Zum Hauptinhalt springen

War das betrunkene Opfer urteilsfähig?

Ein 36-Jähriger soll eine stark betrunkene Frau unsittlich berührt haben. Doch er wehrt sich gegen den Vorwurf der Schändung.

Zum Vorfall kam es nach einer feuchtfröhlichen Partynacht (Symbolbild).
Zum Vorfall kam es nach einer feuchtfröhlichen Partynacht (Symbolbild).
iStock

Ein 36-jähriger Schweizer soll im Herbst 2017 in einem Dorf im Berner Oberland eine sehr stark betrunkene junge Frau mit einer Blutalkoholkonzentration von minimal 1,55 und maximal 3,10 Gewichtspromillen am Geschlechtsteil berührt und Zeigefinger und Mittelfinger leicht eingeführt haben.

Er habe dies in Kenntnis ihrer sehr starken Alkoholisierung und der daraus resultierenden Urteilsunfähigkeit gemacht. Aufgrund der Anzeige einer Zeugin erhob die Staatsanwaltschaft des Kantons Bern, Region Oberland, Anklage. Dem Beschuldigten wird Schändung zur Last gelegt. Am Montag fand die Hauptverhandlung am Regionalgericht Oberland in Thun statt.

Nach einer feuchtfröhlichen Partynacht begaben sich der Mann und das mutmassliche Opfer mit weiteren Personen in dessen Wohnung. Dort soll eine sexuell aufgeheizte Stimmung aufgekommen sein. Zu Diskussionen sei es in Bezug darauf gekommen, wer wo schlafen solle.

Bei der Einvernahme durch die Gerichtspräsidentin gab der Beschuldigte zu Protokoll, die Frau sei seiner Ansicht nach nicht so stark betrunken gewesen, dass man «nichts mehr mit ihr hätte anfangen können». Damit gestand er die sexuelle Handlung ein, wollte damit aber darlegen, dass die Frau keineswegs urteils- und widerstandsunfähig gewesen sei.

Erinnerung fehlt teilweise

Die Frau konnte sich an vieles nicht mehr erinnern. Sie räumte ein, dass sie stark betrunken gewesen sei. Immerhin will sie signalisiert haben, dass sie habe schlafen wollen.

«Ich leide noch immer unter Angstzuständen, wenn ich allein unterwegs bin.»

Privatklägerin

«Ich leide noch immer unter Angstzuständen, wenn ich allein unterwegs bin», gab sie zu Protokoll. Nach dem Vorfall war sie in psychiatrischer Behandlung und habe sich einer Aids-Prophylaxe mit unangenehmen Nebenwirkungen, so ihre Aussage, unterzogen.

Die Frau, die die Anzeige erstattet hat, wurde als Zeugin befragt. Auch sie gab an, dass das Opfer stark betrunken gewesen sei. Als sie ins Zimmer gekommen sei, wo der Beschuldigte und die Frau sich aufhielten, habe sie diese auf dem Bauch liegend vorgefunden. Der Mann sei erschrocken und habe sofort erklärt, ihr «nichts gemacht» zu haben.

Aussage gegen Aussage

Die amtliche Anwältin des Opfers, das gleichzeitig als Privatklägerin auftrat, erachtete dessen Urteils- und Widerstandsunfähigkeit aufgrund der starken Alkoholisierung als erwiesen an. Dabei stützte sie sich unter anderem auf die Aussagen von Zeugen. Damit sei der Straftatbestand der Schändung erfüllt.

Sie beantragte eine angemessene Bestrafung und eine Genugtuung von 8000 Franken. Die Staatsanwältin, die auf eine Vorladung verzichtet hatte, beantragt eine bedingte Freiheitsstrafe von zwölf Monaten bei einer Probezeit von zwei Jahren.

Demgegenüber sieht der amtliche Verteidiger des Beschuldigten die diesem zur Last gelegten Vorwürfe als nicht erfüllt. Es stehe Aussage gegen Aussage. Klar bestritten werden die Urteils- und Widerstandsunfähigkeit. Er beantragte einen Freispruch und eine Entschädigung seines Mandanten im Ermessen des Gerichts. Die Privatklage sei abzuweisen. Das Urteil wird am Donnerstag eröffnet. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch