und alle in wenigen Minuten zu Fuss zu erreichen. Da macht es wirklich keinen Sinn, dass wir auch noch ein Restaurant eröffnen.

Wie gut kennen Sie die Interlakner Verhältnisse?

Ich kenne Interlaken sehr gut, schliesslich haben sich hier meine Eltern kennen gelernt, und ich bin Thun aufgewachsen, wo ich immer noch lebe.

Wenn das neue Hotel dereinst eröffnet wird, wird der Direktor Mitglied des Interlakner Hoteliervereins sein?

Das hoffe ich doch. Und ich hoffe, dass er oder sie auch Berndeutsch sprechen wird. Ich denke, es ist wichtig, dass sich Hoteliers nicht in ihren Häusern verschanzen. Nur wenn es ein gutes Zusammenspiel zwischen Leistungsträgern, Tourismusorganisation, Politik und Bevölkerung gibt, kann eine Destination funktionieren. Ich denke, in Interlaken ist man in dieser Beziehung weiter als anderswo.

Apropos Bevölkerung: Die werden Sie von Ihrem Hotelprojekt überzeugen müssen. Voraussichtlich wird es zu einer Abstimmung kommen.

Darauf sind wir vorbereitet. Es ist uns wichtig, nicht ein Projekt gegen die Bevölkerung zu machen. Entsprechend nehmen wir auch sehr ernst, was im Zusammenhang mit dem letzten Projekt auf dem Areal diskutiert wurde: Der Mammutbaum, das Restaurant Des Alpes und auch die Pavillons werden nicht angetastet. Unser Hotel soll zu Interlaken passen.

Darf sich das lokale Gewerbe etwas von Bau und Betrieb des Hotels erhoffen?

Für den Bau ist Losinger Marazzi zuständig. Ein Partner, mit dem wir sehr gute Erfahrungen gemacht haben. Es ist klar, dass die Arbeiten öffentlich ausgeschrieben werden. Aber ich gehe davon aus, dass wohl eher lokale Firmen zum Zug kommen als solche, die von Zürich aus operieren. Und was Nahrungsmittel angeht, bestimmt der Gast, was beim Frühstück auf den Tisch kommt. Und der Gast will einheimische Kost.

Sie glauben also, die Bevölkerung überzeugen zu können.

Ja, wir werden uns der Diskussion nicht verschliessen. Wir sind überzeugt, dass auch Interlaken unter dem Strich profitieren wird. Wichtig ist mir, festzuhalten, dass wir keine Spekulanten sind. Wir wollen nicht einfach ein Objekt bauen und dann möglichst teuer weiterverkaufen. Wir wollen in Interlaken nachhaltig und langfristig ein Hotel betreiben.

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