«Wie eine vaterländische Pflicht»

Claude Eichenberger gilt als eine der besten Mezzosopranistinnen der Schweiz. Nun übernimmt sie in der Tell-Oper die Rolle von Hedwige.

Claude Eichenberger wird zu Wilhelm Tells Frau Hedwige.

Claude Eichenberger wird zu Wilhelm Tells Frau Hedwige.

(Bild: PD/Frank Schinski)

Wie stellen Sie sich den Charakter von Tells Frau Hedwige vor?Claude Eichenberger:Als eine sehr sorgende und die Familie umsorgende Frau, die sich viele Gedanken macht wegen der Sicherheit von Mann und Kind. Zudem ist sie häuslich und wohl in ihrem Glauben fest verwurzelt.

Entsprechen diese Merkmale auch Ihnen selber?Nun, ich bin ja selber Mutter, habe ein Kind. Jede Mutter macht sich Sorgen.

Was schätzen Sie an Ihrem ­eigenen Können besonders?Ich bin sehr glücklich, in der Berufsgattung Oper arbeiten zu dürfen. Das erlaubt mir Interpretationen, bei denen ich Musik und Darstellung vermischen darf.

Sie gelten auch als sehr talentierte Schauspielerin. Wie ­können Sie das in Rossinis Oper umsetzen?Diesbezüglich unterscheidet sich diese Oper von anderen Opern nicht.

Was macht Rossinis Oper ­attraktiv?Im Gegensatz zu anderen Opern von Rossini wie zum Beispiel dem «Barbier von Sevilla» ist Tell die reifste. Die Oper ist sehr essenziell, wenig geschmäcklerisch, hat nur wenig Koloraturen, es geht wirklich um die Tiefe des Stoffes, um Bedrohung, Mord, Totschlag, Glauben. Rossini fand danach, dass er es nie mehr besser machen könnte, und schrieb keine weiteren Opern mehr. Tell kommt mir sehr Verdi-haft vor, mit vielen Farben, vor allem in den Ensembles.

Ist es legitim, die im Original rund vierstündige Oper auf 90 Minuten zu reduzieren?Ja, klar, das ist sicher legitim, so wie alles, was von den Nachlassverwaltern erlaubt ist. Das Beste, was passieren könnte, wäre, wenn die Zuschauer und Zuhörer «gluschtig» würden auf eine längere Fassung. Übrigens: Die ganze Fassung zu bringen, ist heute fast nicht mehr möglich, sie ist einfach zu lang.

Was glauben Sie, worauf sich das Publikum am meisten freut – auf die Sängerinnen und Sänger, auf die Chöre, das Orchester, das Bühnenbild oder ganz ­einfach auf die Ouvertüre?Sie haben grad alles aufgezählt, worauf sich das Publikum wohl freut. Es sind genau diese Punkte, die interessieren – und zwar unabhängig davon, ob man die Oper schon mal gesehen hat oder nicht.

Ihren Auftritt an den Tellspielen Interlaken bezeichnen Sie in einem Werbefilm als «fast schon eine vaterländische Pflicht». Was meinen Sie damit?Es ist einfach so: Wenn das Telefon läutet und man angefragt wird, bei der Aufführung der Tell-Oper mitzumachen – und die Agenda das erlaubt –, dann ist das wie eine vaterländische Pflicht. Als Schweizerin kann man da nicht Nein sagen.

Was verbindet Sie mit dem ­Berner Oberland?Es weckt Erinnerungen an meine Kindheit. An Wanderferien in Kandersteg, Kandergrund, Zweisimmen, Lenk.

Wie oft waren Sie schon bei den Tellspielen Interlaken?Bisher noch nie. Aber am 1. September werde ich es schaffen.

Claude Eichenberger (44-jährig) wuchs in Schaffhausen und Thurgau auf. Nach dem Abschluss an der Hochschule der Künste Bern bildete sie sich am Internationalen Opernstudio Zürich weiter. Sie ist Mitglied des Solistenensembles bei Konzert Theater Bern und hat vor allem in Deutschland und Italien bereits mit vielen renommierten Dirigenten gearbeitet.

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