Kandersteg

Gletscher gibt 4000 Jahre alte Wanderausrüstung frei

KanderstegBerner Archäologen konnten beim Lötschenpass die Ausrüstung eines Berggängers aus der frühen Bronzezeit bergen. Die Gletscherschmelze dürfte in ­Zukunft weitere solche Funde möglich machen.

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Mit Pfeil und Bogen bewaffnet stapfte er den Lötschenpass hinauf. Auf seine beschwerliche Reise war er gut vorbereitet. Seine Kutte bestand aus Leder, zusammengehalten von einer aus tierischen Fasern gedrehten Schnur mit einem Knopf aus Geweih. Bei sich hatte er ausserdem eine Tasche aus Birkenrinde, eine Proviantschachtel mit grobem Getreidemehl und einen Behälter aus Kuhhorn.

Konserviert im Eis

Viel mehr dürfte über das Schicksal des archaisch ausgerüsteten Wanderers nicht mehr in Erfahrung zu bringen sein. Denn der Berggänger war bereits vor gut 4000 Jahren am Lötschenpass unterwegs. Das geht aus den Funden des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern hervor. Die Fundstücke entdeckten die Mitarbeiter während der letzten fünf Jahre. Die letzten Gegenstände wurden nun im vergangenen Sommer geborgen.

Die Bergausrüstung aus der frühen Bronzezeit ist dank der konservierenden Wirkung von Schnee und Eis erstaunlich gut erhalten. Regula Gubler vom Archäologischen Dienst geht davon aus, dass das Fundensemble nun komplett ist. Dass auch noch die Leiche des Bergsteigers zum Vorschein kommt, sei eher unwahrscheinlich.

Möglicherweise liefert aber die nun beginnende wissenschaftliche Aufarbeitung Anhaltspunkte dazu, weshalb die Ausrüstung auf dem Lötschenpass liegen blieb und was genau mit dem Wanderer passiert sein könnte.

Wichtige Handelsroute

Den Alpenübergang zwischen dem Kandertal auf Berner und dem Lötschental auf Walliser Seite nutzen Menschen schon seit Jahrtausenden. Das haben bereits frühere Funde aus Bronze- und Eisenzeit belegt. Für die Römer war der Weg über den Lötschenpass zusammen mit der Gemmi die wichtigste Verbindung zwischen Wallis und Bern. Für den Handel von Nord nach Süd war er auch als Verlängerung der Simplonroute in die Nordschweiz von grosser Bedeutung.

Nicht nur für Güter, auch für die Verteidigung war der Lötschenpass lange Zeit von grosser Bedeutung: Die Schweizer Armee richtete im 19. Jahrhundert einen Wachposten auf der Passhöhe ein. Dieser wurde später umfunktioniert und schrittweise zur Hütte umgewandelt.

Erste Funde 2011

Beat Dietrich, der Hüttenwart auf dem Lötschenpass, machte bereits 2011 spannende Funde in ausapernden Schnee- und Firnfeldern unweit der nördlichen Passhöhe. Im Sommer 2012 konnten die Mitarbeiter des Archäologischen Dienstes des Kantons Berns in der Nähe der Fundstücke weitere Utensilien sicherstellen. In den darauffolgenden Sommern lag die Fundstelle unter Schnee verborgen. Nach dem ungewöhnlich warmen Sommer 2017, dem ein schneearmer Winter vorhergegangen war, konnten die Arbeiten fortgesetzt werden.

Erste Nachforschungen haben nun ergeben, dass viele Fundstücke aus der Zeit um 2000 bis 1800 vor Christus, also der Frühbronzezeit stammen. Dazu gehören etwa eine Spanschachtel mit grobem Getreidemehl, Pfeilbogenfragmente, drei Pfeilspitzen aus Silex, ein Behälter aus Kuhhorn und kleine Lederstücke. «Das Fundensemble kann als Ausrüstung eines frühbronzezeitlichen Berggängers interpretiert werden», schreibt der Archäologische Dienst in einer Mitteilung. Die Lederstücke würden auf einen rucksackartigen Behälter hindeuten.

Selbst für die erfahrenen Mitarbeiter hat der Fund Seltenheitswert: «Die Überlieferung einer solchen Ausrüstung aus der Bronzezeit ist einzigartig», so die Mitteilung weiter. Bei den Gegenständen aus der Frühbronzezeit handelt es sich um die bislang ältesten Fundgegenstände auf dem Lötschenpass. Dank dem akribischen Vorgehen des Archäologischen Dienstes konnten in den vergangenen Jahren auch jüngere Gegenstände geborgen werden: so etwa römische Holzobjekte oder ein eisenzeitliches Gefäss, in dem möglicherweise Glut über Schnee und Eis transportiert wurde.

Die Zeit drängt

Die rasch voranschreitende Gletscherschmelze dürfte in Zukunft viele weitere interessante Objekte wie jene des einsamen Wanderers am Lötschenpass freigeben. Doch sind die Fundstücke aufgetaut, drängt die Zeit für die Forscher. Der Witterung ausgesetzt, zersetzen sich Holz und Leder rasch. So ist in wenigen Jahren verschwunden, was über Jahrtausende konserviert war. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.10.2017, 19:26 Uhr

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