Vom ersten Tag an integrieren

Spiez/Frutigen

Die Asylkoordination Thun will mit einem neuen Projekt die Inte­gration von Asylsuchenden verbessern. Das Vorhaben ist ambitiös: Die Asylsuchenden sollen vom ersten Tag an eine Struktur erhalten – das braucht viele freiwillige Mitarbeiter.

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Nathalie Günter@nathalieguenter

Kollektivunterkunft Freyberg in Hondrich an einem regnerischen Nachmittag: Im Haus ist es laut, die Asylsuchenden vertreiben sich die Zeit mit Putzen, Kochen, Fernsehen oder Billardspielen. 51 Asylsuchende sind in Hond­rich untergebracht, die meisten davon Männer aus Afghanistan oder Eritrea.

Die Vierer- und Zweierzimmer sind eng bemessen, das Haus ist ringhörig. Im Keller hat es acht Kochplatten, drei Duschen und eine Waschmaschine. Die Bewohner hier befinden sich in Phase 1. Das heisst, sie warten auf den Entscheid und wissen nicht, ob sie in der Schweiz bleiben können. Sie hoffen, in die Phase 2 zu kommen, die in erster Linie für vorläufig Aufgenommene steht. Diese leben bereits in Wohnungen oder haben Wohngemeinschaften.

Im Keller hat es acht Kochplatten, drei Duschen und eine Waschmaschine.

«Bis jetzt hat man bei Asylsuchenden in der Phase 1 mit der Integration abgewartet», sagt San­dra Jungen. Die Spiezerin ist bei der Asylkoordination Thun (AKT) als Projektleiterin angestellt. Sie soll das Pilotprojekt «Deutsch und Beschäftigung für Asylsuchende der Phase 1» in Spiez koordinieren. Für die Phase 2 läuft ebenso ein Projekt in der Region Frutigen, das von der AKT mit dem regionalen Sozialdienst umgesetzt werden wird.

Zwei Stunden Deutsch täglich

«Das Ziel ist es, die Asylsuchenden vom ersten Tag an zu beschäftigen und ihnen so eine Struktur zu geben», sagt Jungen. Das Nichtstun fällt den Asylsuchenden schwer. Das Projekt soll verhindern, dass sie sich daran gewöhnen. Konkret lautet das Ziel: zwei Stunden Deutschunterricht am Vormittag, zwei bis vier Stunden Arbeiten in einem Beschäftigungsprogramm am Nachmittag.

Das können zum Beispiel Arbeiten für die Rebbaugenossenschaft sein, oder die Asylsuchenden helfen bei Events der Spiez Marketing AG (Smag) beim Aufbauen oder Putzen. Für diese Arbeiten kriegen die Asylsuchenden drei Franken pro Stunde.

«Das Ziel ist es, die Asylsuchenden vom ersten Tag an zu beschäftigen und ihnen so eine Struktur zu geben.»Sandra Jungen

Das Angebot an solchen Arbeiten ist aber immer noch knapp, auch die finanziellen Mittel des Kantons sind begrenzt. «Da muss viel auf der Freiwilligenbasis geschehen», bringt es Sandra Jungen auf den Punkt. Das ambitionierte Projekt soll diese Woche starten, Jungen ist auf der Suche nach Freiwilligen (siehe Infobox) für den Deutschunterricht.

«Die Freiwilligen sind oft das erste Bindeglied für die Asylsuchenden, die Brücke in die vielleicht neue Heimat», so Jungen. Wenns nur schon darum geht, das Einkaufen, die Begrüssungsregeln oder das System des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz zu erklären.

25 Freiwillige pro Woche

Von diesen Freiwilligen braucht es fürs Pilotprojekt an den Standorten Freyberg wie auch in Frutigen eine Menge Leute. «In Hond­rich sind es aktuell 51 Asylsuchende, die in Klassen von 10 bis 12 Personen unterrichtet werden sollen», sagt Jungen. Also 5 Freiwillige pro Tag, was 25 pro Woche macht.

«Wir wollen explizit, dass sich möglichst viele engagieren und so die Last auf mehrere Schultern verteilt wird.»Sandra Jungen

«Wir wollen explizit, dass sich möglichst viele engagieren und so die Last auf mehrere Schultern verteilt wird», sagt Sandra Jungen. Die Freiwilligen hätten Einsätze von maximal vier bis sechs Stunden pro Woche. «So minimieren wir auch das Klumpenrisiko, also auf einzelne Personen angewiesen zu sein.»

Zeit dafür, das Ganze aufzubauen, hat Sandra Jungen bis Mai 2017 – bis dahin dauert ihr Vertrag. Die Spiezerin, die auch schon den internationalen Frauentreff in Spiez aufgebaut hat, ist zuversichtlich. «Es ist sicher ein ambitioniertes Ziel, aber wir wollen es versuchen.»

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