Warum dieser Gletscher vorstösst

Grindelwald

Als einziger der beobachteten Oberländer Gletscher ist der Obere Grindelwaldgletscher letztes Jahr angewachsen. Dies hat mit dem Fliessverhalten des Gletschers zu tun.

Auf 30 Meter angewachsen:?Die Trennungslücke am Oberen Grindelwaldgletscher im Beesibergli (unter der Bildmitte zu sehen).

Auf 30 Meter angewachsen:?Die Trennungslücke am Oberen Grindelwaldgletscher im Beesibergli (unter der Bildmitte zu sehen).

(Bild: Bruno Petroni)

Der von dieser Zeitung vor zwei Wochen publizierte neue Kryosphärenbericht der ETH Zürich zeigt auf, dass im letzten Jahr von den 18 im Berner Oberland überwachten Gletschern ein einziger nicht weiter zurückging, sondern sogar um 2 Meter vorstiess. Es handelt sich um den Oberen Grindelwaldgletscher.

Dieser war vor drei Jahren von einer Abtrennung seiner 1200 Meter langen Gletscherzunge betroffen, welche fortan als einer der weltweit grössten Toteisriegel überhaupt vor sich hin schmilzt. Will heissen, dass das riesige Eisfeld nicht mehr mit Eis vom darüber liegenden Muttergletscher gespeist und nun allmählich zerfallen wird.

Lücke hat sich vergrössert

Im Bereich des Beesibergli auf 2100 Metern über Meer hat sich die Lücke vom Muttergletscher zum Toteisfeld seither markant vergrössert – hier klafft eine Lücke von rund 30 Metern Höhe (siehe unterhalb der Bildmitte). Der darüber hängende Eisriegel ist im Verlaufe des letzten Jahres um 2 Meter angewachsen.

Der Zürcher ETH-Glaziologe Andreas Bauder hat dafür eine Erklärung: «Seit der Abtrennung vom darunter liegenden Toteisriegel hängt der ‹aktive› Zungenrand am oberen Ende der früheren Zunge. Und dort reicht der Eisnachschub momentan offenbar dafür aus, die Position zu halten, und sogar auch für ein ­geringes Vorrücken.» Begünstigt wird das neuerliche Wachstum durch die schattige Hanglage wegen der nach Norden ausgerichteten Exposition.

Die Gletscher fliessen

Der unterste Bereich des Toteisriegels hat sich inzwischen aus dem «Becken» der Wächsleren in den Steilhang zurückgezogen, befindet sich also rund 1 Kilometer hinter dem Hehlischopf und 1,5 Kilometer hinter dem Gletschersand. Der Obere Grindelwaldgletscher hat sich beruhigt, nachdem er vor fünf und sieben Jahren mit grossen und spontanen Wasserausbrüchen von sich reden gemacht und im Bereich des Campingplatzes Gletscherdorf sogar bauliche Schutzmassnahmen erfordert hatte (wir haben berichtet).

Eisnachschub ist erklärbar durch das langsame «Fliessen» der Gletscher. Dies ist in neuster Zeit beispielsweise anhand des vor siebzig Jahren abgestürzten US-Militärflugzeugs Dakota auf dem Gauligletscher deutlich zu sehen. Dessen Flügel- und Hunderte weitere Trümmerteile wurden im September des letzten Jahres rund 3 Kilometer unterhalb der damaligen Absturzstelle auf der Gletscheroberfläche entdeckt – was zeigt, dass der Gauligletscher pro Jahr mehr als 40 Meter talwärts fliesst.

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